Urbaner Gartenbau – die Zukunft der Nahrungsmittelproduktion?

20.05.2014 |  Von  |  Allgemein, Dienstleistungen

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Traditionell verortet man die Äcker und Beete ausserhalb der urbanen Gebiete. Die Stadt ist die Domäne der Verwaltungen, des Verkehrs, des Einzelhandels und der kreativen Produktion. Das Land ist dagegen für den Anbau von Nutzpflanzen und die Viehzucht zuständig. So die landläufige Meinung.

Der urbane Anbau von Blumen, Gemüse und Getreide hat jedoch schon lange Tradition. Obwohl man es in einem dicht besiedelten Gebiet nicht vermuten mag, bietet doch gerade die Stadt erstaunlich viel Raum für eine Bewirtschaftung mit Pflanzen. Gründe und Konzepte dazu gibt es viele.



Urbaner Anbau bietet viele Vorteile. Zunächst einmal ist es eine Ausnutzung des Gestaltungsraums, welchen die Stadt bietet. Zwar sind die Grundstückspreise in einer Stadt stets besonders hoch. Dennoch entstehen durch den ständigen Umbau einer Stadt immer wieder Brachen, Lücken und unbebaubare Gebiete, welche nicht sinnvoll genutzt werden können.

Ein Beispiel dafür ist der Raum unter Brücken. Pflanzen sind hingegen häufig recht anspruchslos. Das konsequente Begrünen dieser Brachen ist ein wirksames Zeichen für Besiedelung und Nutzung, was primär soziale Auswirkungen hat. Genutzte Flächen vermüllen nicht und sind eine geringere Motivationsfläche für Vandalen wie beispielsweise Graffiti-Sprayer.

Eine bebaute Fläche signalisiert Achtsamkeit und ist ein Gegenzeichen zu Verfall und Verwahrlosung. Dies wirkt sich positiv auf die Zufriedenheit der Anwohner einer Stadt aus. Die Anspruchslosigkeit vieler Zier- und Nutzpflanzen erlaubt auch temporäre Nutzungen. So können auch Lücken verwendet werden, deren Bebauung noch einige Zeit auf sich warten lässt.

Zwar bedarf es einer erheblichen Ausweitung urbaner Begrünung, um signifikante Effekte auf die Luftqualität zu erhalten. Als Bestandteil einer Stadtplanung kann die Begrünung zur Verbesserung der Lebensqualität in einer Stadt jedoch ein wirksames Mittel sein. Urbane Bepflanzung steigert die Luftfeuchtigkeit, bindet den Staub und bietet vielen Tieren einen Lebensraum. Eine Reduzierung von Kohlendioxyd und eine Steigerung des Sauerstoffgehalts sind jedoch allenfalls theoretischer Natur. Man soll eben nie zu viel von einer Sache erwarten.



Eine Bewirtschaftung im Sinne einer Nahrungsmittelproduktion ist ebenfalls in urbanen Gebieten sehr sinnvoll. Dabei muss der Anbau von Obst und Gemüse noch nicht einmal unter freiem Himmel stattfinden. Es existieren moderne Konzepte, welche den Anbau von Salat und anderen kleinwüchsigen Nutzpflanzen durchaus innerhalb von Gebäuden gestattet. Gezielte Bewässerung, physische Abschirmung vor Schädlingen und äusserst kontrollierter Anbau haben in Versuchen bereits sehr vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Mit der Herstellung einer künstlichen Atmosphäre sind letzten Endes Missernten ausgeschlossen und zudem Mehrfachernten möglich.



Mit Lichtleiterkabeln und Spiegelsystemen kann sogar das Sonnenlicht von aussen an beliebige Punkte innerhalb des Gebäudes gelenkt werden. Damit wird selbst eine künstliche Beleuchtung überflüssig, was den urbanen Nahrungsmittelanbau auch im Kostenrahmen hält.

Eine weitere Idee ist es, die Pflanzen abgeschirmt in einer reinen CO2-Atmosphäre aufzuziehen. (Bild: PathDoc / Shutterstock.com)

Eine weitere Idee ist es, die Pflanzen abgeschirmt in einer reinen CO2-Atmosphäre aufzuziehen. (Bild: PathDoc / Shutterstock.com)

Eine weitere Idee ist es, die Pflanzen abgeschirmt in einer reinen CO2-Atmosphäre aufzuziehen. Das macht den Einsatz von Pestiziden schon von vornherein überflüssig, da sämtliche Schadtiere unter solchen Umgebungsbedingungen nicht gedeihen können. Entsprechende Brutsysteme zu entwickeln ist für einen ausgebildeten Techniker allenfalls eine Fingerübung.

Zwar ist die Begrünung einer Stadt nicht direkt zur Senkung des CO2-Ausstosses sinnvoll. Indirekt stellt sich dieser Faktor aber genau gegenteilig dar: Urbanes Wachstum von Gurken, Zwiebeln und Salaten wirkt sich direkt auf eine Reduzierung der Transportwege aus. Anstatt die Nahrungsmittel von weit her anfahren zu müssen, entstehen sie direkt vor Ort. So liegt zwischen Produktion und Konsum von urban gezüchtetem Gemüse nur ein Bruchteil der Entfernung, die im herkömmlichen Verfahren zu überbrücken ist. Die eingesparten Treibstoffe, welche bislang für den Transport der Waren genutzt werden, sind bei konsequenter Nutzung der urbanen Möglichkeiten erheblich.

Wenn man nun noch eine energetische Nutzung der anfallenden Bioabfälle anstrebt, wird die urbane Nahrungsmittelproduktion sehr schnell zu einer äusserst wirksamen Massnahme für den Klimaschutz. In einem durchdachten System ist das Recycling der anfallenden Bioabfälle ein immanenter Bestandteil. Dieser ist durch das konzentrierte Auftreten dieser Reststoffe bei einer Produktionsanlage für Nahrungsmittel besonders einfach umzusetzen.



Eine Entwicklung läuft der urbanen Nahrungsmittelproduktion entgegen. Mit der zunehmend automatisierten Mobilität ist das privat genutzte Auto mutmasslich ein aussterbendes Modell. Schon heute versuchen viele Städte den Bestand an Autos zu erschweren und nach Möglichkeit zu reduzieren. Die Belastung durch die Abgase ist auch bei modernen Fahrzeugen in vielen Orten nicht mehr hinnehmbar.

Das bedeutet, dass Parkhäuser bald mutmasslich nicht mehr in dem Masse gebraucht werden, wie es heute der Fall ist. Diese Gebäude sind für eine Transformation in ein Urban-Gardening-Objekt ideal. Viel Gestaltungsraum und eine wetterfeste Konstruktion öffnen den findigen Agraringenieuren zahlreiche Möglichkeiten, den Anbau von Nahrungsmitteln in Gebäuden umzusetzen.

Urban Gardening würde, professionell betrieben, auch eine Vielzahl an Arbeitsplätzen bieten. Anlagen dieser Art sind zwar gut zu organisieren. Ihre Bewirtschaftung, Verwaltung und Instandhaltung sind jedoch nur in Teilen automatisierbar. Ortsnahe Jobs sind wiederum ein weiterer Faktor zur Reduzierung von Fahrtwegen, was wieder der Luftqualität und dem Schutz der Atmosphäre zugutekommt.

Noch sind es nur Projekte von Idealisten und engagierte Versuche von Visionären. Aber dies ist immer der Beginn einer neuen Entwicklung. Die Konzepte für eine urbane Landwirtschaft sind vorhanden. Auf ihrer Umsetzung liegt ein gewaltiger Druck, zu umfassend sind ihre Vorteile. Gäbe es bereits Aktien- und Fondgesellschaften, welche sich mit dieser Idee befassen, wäre es an der Zeit, Anteile zu erwerben.



 

Oberstes Bild: © Dirk Ott – Shutterstock.com


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