Managementlehrgang für Kinder – Übertreibung oder Notwendigkeit?

12.09.2014 |  Von  |  Organisation
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Managementlehrgang für Kinder – Übertreibung oder Notwendigkeit?
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Manager im Kindesalter? Abteilungsleiter, die gerade ihren Windeln entstiegen sind? Was ein wenig nach dem Drehbuch einer Komödie klingt, könnte tatsächlich bald Realität werden – und zwar direkt vor unseren Haustüren in der Kulturhauptstadt Basel.

Dort nämlich fand im vergangenen August das Junior Leadership Camp statt. Dabei handelt es sich, wie der Name schon sagt, um eine Anlaufstelle für Kinder, die dort innerhalb von zwei Wochen die Basics des Management-Alltags vermittelt bekommen haben – aber bringt das tatsächlich etwas oder handelt es sich dabei nur um einen weiteren Versuch von überambitionierten Eltern, ihre Kinder zu „Karrieremonstern“ zu erziehen?



Führungspersönlichkeiten im Kindergarten

Die Teilnehmer des Junior Leadership Camps bewegen sich in einem Alter zwischen 10 und 15 Jahren und kommen längst nicht mehr nur aus der Schweiz, sondern beispielsweise auch aus dem entfernten Tokio. Anders als in gewöhnlichen Schulen werden dort Inhalte gelehrt, die man eher auf einem Seminar für angehende Führungskräfte vermuten würde. Zeitmanagement nach der ABC-Analyse, die Strukturierung von Arbeitsprozessen oder auch Details darüber, wie gute Redner ihre Rhetorik noch weiter verbessern, stehen auf dem strengen zweiwöchigen Programm.

Damit zu viel Theorie das Camp nicht zu trocken gestaltet, stehen auch Ausflüge auf dem Programm – beispielsweise auf den Flughafen von Basel, um dort das in Zukunft garantiert häufig stattfindende schnelle Ein- und Auschecken zu lernen. Abends kommt eine Controllerin von Novartis vorbei, um den Kindern Rede und Antwort zu stehen. Freizeit findet ebenfalls statt, wie etwa in Form von Picknicks unterwegs. Es versteht sich von selbst, dass dabei nur Kinder und Personen aus demselben Umfeld anwesend sind, sodass sich auch diese Entspannungsübung hauptsächlich um fachliche Angelegenheiten dreht. Immerhin: Über eine mangelnde intellektuelle Herausforderung können sich die Kinder dort nicht beklagen. Gesprochen wird natürlich Englisch, damit man sich mit den zahlreichen Gästen aus aller Welt auch unterhalten kann.

Kinder bleiben Kinder. (Bild: Sergey Novikov / Shutterstock.com)

Kinder bleiben Kinder. (Bild: Sergey Novikov / Shutterstock.com)




Kinder bleiben Kinder

Trotz des leicht ironischen Untertons unseres Artikels dürfen Sie nicht denken, dass wir Institutionen wie das Junior Leadership Camp von vornherein verurteilen – denn auch dort sind Kinder nach wie vor Kinder und werden nicht etwa, wie es Jugendschützer vielleicht vermuten könnten, ihrer Kindheit beraubt. In den Pausen rennen die Kinder zwischen den Bäumen auf dem Campus herum, spielen sich gegenseitig Streiche, füttern Tauben und werfen mit Apfelresten auf Boote im Rhein. Nur in Gesprächen zeigt sich, dass hier die Elite der kommenden Generation antritt: Dort drücken sich die Jugendlichen wesentlich gewählter als der durchschnittliche 15-Jährige aus, ein Gast aus Japan beispielsweise ist im letzten Jahr japanischer Vizemeister im Schach geworden. Komplett ohne Sorge sehen aber gerade Experten Einrichtungen à la Junior Leadership Camp nicht, wie eine Einschätzung einer Professorin der Universität Bern zeigt.



Zu viel, zu schnell



Claudia Roebers, welche sich hauptsächlich mit Entwicklungspsychologie an der erwähnten Universität beschäftigt, zeigt sich beispielsweise skeptisch: Im 21. Jahrhundert spricht man dabei von einer Entwicklung zum überplanten Kind. Eltern nehmen grosse Anstrengungen auf sich, um selbst die Freizeit der Kleinen zu strukturieren – was ohnehin bereits ein Widerspruch in sich ist. Nichtstun, Langeweile, spontane Ideen wie vielleicht das Spielen auf der Strasse mit anderen Kindern? Nicht mit den Kindern des Junior Leadership Camps. Die natürliche Umgebung, in welcher die allermeisten Kinder aufwachsen und sich sozialisieren, wird durch eine strukturierte Lernumwelt ersetzt – und die habe nur in seltenen Fällen etwas mit der echten Welt gemeinsam. Leiden würden darunter in erster Linie die sogenannten selbstregulatorischen Fähigkeiten, so Roebers: Was passiert, wenn man Kinder einfach gewähren lässt, werden diese Heranwachsenden niemals erfahren.

Auch würden die Kinder nicht die Fähigkeit erlangen, selbst einen Plan zu entwerfen und diesen auch durchzuführen, da schliesslich ihr gesamtes Leben einem Stundenplan folgt – obwohl doch gerade dieser Management-Skill bei einem Coaching für Führungskräfte sehr wichtig sein dürfte. Eine Rechtfertigung kommt hingegen aus dem Lager des Camps: Der Konkurrenzdruck sei in der heutigen Zeit härter, die Kinder wüssten, dass sie früh aktiv werden müssten – aber ist das gerade angebrochene Teenager-Zeitalter nicht vielleicht etwas zu früh?

Keine Bedenken seitens der Eltern

Die mehreren Tausend Franken für die zweiwöchige Prozedur zahlen offensichtlich dennoch viele Eltern, denn das Camp ist komplett ausgebucht – und das liegt nicht einmal unbedingt an den besagten Eltern. Einer der Teilnehmer hat mit 16 Jahren seine Matura in der Tasche und möchte so schnell wie möglich Physik studieren. Seine Eltern hatten ihm angeraten, vorher noch etwas anderes, weniger Theoretisches zu machen – aber er wollte nicht. Möglicherweise züchten also nicht die Eltern, sondern unsere ganze Gesellschaft eine kleine Elite an Supermanagern heran …



 

Oberstes Bild: © titov dmitriy – Shutterstock.com


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