Die Ursachen für Burnout abbauen – woher der Stress kommt und was dagegen hilft

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Die Ursachen für Burnout abbauen – woher der Stress kommt und was dagegen hilft
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Fühlen Sie sich stressgeplagt und fragen sich an manchen Tagen, ob Sie bereits die ersten Zeichen eines Burnouts spüren? Allein sind Sie mit solchen Problemen nicht. Eine Studie der Uni Bern kommt zum Ergebnis, dass ein knappes Viertel der erwerbstätigen Schweizerinnen und Schweizer „ziemlich oder stark“ unter Erschöpfung leiden, bei 6 % von ihnen kündigt sich ein Burnout an.

Noch dramatischer lesen sich die absoluten Zahlen: Erschöpft fühlen sich über eine Million Eidgenossen, akut Burnout-gefährdet sind in der Schweiz etwa 300’000 Menschen. Daraus entstehen pro Jahr volkswirtschaftliche Kosten in Höhe von 5,58 Milliarden Franken.

Mit diesen Daten unterscheidet sich die Schweiz kaum von ihren Nachbarländern. Wie Betroffene die Ursachen für Burnout abbauen und eine Work-Life-Balance erreichen, ist eine Frage, die nicht nur den Einzelnen, sondern auch Unternehmensführungen und die Gesellschaft etwas angeht. Im Kern geht es dabei um Burnout-Prävention – also darum, wie wir in einem stressigen Alltag unsere persönlichen Ressourcen schützen und erhalten können.


Die Statistik zeigt den Anteil der chronisch auftretenden Belastungsfaktoren bei Erwerbstätigen in der Schweiz. (Quelle: © Statista)

Die Statistik zeigt den Anteil der chronisch auftretenden Belastungsfaktoren bei Erwerbstätigen in der Schweiz. (Quelle: © Statista)


Ursachen für Burnout abbauen – fängt das nicht in der individuellen Lebensweise an?

Ja und nein. Natürlich sollten Stress und Erschöpfung gar nicht so weit gedeihen, dass ein Burnout droht. Mediziner und Psychologen empfehlen Auszeiten und regelmässige Entspannungsübungen am Arbeitsplatz, vor allem aber, Beruf und Freizeit klar zu trennen. Im Arbeitsalltag bleibt dies jedoch oft ein unerfüllbarer Wunsch. Die Berner Forscher schreiben, dass einer der wesentlichen Gründe für die grassierende Burnout-Problematik darin liege, dass sich die Arbeitsbelastung des Einzelnen immer mehr verdichte – der Druck steigt, die Möglichkeiten für Pausen nehmen ab.

Arbeitgeber setzen oft voraus, dass ihre Mitarbeiter auch abends und in den Ferien erreichbar sind – Smartphones und andere Mobilgeräte schaffen ideale Voraussetzungen für angebliche Produktivität rund um die Uhr. Hinzu kommt die Präsenzkultur in vielen Unternehmen, die auf den höheren Stufen der internen Hierarchie beginnt und sich von dort „nach unten“ fortsetzt. Mitarbeiter, die der Meinung sind, dass ihr Arbeitstag mit der Erfüllung der Regelarbeitszeit zu Ende sein dürfe, werden in einer solchen Firmenkultur nicht nur von ihren Chefs, sondern auch von den Kollegen abgestraft. Dass sich in einem solchen Umfeld die Ursachen für Burnout abbauen oder vermeiden lassen, ist mehr als unwahrscheinlich. Ob die „Präsenz um jeden Preis“ auch für die Firmen effektiv ist, steht auf einem völlig anderen Blatt.

Hinzu kommt, dass sich in den Unternehmen die Arbeitsabläufe stark verändert haben. Hier spielen unter anderem die Einflüsse der Globalisierung und der digitalen Ära eine Rolle. Die Kollaboration mit den Kollegen in den USA oder in Asien ist im Rahmen der „normalen“ Arbeitszeiten oft nicht zu schaffen. Immer mehr Beschäftigte arbeiten vor allem in virtuellen Teams. So faszinierend die digitale Kommunikation auch ist – für den einzelnen Mitarbeiter kann sie immensen Druck und ein sehr unpersönliches Moment enthalten. Die Ursachen für Erschöpfung und Burnout abzubauen, erscheint vor diesem Hintergrund nicht nur auf der individuellen, sondern auch auf der Unternehmensebene schwierig. Hilfreich ist in diesem Kontext, zu wissen, wie Stress entsteht, wie er sich auf die Psyche und den Körper auswirkt und was ein Burnout eigentlich ist.


Viele Arbeitgeber setzen oft voraus, dass ihre Mitarbeiter auch in ihrer Freizeit erreichbar sind. (Bild: GaudiLab – shutterstock.com)

Viele Arbeitgeber setzen oft voraus, dass ihre Mitarbeiter auch in ihrer Freizeit erreichbar sind. (Bild: GaudiLab – shutterstock.com)


Stressreaktionen sind auch Überlebenshilfen

Ohne die Fähigkeit, Stress zu empfinden und in angemessene Reaktionen umzusetzen, wäre die Menschheit vermutlich frühzeitig wieder ausgestorben. Stressreaktionen in ihrer ursprünglichen Form ermöglichen eine schnelle Anpassung des Körpers an Gefahrensituationen mit unterschiedlichen Konsequenzen: Angriff, Verteidigung oder aber Flucht. Herz-Kreislauf-System, Atmung und Muskeltätigkeit werden aktiviert. Andere, in der akuten Situation unwichtige Körperfunktionen werden dagegen stark zurückgefahren. Gleichzeitig fokussiert sich die Aufmerksamkeit völlig auf die tatsächliche oder vermeintliche Attacke.

Bei diesen Vorgängen spielen verschiedene Hormone eine Rolle, die bekanntesten von ihnen sind die Stresshormone Adrenalin und Cortisol, die – jeweils auf Basis unterschiedlicher Wirkungsmechanismen – für einen massiven Energieschub sorgen. Die Hirnanhangdrüse schüttet Endorphine – körpereigene Opiate – aus, die das Schmerzempfinden dämpfen und zu einem euphorischen Zustand führen können. Ist die Gefahr vorbei, fährt der Körper auch sein „Stress-System“ herunter – idealerweise sollte auf eine Stressreaktion Entspannung folgen. Die Ursachen für Burnout abbauen bedeutet also unter anderem, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Anspannung/Stress und Entspannung herzustellen.


Folgt auf eine Stressreaktion keine Entspannung, gerät der Organismus aus dem Gleichgewicht.    (Bild: ra2studio – shutterstock.com)

Folgt auf eine Stressreaktion keine Entspannung, gerät der Organismus aus dem Gleichgewicht. (Bild: ra2studio – shutterstock.com)


Positiver Stress – motivierend, befriedigend, bereichernd

Wir haben uns daran gewöhnt, mit Stress vor allem negative Gefühle und potenziell krank machende Effekte zu verbinden. Stress ist jedoch durchaus nicht immer negativ. Positiver Stress – der sogenannte „Eustress“ – befähigt uns, auch grössere Herausforderungen im Beruf oder im privaten Leben zu bestehen. Durch positiven Stress erhöhen sich Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit, er ist mit einer hohen Motivation verbunden.

Ein Spitzensportler wird vor und während eines Wettkampfs diese Art von Stress empfinden. Seine körperlichen und psychischen Ressourcen kann er gerade hierdurch vollständig mobilisieren. Vergleichbare Erfahrungen machen Wissenschaftler oder Projektmitarbeiter, denen es zumindest zeitweise gelingt, in ihrer Arbeit völlig aufzugehen.

Positiver Stress spielt als Motivationsfaktor auch in den Managementwissenschaften und im Coaching eine Rolle: Höchstleistungen vollbringen wir nur dann, wenn wir gezwungen sind, unsere Komfortzone zu verlassen, was naturgemäss mit Stress – oft aber auch mit grosser Befriedigung – verbunden ist. Wenn Motivation, eine spannende Aufgabe, Erfolgserlebnisse und Anerkennung mit positivem Stress zusammenfallen, nehmen wir diese Konstellation möglicherweise auch über einen längeren Zeitraum nicht als belastend, sondern als bereichernd wahr. Allerdings müssen wir auch hierbei lernen, unsere Grenzen zu erkennen und zu respektieren. Die Ursachen für Burnout abbauen oder von vornherein ausschliessen erfordert von uns – und idealerweise auch von unseren Chefs – ein gesundes Augenmass.


Positiver Stress spielt als Motivationsfaktor eine sehr wichtige Rolle. (Bild: Peter Bernik – shutterstock.com)

Positiver Stress spielt als Motivationsfaktor eine sehr wichtige Rolle. (Bild: Peter Bernik – shutterstock.com)


Negativer Stress – das innere Gleichgewicht gerät aus der Balance

Problematisch wird es immer dann, wenn Stress zum Dauerzustand wird. Unser evolutionäres Stressprogramm sorgt in einem solchen Fall dafür, dass wir permanent unter Spannung stehen, die wir weder körperlich noch seelisch kompensieren können. Eine der Gründe dafür ist, dass die „Bedrohungen“, auf die wir mit dem Stressprogramm reagieren, nicht zeitlich begrenzt und offensichtlich, sondern Bestandteil unserer täglichen Routinen sind.

Nicht jede Tätigkeit ist mit hoher Motivation und einem positiven „Flow“ verbunden. Selbst wenn ein solcher zustande kommt, hebeln ständige Unterbrechungen ihn vielleicht in der nächsten Minute wieder aus. Auch permanenter Zeitdruck, ein autoritärer Chef, ein konkurrierender Kollege oder private Belastungen lassen sich nicht einfach ignorieren. Die Ursachen für Erschöpfung und Burnout abbauen kann in solchen Situationen dringend nötig und oft schon lange überfällig sein. Gleichzeitig stehen wir ihnen oft recht hilflos gegenüber und versuchen, einfach weiter zu funktionieren, obwohl unser inneres Gleichgewicht schon längst aus der Balance geraten ist.

Wenn wir keine Möglichkeit haben – oder zu haben glauben –, uns solchen Dauerbelastungen zu entziehen und persönliche Gegengewichte zu schaffen, entsteht daraus negativer Stress. Die körperlichen und seelischen Veränderungen während einer akuten Stressreaktion werden zum Normalfall. Wir können nicht mehr „abschalten“ und arbeiten vielleicht bis tief in die Nacht hinein. Selbst in Ruhephasen fühlen wir uns angespannt, anstehende Aufgaben und Probleme verfolgen uns bis in den Schlaf hinein. Die Ursachen von Burnout abbauen bedeutet in dieser Dimension, den negativen Stress-Kreislauf zu durchbrechen. Damit aus Dauerstress tatsächlich ein Burnout wird, sind allerdings noch einige andere Faktoren nötig.


Dauerstress kann zum Burnout führen. (Bild: Lightspring – shutterstock.com)

Dauerstress kann zum Burnout führen. (Bild: Lightspring – shutterstock.com)


Burnout-Syndrom – arbeitsbezogene Stressreaktion mit komplexen Ursachen und Folgen

Die Begründer der modernen Burnout-Forschung, die US-amerikanischen Psychologen Herbert Freudenberger und Christina Maslach, definierten in den 1970er-Jahren drei grundlegende Dimensionen eines Burnouts:

  • körperliche, psychische und emotionale Erschöpfung
  • Depersonalisierung – innere Distanz, Versachlichung beruflicher (und oft auch privater) Beziehungen, zynische Gefühle gegenüber anderen Menschen und sich selbst
  • Erleben von Wirkungslosigkeit und Misserfolgen, Sinnverlust, wachsende Diskrepanz zwischen äusseren Anforderungen und persönlichen Ressourcen.

In der Eidgenossenschaft gibt es seit 2007 das „Swiss Expert Network on Burnout“, dem Ärzte, Wissenschaftler und Therapeuten angehören. Für die Schweiz haben sie eine allgemeingültige Definition des Burnout-Syndroms entwickelt, die bei der Entstehung sowie den empirischen Symptomen der Erkrankung ansetzt.

Ein Burnout ist demnach eine arbeitsbezogene Stressreaktion, die bei „normalen“ Individuen einen anhaltend negativen Gefühlszustand zur Folge hat. Gekennzeichnet ist er durch negativen Stress, das Gefühl reduzierter Effektivität und schwindender Motivation, aber auch durch körperliche Symptome, da die neuroendokrinen Mechanismen zur Stressbewältigung versagen. Betroffene entwickeln an ihrem Arbeitsplatz zunehmend dysfunktionale Einstellungen und Verhaltensweisen, bemerken jedoch oft lange nicht, dass sie an einem Burnout leiden.

Die Ursachen des Burnout-Syndroms finden sich in sechs „strategischen Bereichen“: Arbeitsbelastung, Gemeinschaft, Unterstützung, Werte, Fairness und Kontrolle. Wenn in einem oder mehreren dieser Punkte Ungleichgewichte bestehen, reichen die Ressourcen von Individuen für einen angemessenen Umgang mit den Bedingungen am Arbeitsplatz nicht mehr aus. Oft resultieren daraus inadäquate Bewältigungsstrategien, die selbst Bestandteil des Syndroms sind und statt des Burnout-Abbaus dessen Fortschreiten zur Folge haben.

Burnout – Krankheit oder Modediagnose?

Trotzdem ist der Burnout-Begriff unter Medizinern und Psychologen nach wie vor umstritten. Viele von ihnen betrachten Burnout als eine Modediagnose, die ihre Triebkraft vor allem aus den medialen Diskussionen darüber schöpft, und sprechen stattdessen lieber von einer Erschöpfungsdepression. In den IDC-10-Krankheitsklassifikationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird das Burnout-Syndrom nach wie vor nicht als eigenständige Erkrankung anerkannt, sondern hat den Stellenwert einer Zusatzdiagnose. Aus Sicht der WHO ist das Burnout-Syndrom ursächlich mit Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung verbunden, die bis zur völligen Erschöpfung führen können. Gleichzeitig gibt es inzwischen eine ganze „Burnout-Industrie“, die dafür sorgt, dass zu stark Gestresste die Ursachen für Burnout abbauen und sich körperlich und seelisch wieder regenerieren können.



Im Gegensatz zu Depressionen ist Burnout in der öffentlichen Meinung positiv besetzt

Bei Letzterem – der Inanspruchnahme professioneller Hilfe – kommt ein wichtiger Punkt zum Tragen. Die Ursachen für Burnout abbauen und dafür persönliche Stressbewältigungsstrategien entwickeln müssen von einem Burnout betroffene oder gefährdete Menschen auch selber wollen. Der Burnout-Begriff ermöglicht ihnen, mit ihren Problemen offen umzugehen.

Sich selbst und anderen gegenüber zuzugeben, dass sie unter einem Burnout leiden, fällt Betroffenen leichter, als die Diagnose einer Depression zu akzeptieren. Schliesslich machen sie durch einen Burnout auch deutlich, dass sie zu den Leistungsträgern der Gesellschaft zählen. Wer ausbrennt, hat zuvor für seine Aufgabe gebrannt und sich daran erschöpft. Freudenberger, Maslach und die anderen „frühen“ Burnout-Forscher hatten das Syndrom zunächst vor allem am Beispiel von Beschäftigten in sozialen Berufen untersucht, die arbeitsmässig stark belastet waren, an ihren Arbeitsplätzen jedoch nur einen geringen Status hatten und wenig bis keine Autonomie genossen. Diese Einschränkung ist schon seit Langem nicht mehr gültig. Der Ausgangspunkt ist heute, dass ein Burnout jeden treffen kann. Zudem ist der Burnout-Begriff in der öffentlichen Meinung als ein Ausweis grundsätzlich vorhandener und praktizierter Leistungsbereitschaft weitgehend positiv besetzt.

Völlig anders sieht es im Hinblick auf Depressionen aus. Mit ihnen verbinden die Gesellschaft und oft auch die Betroffenen selbst nach wie vor das Stigma einer psychischen Erkrankung. Eine Studie mit 700 Probanden im Kanton Zug förderte zutage, dass 89 % der Befragten psychische Probleme nur mit dem Partner oder den engsten Familienangehörigen besprechen. Als besondere Tabuzone sehen sie dabei das „Outing“ gegenüber ihrem Arbeitgeber an. 75 % der Befragten würden Depressionen und andere psychische Leiden an ihrem Arbeitsplatz auf jeden Fall verschweigen; 56 % sind überzeugt, dass psychisch Kranke in den Unternehmen mit Diskriminierung rechnen müssen.

Auch für die Unternehmen baut der Burnout-Begriff eine Brücke, um Präventionsmassnahmen zu ergreifen. Die Ursachen für Burnout abzubauen und Möglichkeiten für eine ausgewogene Work-Life-Balance zu schaffen, betrachten immer mehr Firmen als eine zentrale Aufgabe ihres betrieblichen Gesundheitsmanagements und als Kriterium für ihre Attraktivität als Arbeitgeber. Eine der Voraussetzungen dafür ist, dass die Burnout-Problematik nicht als ein individuelles Phänomen, sondern als gesellschaftliches Thema mit objektiven, arbeitsbezogenen Grundlagen begriffen wird.



Die Sache mit den Burnout-Phasen

Ein Burnout ist kein akutes, isoliertes Phänomen, sondern entwickelt sich über einen längeren Zeitraum. Herbert Freudenberger und Gail North beschreiben zwölf unterschiedliche Burnout-Phasen. Interventionen sind an jedem Punkt dieses Prozesses möglich – allerdings ist es gut, damit so früh wie möglich zu beginnen.

Potenzielle Burnout-Opfer zeichnen sich anfangs oft durch besonders hohes Leistungsstreben aus. Viele von ihnen sehen sich selbst als absolute Perfektionisten, die sich und anderen permanent beweisen wollen, dass sie auch extrem hohe Erwartungen ohne Abstriche erfüllen können. Die Vorgesetzten in der Firma werden sich über einen solchen Mitarbeiter kaum beschweren – die Kehrseite der Medaille ist jedoch oft, dass auch der Workload immer grösser wird.

Persönliche Bedürfnisse, soziale Kontakte oder Hobbys bleiben dabei auf der Strecke. Damit entfallen auch immer mehr Handlungsmöglichkeiten, mit denen sich die Ursachen für einen Burnout abbauen und Gegengewichte ausserhalb der Arbeit schaffen lassen. Die ursprünglichen Leistungsträger leiden unter Überarbeitung und Überforderung, neigen jedoch dazu, Probleme, die sich daraus ergeben, zu verdrängen. Spätestens an diesem Punkt kommt die Burnout-Spirale endgültig in Bewegung und führt immer tiefer in die chronische Erschöpfung.

Die Betroffenen reduzieren soziale Beziehungen, an denen sie auch innerlich beteiligt sind, auf ein Minimum und fokussieren die ihnen verbliebenen Ressourcen immer stärker auf die Arbeit, erleben jedoch auch dort immer öfter Misserfolge. Irgendwann manifestieren sich Zynismus und Verhaltensänderungen. Im Hintergrund machen sich Gefühle der eigenen Wertlosigkeit, Versagensängste und innere Leere breit. Das eigene Wertesystem und eine positive Selbstwahrnehmung spielen keine Rolle mehr.

In den späten Stadien eines Burnouts nehmen Betroffene ihr Leben zunehmend als sinn- und perspektivlos sowie als Abfolge äusserer Pflichten wahr, die sie nur noch mit grösstem Kraftaufwand erfüllen können. Am Ende des Burnout-Prozesses stehen echte Depressionen mit ihren klinischen Symptomen und oft ein völliger Zusammenbruch.



Und wie fühlt sich ein Burnout in der Praxis an?

So weit die Theorie – eine andere Frage ist, wie sich ein Burnout in der Praxis „anfühlt“. Nehmen wir Frau L. als Beispiel, deren Burnout-Geschichte es übrigens wirklich gibt. Auf der einen Seite findet sie alternative Arbeits- und Lebensmodelle spannend, andererseits ist sie ehrgeizig, eine Perfektionistin und durchaus an einer klassischen Karriere interessiert. In ihrem Einstiegsjob ergaben sich daraus über fast zehn Jahre nur wenige Diskrepanzen. Spannende Projekte und Auslandstätigkeiten, aber auch flache Hierarchien und ein entsprechender Entscheidungsspielraum waren die Grundlagen für persönlich befriedigende Arbeit. Der Wechsel von Projektarbeit und längeren Auszeiten ermöglichte ebenso wie ein positives soziales Umfeld eine im Grossen und Ganzen gute Work-Life-Balance.

Den Einstieg in den Burnout bildete in ihrem Fall ein Stellenwechsel: Frau L. bewarb sich auf eine Position im mittleren Management – bei einem grösseren Unternehmen und in einer anderen Stadt. Nachdem sie sich selbst bisher vor allem als Spezialistin ohne den Wunsch nach einer Teamleitungsfunktion gesehen hatte, akzeptierte sie diese als eine der Voraussetzungen für den beruflichen Aufstieg und die neue Stelle. Anfangs stürzte sie sich mit hohem Engagement und ebenso grossem Idealismus in die Arbeit. Zwar ergaben sich aus den stärker hierarchisch geprägten Strukturen der neuen Firma anfangs einige Konflikte, die erschienen jedoch zunächst recht einfach lösbar.

Komplizierter wurde es nach einem Führungswechsel. Der neue Chef setzte auf striktes Durchsetzen der Hierarchien und führte Leistungsziele ein, die auch im Rahmen von Zehn-Stunden-Tagen nur bedingt zu schaffen waren. Leistungsbeurteilungen erfolgten nach Jack Welchs 20-70-10-Modell, in dem 10 % der Mitarbeiter automatisch als „Underperformer“ gelten – im konkreten Fall fanden sich missliebige Mitarbeiter fast automatisch auf einer damit begründeten internen „Abschussliste“ wieder.

L.reagierte auf die neuen Bedingungen mit Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit, versuchte – eher erfolglos – die Folgen für ihr Team in einem gewissen Masse abzufedern, fühlte sich zunehmend unwohl, machte das auch deutlich und landete irgendwann ebenfalls in der 10-%-Abteilung der Bewertungsliste. Der „grosse Bruch“ kam an einem Montagmorgen, an dem sie fertig angezogen in ihrer Wohnung sass und sich nicht in der Lage fühlte, auch nur einen weiteren Büro-Tag zu beginnen oder gar zu überstehen. Am selben Tag diagnostizierte der Arzt einen manifesten Burnout und empfahl eine langwierige Behandlung, die L. am Ende nicht in Anspruch nahm. Stattdessen entschied sie sich nach einer Auszeit von sechs Wochen für eine Kündigung, eine längere Auslandsreise und schliesslich für einen Job in einer kleinen Agentur.

In L.’s Fall ist die Burnout-Episode glimpflich ausgegangen. Im Rückblick meint sie, dass die wesentlichen Gründe dafür nicht nur in der sehr hohen Arbeitsbelastung, sondern vor allem in einem Arbeitsumfeld lagen, das mit ihren persönlichen Vorstellungen und Werten immer stärker kollidierte. Zur Fokussierung auf die Arbeit trug sicher auch der Umzug bei – die neue Stadt war primär ein Arbeitsort, ihre sozialen Kontakte beschränkten sich weitgehend auf das Unternehmen. Die Ursachen für den Burnout abbauen, ohne auch die Stelle aufzugeben, war in ihrem Fall nicht möglich – die allgemeinen Grundsätze und das Wertesystem der Firma boten für grundlegende Veränderungen wenig Raum.

Mit ihrer perfektionistischen Tendenz wird L. vermutlich leben müssen – und auch leben wollen. Auf ihrer aktuellen Stelle ist das jedoch nicht weiter schlimm, da es in der Kultur des Unternehmens nicht um einen ständigen Kampf gegen „persönliche Grenzen“ geht und sie für ihre Leistung sowie als Person Anerkennung und Wertschätzung erfährt. Bis heute fragt sie sich, wieso sie eigentlich zu einer Entscheidung für die Kündigung trotz guter Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht früher in der Lage war.



Die wichtigste Strategie gegen Burnout: Leben Sie nicht gegen sich!

Die Ursachen für einen Burnout abbauen erfordert unter anderem einen persönlichen Veränderungsprozess, der idealerweise schon beginnt, bevor sich die ersten Symptome der chronischen Erschöpfung zeigen. L.’s Beispiel illustriert, wie schwer es sein kann, sie zu erkennen und als einzige Lösung für die Probleme im Beruf nicht ausschliesslich noch mehr Arbeit in Betracht zu ziehen. Hinzu kommen weitere Faktoren: In unserer (Arbeits-)Kultur sind Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen absolute Normen. Wir lernen früh, dass es unabdingbar sei, uns für unsere Arbeitsaufgaben 100%ig einzusetzen und immer wieder unsere Leistungsgrenzen auszuloten. Wer das nicht auf Dauer schafft, gehört unter Umständen bald zu den Verlierern auf dem Arbeitsmarkt.

An dieser Stelle liegt vielleicht die grösste Diskrepanz: Zwar sollen wir permanent hochmotiviert sein, für unseren Beruf und „unser“ Unternehmen brennen – die Bedingungen, unter denen wir dabei agieren, können wir jedoch oft nur in einem sehr begrenzten Rahmen definieren. Auch die Anforderungen und Ziele werden uns von aussen vorgegeben. Die Übergänge von hoher Leistungsmotivation in die erste – hyperaktive – Burnout-Phase sind vor diesem Hintergrund meist äusserst fliessend. Der Arbeitgeber profitiert auf jeden Fall davon, wenn sich das Leben immer stärker auf die Arbeit fokussiert. Wir selber nehmen die „schleichende Erosion der Seele“, die ein Burnout in der Beschreibung von Christina Maslach ist, meist erst weitaus später wahr. Die Ursachen von Burnout abbauen ist vor diesem Hintergrund nicht zwangsläufig mit der Reduktion von Stress identisch – die Frage ist vielmehr, ob Sie hinter den Zielen, für die Sie leben, auch persönlich stehen können.

In seiner Biografie von Steve Jobs beschreibt Walter Isaacson, wie ein Team über einen langen Zeitraum 90 Stunden in der Woche daran arbeitete, den Apple Macintosh zu entwickeln. Die Mitglieder hatten mit technologischem Neuland, Zeitdruck und einem cholerischen Chef zu kämpfen, dessen „reality distortion field“ berüchtigt war – Leistungen unterhalb des von ihm definierten Exzellenz-Niveaus spielten für Jobs grundsätzlich keine Rolle. Dass die Mac-Entwickler darüber nachgedacht haben, ob diese Konstellation zu einem Burnout führen könnte, ist trotzdem äusserst unwahrscheinlich. Sie waren von ihrer Arbeit, ihrer Leistung und ihren Erfolgen überzeugt, der Apple Macintosh war von Anfang an ihr eigenes Projekt und nicht nur ein Projekt der Firma.

Dieser Punkt lässt sich auf viele andere Berufsbiografien übertragen. Zufrieden mit ihrer Arbeit, sich selbst und ihrem Leben sind Menschen immer dann, wenn sie etwas tun, das sie wirklich wollen. In allererster Linie geht es also um die inneren Ziele, die bei der Berufswahl oder auch bei der Entscheidung für einen bestimmten Arbeitgeber jedoch oft so gut wie keine Rolle spielen.

Wenn Sie spüren, dass Ihr Job Sie dauerhaft nicht mehr befriedigt und mit Ihrer Arbeit keine positiven, bereichernden Momente mehr verbunden sind, ist es Zeit, Bilanz zu ziehen: Arbeiten Sie im „richtigen“ Unternehmen und dort auf einer Stelle, die Ihnen wirklich liegt? Was belastet oder stört Sie? Welche Möglichkeiten sehen Sie, um innerhalb des bestehenden Rahmens – in der Firma, aber vielleicht auch im privaten Leben – etwas zu verändern? Oder haben Sie ganz andere Ziele, die Sie sich bisher nicht eingestanden haben und die Ihr derzeitiges Arbeits- oder sogar Lebensmodell komplett infrage stellen? Wie realistisch ist es, diese Ziele zu verfolgen, und welche Voraussetzungen brauchen Sie dafür?

Die wichtigste Strategie gegen Burnout besteht darin, dass Sie lernen, nicht gegen sich zu leben und für sich selbst eine positive Balance zwischen objektiven Anforderungen und Ihren persönlichen Zielen zu finden. Mit der Suche nach Möglichkeiten für eine ausgeglichene Work-Life-Balance im landläufigen Sinne – also einem angemessenen Wechsel zwischen beruflicher Belastung und Entspannung – ist eine solche Bestandsaufnahme nicht identisch. Vielmehr geht es darum, sich Ihr Leben ganzheitlich anzuschauen, Ihre inneren Ziele aufzuspüren und Möglichkeiten zu finden, sich ihnen zumindest anzunähern.


Wer glücklich im eigenen Job ist, leidet weniger unter Stresserscheinungen. (Bild: Pressmaster – shutterstock.com)

Wer glücklich im eigenen Job ist, leidet weniger unter Stresserscheinungen. (Bild: Pressmaster – shutterstock.com)


Und was ist mit den alltäglichen Stressoren?

Vielleicht wenden Sie jetzt ein, dass es Ihnen doch eigentlich nicht um Grundsatzentscheidungen, sondern um alltägliche Stressoren wie zu viel Arbeit oder Zeitdruck geht, an denen Sie verzweifeln, obwohl Sie mit Ihrem Job ansonsten eigentlich ganz zufrieden sind. Pauschale Lösungen für die Reduktion von Stress im Alltag gibt es nicht – mit Ihrem grundsätzlichen Selbstverständnis haben sie jedoch mehr zu tun, als Sie vielleicht meinen. Es geht darum, gegenüber Ihren Chefs, Ihren Mitarbeitern und Kollegen Grenzen aufzuzeigen, aber auch darum, eigene Einstellungen zu hinterfragen:

  • Füllen Sie an Ihrem Arbeitsplatz und im privaten Bereich die Rollen aus, die Sie für sich erstreben? Sehen Sie die Möglichkeit, die gewünschten Rollen im gegebenen Kontext künftig zu erreichen?
  • Was können Sie an Ihren aktuellen Rollen in positiver Weise akzeptieren? Fühlen Sie sich in der Ausübung dieser Rollen sicher? Wo gibt es aus Ihrer Perspektive Defizite? Was ist erforderlich, um sie zu überwinden?
  • Welches Ausmass an Entscheidungs- und Zeitsouveränität geniessen Sie? Welche Schwachstellen können Sie in diesen Bereichen selber ändern?
  • Wie schätzen Sie Ihr Umfeld in kommunikativer Hinsicht ein? In welchem Masse nutzen Sie ihre eigenen kommunikativen und sozialen Kompetenzen als Gestaltungsmittel? Welche Möglichkeiten sind dafür gegeben?
  • Über welchen Grad an Situationstoleranz verfügen Sie? Fällt es Ihnen leicht oder schwer, mit unerwarteten Herausforderungen und Veränderungen umzugehen?
  • Welchen Stellenwert hat die Befriedigung persönlicher Bedürfnisse für Sie? Wie oft nehmen Sie sich dafür Zeit?
  • Wie gehen Sie mit Ihrem Körper um? Essen Sie regelmässig und hochwertig, schlafen Sie genug? Verwenden Sie Genussmittel oder Medikamente zur Kompensation von Stress und/oder um Ihre Leistungsfähigkeit zu steigern?

Die Antworten auf diese oder andere Fragen, die für Sie persönlich wichtig sind, zeigen Ihnen Spielräume, die Sie für – oft sogar kurzfristige – Veränderungen haben. Bei der Gefahr, einen Burnout zu erleiden, geht es fast immer um mindestens eine Situation, von der die Betroffenen meinen, dass sie sie weder verlassen noch verändern könnten. Die Ursachen für Burnout abbauen heisst im Umkehrschluss, persönliche Freiräume und Handlungsmöglichkeiten aufzufinden und zu nutzen.

Natürlich sind die Unternehmen durch solche individuellen Anti-Burnout-Strategien nicht aus der Pflicht entlassen, für ihre Mitarbeiter Arbeitsbedingungen zu schaffen, die ein Ausbrennen verhindern. Die Grundlagen für eine wirkungsvolle Burnout-Prävention können Sie trotzdem in vielen Bereichen selber schaffen.

 

Oberstes Bild: © PathDoc – shutterstock.com


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