„Potenzial 50+“ – aktives Selbstmarketing für ältere Stellensuchende

06.03.2014 |  Von  |  Selbstmanagement
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„Potenzial 50+“ – aktives Selbstmarketing für ältere Stellensuchende
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Statistiker und Arbeitsmarktexperten prognostizieren für die Schweiz in diesem Jahr eine Arbeitslosenquote von unter drei Prozent. International ist dieser Wert recht einzigartig, interpretiert wird er normalerweise als Vollbeschäftigung.

Für ältere Stellensuchende erweist sich jedoch auch der Arbeitsmarkt der Schweiz sehr oft als eng. Um wieder in Lohn und Brot zu kommen, ist ein aktives, dem eigenen Lebensstatus angemessenes Selbstmarketing der entscheidende Faktor.



Der Kanton Aargau wirbt derzeit mit einer Kampagne darum, dass Unternehmen bei Neueinstellungen auch ältere Arbeitslose zum Zuge kommen lassen. Eine der Protagonistinnen der Plakataktion ist Rosa, 52. Die ehemalige Filialleiterin mit besten Referenzen wurde vor einem knappen Jahr entlassen. Als Begründung nannte ihr Arbeitgeber eine längere krankheitsbedingte Fehlzeit – die Fussoperation, um die es ging, war zum Zeitpunkt der Kündigung längst ausgestanden. 80 Bewerbungen später hat Rosa immer noch keine neue Stelle. Auf „ihrem“ Plakat präsentiert sie sich als „Rosa, 26“ – die Zahl steht für 26-jährige Berufserfahrung. Neben Rosa wirken in der Kampagne „Potenzial 50+“ fünf weitere Stellensuchende über 50 mit. Im Zentrum der Aktion stehen nicht das Lebensalter, sondern die Qualitäten älterer Mitarbeiter, welche die Unternehmen mit einer Einstellung für sich gewinnen könnten. Die Initiative wird von allen Sozialpartnern – unter anderem der Industrie- und Handelskammer, dem Gewerbeverband sowie den Gewerkschaften – unterstützt.

Ältere Stellensuchende brauchen individuelle Bewerbungsstrategien

Die Statistik liefert im Hinblick auf ältere Erwerbslose ein brisantes Bild. Die Zahl der Menschen im Alter zwischen 50 und 60 Jahren lag im letzten Jahr bei 35’189 Personen. Zwar liegt ihre Arbeitslosenquote nach wie vor unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung der Schweiz, gegenüber 2012 ist sie jedoch um rund zehn Prozent gestiegen. Jüngere Arbeitssuchende brauchen im Schnitt etwa 250 Tage, bis sie wieder eine Stelle haben, bei den Älteren dauert dies rund 400 Tage. Pro Jahr wird ein Viertel der Erwerbslosen über 50 ausgesteuert.

Urs Schmidt, der Leiter der Aargauer Kampagne, erklärt, dass für eine erfolgreiche Stellensuche älterer Arbeitnehmer entscheidend ist, inwieweit sie es schaffen, sich von anderen Bewerbern abzuheben und dafür gute Argumente haben. Die Züricher Personalberaterin Brigitte Reemts bringt entsprechende Anforderungen etwas deutlicher auf den Punkt: Stellensuchende über 50 werden nicht wegen ihrer Potenziale, sondern wegen ihrer Kompetenzen, ihrer Erfahrung und ihres Wissens eingestellt. Für Bewerbungen müssen sie daher andere Strategien entwickeln als jüngere Arbeitnehmer. Falsch sei beispielsweise, aus lauter Panik irgendeine Stelle anzunehmen oder massenhaft Bewerbungen zu versenden.



Die Expertin meint, dass es im ersten Schritt vor allem wichtig wäre, die Trauer über des Verlust des bisherigen Arbeitsplatzes zu überwinden und damit auch die Opferrolle zu verlassen – in ihren Augen ist allein schon damit ein sehr anspruchsvoller Prozess verbunden. Entscheidend für eine erfolgreiche Rückkehr in den Arbeitsmarkt sei danach die Auseinandersetzung mit dem eigenen Werdegang – also mit den persönlichen Fähigkeiten, Bedürfnissen, Wünschen und auch Werten, die sich im Verlauf des Lebens vermutlich nachhaltig gewandelt haben. Ein aussagekräftiges Bewerbungsprofil älterer Arbeitnehmer bringt solche Entwicklungen in aussagekräftiger Art und Weise auf den Punkt – „Entschuldigungen“ für das schon etwas höhere Lebensalter sind dabei völlig fehl am Platz. Der nächste wichtige Schritt besteht dann darin, gezielt die passenden Unternehmen anzusprechen.



Brigitte Reemts weiss aus Erfahrung, dass ein solches Konzept erfolgreich ist. Im Jahr 2012 betreute ihr Beratungsunternehmen 200 ältere Klienten: 98 Prozent von ihnen fanden innerhalb eines Jahres eine neue Stelle, bei etwas mehr als der Hälfte von ihnen hat dazu ein funktionierendes berufliches Netzwerk beigetragen. Die meisten sind heute mit den gleichen Tätigkeiten und in derselben Branche tätig wie in ihrem früheren Arbeitsleben. Allerdings liegt in beruflichem Networking auch eine Schwachstelle der Bewerbungsstrategien älterer Arbeitnehmer – laut Reemts müssen viele ein solches Netz erst schaffen oder sich bewusst machen, dass es existiert und für ihre Stellensuche wichtig ist. 

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Personenbezogene Coachings erhöhen den Erfolg beträchtlich. (Bild: Roobcio / shutterstock.com)

Personenbezogene Coachings erhöhen den Erfolg beträchtlich



Ältere Arbeitnehmer benötigen bei der Stellensuche oft Unterstützung, die auf ihre spezifische Lage zugeschnitten sind. Die regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) bieten ihnen in mehreren Kantonen für diese Zielgruppe spezielle personenbezogene Coachings an, die ihre Chancen auf eine neue Stelle signifikant erhöhen. RAV-Berater Urs Schmid macht dabei die Erfahrung, dass Ältere den heutigen Bewerbungsstil und die entsprechenden Instrumente erst lernen und für sich reflektieren müssen. Die Generation 50+ sei „noch zu Bescheidenheit erzogen“ worden – heute dienen Bewerbungen dagegen immer auch zur Eigenwerbung.

Die besten Chancen haben Kandidaten, die in der Lage sind, die eigene Attraktivität herauszustellen, sich über ihre Kontakte aufzuwerten und dabei nicht zuletzt eigene hohe Ansprüche zu signalisieren. Schmid meint, dass viele ältere Arbeitnehmer ihre Qualitäten und ihren Erfahrungsschatz gar nicht in Worte fassen können und gleichzeitig frustriert sind – frustriert, dass andere nicht merken, über welches anspruchsvolle Profil sie eigentlich verfügen.

Erfolgreiche Bewerber aus der Generation 50+ nennen als hilfreiche Strategien eine prägnante Bewerbung sowie die Fokussierung der Selbstbeschreibung auf den Nutzen, den sie einem potentiellen Arbeitgeber bieten können. Viele lernen im Prozess der Stellensuche, sich auch über soziale Netzwerke wie Xing oder Linkedin zu profilieren. Sowohl die älteren Bewerber selbst als auch die Aargauer Kampagne kämpfen jedoch auch gegen tiefsitzende Vorurteile an: Viele Unternehmen glauben, dass die Produktivität von Arbeitnehmern mit zunehmendem Alter kontinuierlich sinkt.

Die Realität sieht indessen anders aus – beispielsweise belegt eine grossangelegte deutsche Studie das exakte Gegenteil: Ältere Mitarbeiter sind genauso produktiv, jedoch oft deutlich motivierter als ihre jüngeren Kollegen. Und sogar für Veränderungen sind die Vertreter der Generation 50+ oft besonders offen. Gerade Ältere bringen auf die neue Stelle viele positive Qualitäten mit: Hohe Produktivität, Loyalität, Motivation, Gelassenheit sowie sehr viel Wissen und Erfahrung.



 

Oberstes Bild: © bikeriderlondon – shutterstock.com



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