Doch nur altes Blech? Drei Gründe, warum der Oldtimer-Boom bald ein Ende haben könnte

12.03.2014 |  Von  |  Marketing
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Doch nur altes Blech? Drei Gründe, warum der Oldtimer-Boom bald ein Ende haben könnte
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Oldtimer sind hip. Zahlreiche Fernsehmagazine, Fachzeitschriften, und Blogs beschäftigen sich mit Leidenschaft, Enthusiasmus und mehr oder weniger grossem Sachverstand mit allem, was fährt und älter als dreissig Jahre ist. Dies ist die magische Grenze, ab der sich ein Fahrzeug offiziell Oldtimer nennen darf. Nur – was in den 1970er Jahren mit dem liebevollen Instandsetzen von Vorkriegsautos durch einzelne Enthusiasten begonnen hat, ist nun bei der Massenware aus den 1980ern angekommen.

Dennoch: Der Oldtimerboom scheint ungebremst. Die Preise steigen und steigen, auch bei Typen, denen man dies niemals zugetraut hätte. Ein Toyota Celica TA 28 von 1975? Unter 5000 Franken gibt es nur noch Kernschrott. Eine Yamaha XT 500? Vollrestauriert durchaus für zwanzigtausend Franken erhältlich. Dies gilt für viele andere Typen – altes Blech scheint eine sichere Sache zu sein, weshalb auch Fondsmanager inzwischen in diesen Markt eingestiegen sind. Die Betonung liegt aber auf „scheint“, denn es sprechen gute Gründe dafür, dass es mit diesem Boom – zumindest auf der rentablen Seite – recht bald vorbei sein wird.



1. Das Überangebot

Wie bereits gesagt, sind jetzt auch Mercedes E-Klassen, VW Golf 2 und Mazda MX-5 aus den 1980ern im Oldtimerstatus angekommen oder kurz davor. Was für die Qualität der Fahrzeuge von damals spricht, ist dass sie noch zu Zehntausenden verfügbar sind. Doch wo das Angebot breit ist, werden die Preise niedrig. Das ist elementarste Marktwirtschaft. Dies gilt nicht nur für Massenware. Die modernen Kommunikationsmittel, insbesondere das Internet mit seinen zahlreichen Autobörsen, macht auch die exklusiven und vermeintlich seltenen Stücke jedermann verfügbar.

Einen echten Ferrari für unter vierzigtausend Franken? Oder einen ebenso originalen Lamborghini zum ähnlichen Preis? Kein Problem – wer lange genug sucht, der findet sein Traumauto zum bezahlbaren Preis. Ganz schlimm sieht es bei den Engländern aus: Rolls-Royce, fahrbereit, für zehntausend Franken – bitteschön, die Autobörsen machen es möglich. Zu diesem Preis bekommt man auch schon ein ordentliches Jaguar XJS Cabrio oder einen Aston Martin mit Reparaturstau. Das ist genau umgekehrt zur Preisentwicklung der vormals genannten japanischen Massentypen. Wenn das nicht verrückt ist.

2. Die Konkurrenz, auch aus dem eigenen Hause



Haben Sie schon mal was vom französischen Autohersteller PGO gehört? Auch wenn nicht – die Autos werden ihnen irgendwie doch sehr bekannt vorkommen. Das Unternehmen stellt moderne Roadster her, welche dem Porsche 356 wie aus dem Gesicht geschnitten sind. Dafür bieten diese Autos eine moderne und sichere Technik, was auch ihre Wartung so problemlos wie günstig macht.



Nahezu original sind dagegen die Fahrzeuge der Firma Rudolph Roadster aus Deutschland. Ihr Karmann Ghia-Nachbau ist technisch weitestgehend mit dem Original identisch – bis auf die GFK-Karosserie. Optisch sind deren Fahrzeuge aber nicht vom legendären VW-Cabrio zu unterscheiden. Noch einen Schritt weiter geht die Firma Ford: Gleich drei ehemalige Millionenseller sind – zumindest als fertig geschweisste Rohkarosserie – wieder im Neuzustand erhältlich. Unter anderem steht das Ursprungsmodell des Ford Mustang von 1964 original von Ford wieder zur Verfügung.

Wenn dies sich als profitabler Geschäftszweig etabliert, wird man nicht mehr lange auf ähnliche Angebote für Jaguar E-Types, Mercedes 600 oder Citroen DS auf sich warten müssen. Das Problem ist nur: Bekommt das Original ein neues und identisches Konkurrenzmodell zur Seite gestellt, kann sich dies nur preismindernd auswirken. 

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Mercedes 300 SL. (Bild: VanderWolf Images / Shutterstock.com)

3. Perfekt restauriert reicht nicht mehr.

Jüngst ist bei einer Auktion zweier baugleicher Oldtimer etwas Erstaunliches passiert: Der heilige Gral der Oldtimerei – der Mercedes 300 SL – war gleich zwei Mal im Angebot. Einmal im unrestaurierten Originalzustand samt Kratzer, Beulen und Flecken auf den Sitzen – und einmal im perfekt restaurierten Zustand. Und dann geschah das Unglaubliche: Der unrestaurierte Wagen hat den wieder hergestellten Wagen im Verkaufspreis um eine halbe Million Dollar übertroffen. Zwar wird dies mit der „Patina“ erklärt, mit dem Argument „Original gibt´s nur einmal“. Aber was bedeutet dieser Trend wirklich?

Wenn selbst im exklusivsten aller Segmente der Oldtimerei dermassen erhebliche Preisunterschiede – zu Ungunsten des restaurierten Objekts – geschehen, dann bedeutet dies im Umkehrschluss: Restaurieren genügt nicht mehr. Der ständige Hunger nach dem ganz Besonderen und Exklusiven entwertet automatisch die Handwerkskunst der Restaurationsfachbetriebe und die Schätzwerte der Objekte, welche in jenen Fachbetrieben restauriert wurden. Wenn nun angesichts des Scheunenfundes ernsthaft die Frage gestellt werden muss: Restaurieren oder die „Patina erhalten“, dann öffnet dies wieder Laien, Schwätzern und Betrügern Tür und Tor, welche auch die abgenudeldsten Karren plötzlich als echte Renditeobjekte anpreisen können.



Italienische Kunstfälscher schiessen mit Vogelschrot auf Bilderrahmen und Möbel, um Wurmlöcher zu simulieren. Gehen jetzt die Renditejäger mit dem Sandstrahler und dem Bunsenbrenner auf die Klassiker los? Angesichts dieser Preisentwicklungen ist das eigentlich nur zu erwarten. Dies kann schon als mittelschweres Beben in der Branche bezeichnet werden, auch wenn niemand dies offiziell bestätigen wird. Wenn der Unterschied zwischen Patina und Frischlack schon 1/3 des gesamten Fahrzeugwertes machen kann, dann dürfte wohl klar sein, wohin die Reise geht: Der Markt zeigt Risse.

Fazit: Der Zenit ist überschritten

Wie viele „Meilenwerke“ wollen noch eröffnen? Wie viele „Oldtimerrallyes“ sollen noch durch die Landen knattern? Wie viel virtuellen Wert will man dem alten Blech noch andichten? Die Fondsmanager haben die Oldtimer inzwischen schon längst entdeckt und locken mit phänomenalen Renditen. Typenabhängig mag dies in Einzelfällen auch stimmen – insgesamt stehen die Zeichen des Marktes jedoch auf Überhitzung. Mein Rat daher: Jetzt aussteigen, wo es noch am Schönsten ist. In zwei, drei Jahren kann es zu spät sein. 



 

Oberstes Bild: © View Apart – shutterstock.com



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