Jobsharing – Karrierechance für engagierte Frauen

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Jobsharing – Karrierechance für engagierte Frauen
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Pavla Huber und Nicole Hollinger teilen sich eine Führungsposition beim Züricher Reisebüro Manta, die eigens für die beiden Frauen geschaffen wurden. Pavla arbeitet heute zu 80 Prozent, Nicole auf einer echten Halbtagsstelle. Der Auslöser für das Jobsharing-Modell waren Umstrukturierungen im Unternehmen sowie Nicole Hollingers Schwangerschaft. Die Geschäftsleitung wollte ihre Expertise in der Firma halten und hat sich deshalb für die geteilte Leitungsstelle entschieden.

Ganz einfach war der gemeinsame Weg der beiden ehemaligen Abteilungsleiterinnen in die Manta-Chefetage trotzdem nicht. Die Geschäftsleitung hegte anfangs Zweifel, ob das Modell auch in der Praxis funktionieren könne. Dem Schweizer Magazin „Beobachter“ erzählte Pavla Huber in einem Interview, dass auch die Kolleginnen – beide ihrer Selbsteinschätzung nach ausgesprochene Führungsnaturen – eine Anlauf- und Vorbereitungsphase brauchten. Wichtig war für beide vor allem eine gute Vorbereitungsphase, in der nicht nur Fragen der allgemeinen Kooperation, sondern auch kritische Punkte wie der Umgang mit Konflikten zur Sprache kamen. Heute haben sie einen gemeinsamen Entscheidungs- und Kommunikationsrhythmus gefunden und agieren in ihrem Unternehmen erfolgreich als Zweier-Team. Positive „Chemie“ und gegenseitiges Vertrauen seien dafür allerdings unerlässlich.



Von echtem Jobsharing profitieren Arbeitnehmer und die Firmen

Das Beispiel der beiden Züricherinnen zeigt, dass es durchaus möglich ist, Führungsverantwortung, beruflichen Aufstieg und Teilzeitarbeit miteinander zu verbinden. Die Vereinbarung von Berufsarbeit und familiären Aufgaben ist der weitaus häufigste Grund für Teilzeit- und Jobsharing-Modelle, zum Teil werden sie ausserdem für Übergangsphasen vor der Pensionierung angewendet. Der Berner Organisationberater Jürg Baillod meint, dass die Teilung von Stellen fast überall realisierbar ist – ausdrücklich auch in Spitzenpositionen. Seine Lenzburger Kollegin Julia Kuark unterstützt Unternehmen bei der Organisation des Jobsharings für Führungskräfte mit einem speziellen Organisationsmodell, betont jedoch, dass durch die grosse gemeinsame Verantwortung in einer solchen Position auch die Mitarbeiter stärker gefordert wären als in einer singulären Hierarchie. Andererseits profitieren die Firmen durch Jobsharing von höherer Produktivität und Flexibilität, motivierten und loyalen Mitarbeitern sowie doppeltem Fachwissen auf einer bestimmten Position. Auch Innovationen werden so gefördert. Voraussetzungen dafür sind eine offene Führungskultur sowie klar geregelte Entscheidungskompetenzen.

Höhere Anforderungen und bessere Perspektiven als konventionelle Teilzeit

Pavla Huber und Nicole Hollinger haben ihre Führungsposition nicht nur gemeinsam aufgebaut, sondern durch die Masterarbeit von Hollinger zum Thema „Leadership und Management“ auch wissenschaftlich unterlegt. Hollinger befragte für die Arbeit insgesamt sechs Jobsharing-Paare zu ihrer persönlichen Praxis auf der geteilten Stelle. Ihre Aussagen dazu sind heute auch durch eigene Erfahrungen unterlegt: Führungsarbeit im Duo bedeutet, höhere Anforderungen zu erfüllen. Anspruchsvoll sind diese vor allem in zwischenmenschlichen Bereichen, also im Hinblick auf Kommunikation, Sozialkompetenz sowie Feedback-Kultur. Für die Koordination ihrer Arbeit wenden die beiden heute pro Woche noch etwa eine Stunde auf, ihre gemeinsame Präsenzzeit in der Firma beschränkt sich auf zweimal einen halben Tag. Daneben stehen sie kontinuierlich via E-Mail sowie telefonisch in Kontakt. Der informationelle Zeitaufwand für Jobsharing ist aus ihrer Sicht höher als auf einer konventionellen Teilzeitstelle und kann durchaus einmal in die eigentlich vereinbarten arbeitsfreien Zeiten fallen. Beide Frauen haben durch das Jobsharing übrigens trotz kleiner Kinder nicht nur ihre Karriere fortgesetzt, sondern auch ihre akademische Weiterbildung erfolgreich abgeschlossen.



Normale Teilzeitstellen – sehr oft eine Karrierefalle

Das Schweizer Bundesamt für Statistik hat für das Jahr 2011 berechnet, dass Frauen vier Mal häufiger eine Teilzeitstelle besetzen als Männer. Demnach arbeiten nur 42.2 Prozent aller berufstätigen Schweizerinnen Vollzeit (90 bis 100 Prozent der Regelarbeitszeit) – gegenüber 86.4 Prozent der Männer. 25.7 Prozent der Frauen arbeiten auf 50-Prozent-Stellen oder in noch geringerem Umfang, die restlichen 32.1 Prozent auf Arbeitsplätzen mit 50 bis 89 Prozent der regulären Arbeitszeit. Insgesamt waren nur 13.6 Prozent der Männer überhaupt auf Teilzeitstellen tätig





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Ein normaler Teilzeitarbeitsplatz erweist sich für viele Frauen langfristig als Karrierefalle. (Bild: Stephen Coburn / shutterstock.com)




Ein normaler Teilzeitarbeitsplatz erweist sich für viele Frauen langfristig als Karrierefalle. Für Mitarbeiterinnen mit reduzierter Arbeitszeit reduziert sich die Wahrscheinlichkeit einer Beförderung um 65 Prozent. Durch echtes Jobsharing auf verantwortungsvollen Positionen lässt sich diese Gefahr vermeiden.

Haupthindernis für Jobsharing: Geteilte Macht

Auch in der Wirtschaft ist die Nachricht, dass von Jobsharing nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Firmen profitieren, angekommen. Inzwischen werden Jobsharing-Interessenten zum Teil sogar per Inserat gesucht. Constantino Amoros von der Zuger Kantonalbank berichtet allerdings, dass dabei auch sein Unternehmen Lehrgeld zahlen musste. Die Bank hatte eigentlich geplant, innerhalb von vier Jahren 24 Angestellte in echten Jobsharing-Modellen zu beschäftigen, konnte jedoch bisher nur die Hälfte dieses Ziels erreichen. Zum einen mussten die Personalverantwortlichen lernen, dass Jobsharing-Modelle vor allem in grösseren Arbeitsgruppen funktionieren, zum anderen sei es schwierig, auch Männer dafür zu gewinnen. Männliche Interessenten für Jobsharing gebe es zwar durchaus – sie präferieren jedoch vor allem 80-Prozent-Arbeitspensen, was es schwierig macht, den Rest der Stelle zu besetzen.

Die Züricher Fachstelle für Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen berät seit 20 Jahren Firmen unter anderem im Hinblick auf familienfreundliche Arbeitszeitmodelle. Ihr Geschäftsführer Daniel Huber betrachtet echtes Jobsharing hier als die Königsdisziplin. Hinderlich bei der Umsetzung seien oft falsche Vorstellungen über die Modelle, vor allem jedoch die Tatsache, dass das Teilen einer Stelle auch das Abgeben von Macht erfordere. Dieser Umstand betrifft sowohl die Firmenleitungen als auch diejenigen, die sich die Position tatsächlich teilen. Interessant ist dagegen die Sicht der Teams solcher Führungs-Duos. Nicole Hollinger hat in ihrer Masterarbeit ermittelt, dass die Mitarbeitenden ausnahmslos die Führung durch zwei Personen präferieren.



 

Oberstes Bild: © BlueSkyImage – shutterstock.com



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