Genügend Schlaf – für Manager nicht selbstverständlich

21.01.2014 |  Von  |  Selbstmanagement
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Genügend Schlaf – für Manager nicht selbstverständlich
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Viele Manager haben ein gravierendes Problem: Sie bekommen dauerhaft zu wenig Schlaf. Und Kollegen, Mitarbeiter und Gesellschaft bewundern sie oft sogar dafür. Eine aktuelle Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie belegt, dass 20 Prozent der deutschen Top-Entscheider sich pro Nacht nicht mehr als fünf Stunden Schlaf erlauben.

Die Devise lautet schliesslich „Zeit ist Geld“ – ausserdem geht es um die persönliche Reputation in leistungsorientierten Unternehmen. Irgendwann machen sich die gesundheitlichen Folgen des Schlafmangels bemerkbar. Auch für die Firmen können die Schlafdefizite ihrer Führungskräfte problematisch werden.



Jeder fünfte Manager erlaubt sich maximal fünf Stunden Schlaf

Die Allensbacher Meinungsforscher haben insgesamt 519 Spitzenmanager zu ihren Schlafgewohnheiten befragt. Jeder fünfte von ihnen hält es ähnlich wie Napoleon und schläft pro Nacht maximal fünf Stunden. Ein Drittel der Befragten ist davon überzeugt, dass ihr Arbeitspensum ihnen auf keinen Fall mehr Schlaf gestattet. Das Phänomen betrifft im Übrigen auch prominente Wirtschaftslenker, die möglichst wenig Schlaf als Ausweis ihrer Leistungsfähigkeit betrachten. Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube rühmte sich in der Öffentlichkeit mehrfach damit, dass er pro Nacht nicht mehr als vier Stunden Schlaf benötigt, auch die früheren Karstadt-Quelle-Chefs Wolfgang Urban und Thomas Middelhoff sprachen oft und gerne über ihr extrem reduziertes Schlafbedürfnis.

Für wichtige Entscheidungen kann dies allerdings sehr negative Folgen haben. Der US-amerikanische Schlafforscher Mark Rosekind hat festgestellt, dass jemand, der statt acht regelmässig nur fünf Stunden schläft, rund 20 Prozent seiner Gedächtnisleistung und 50 Prozent seiner Entscheidungsfähigkeit verliert. Bei beidem geht es um Eigenschaften, die eine Führungskraft in ihrem Business-Alltag täglich braucht. Harvard-Professor Charles Czeisler findet für das Schlafdefizit des Managements recht drastische Worte: Müde Manager agieren wie Betrunkene und leben dabei oft ihre rüde Seite aus. Mitarbeiterbeschimpfungen oder wirre Vorträge vor Kollegen, Kunden, Shareholdern und Medienvertretern sind nur eine Seite der Medaille. Die andere besteht in Fehlentscheidungen, welche die Zukunft ihres Unternehmens sehr direkt betreffen können. Verschiedene Studien zeigen, dass sich permanenter Schlafmangel auch in der Ausstrahlung von Menschen bemerkbar macht. Wenig-Schläfer wirken auf andere antriebslos und ungesund – für eine wichtige Business-Verhandlung sicher nicht der beste Zustand.

Schlafmangel führt zu Konzentrationsschwierigkeiten und Leistungseinbrüchen. (Bild: xalanx - Fotolia.com)

Schlafmangel führt zu Konzentrationsschwierigkeiten und Leistungseinbrüchen. (Bild: xalanx – Fotolia.com)







Schlafmangel führt zu Leistungseinbruch und Persönlichkeitsveränderungen

Mediziner liefern zu dieser Problematik eigene Daten und bekommen oft auch die gravierenderen Folgen zu Gesicht. Die auf die Behandlung spezialisierte Bühler Max-Grundig-Klinik hat für eine eigenen Studie insgesamt 1’000 Manager aus Unternehmen aller Grössenklassen und Branchen interviewt und attestierte der Mehrheit von ihnen im Hinblick auf ihre Schlafqualität „eklatante Defizite“. 59 Prozent der befragten Führungskräfte hatte mit Einschlafschwierigkeiten zu kämpfen oder wachten nachts mehrmals auf. Am Folgetag resultierten daraus deutliche Leistungsminderungen bis hin zu Tagesschläfrigkeit, was die Betroffenen jedoch zumeist erfolgreich überspielten.



Langfristig zieht der Schlafmangel jedoch Leistungseinbrüche, emotionale Reaktionen sowie Persönlichkeitsveränderungen nach sich. Der ärztliche Direktor der Max-Grundig-Klinik, Thorsten Kienast, benennt als Folgen einerseits Depressivität und Rückzug, andererseits erhöhte Impulsivität, was sowohl die Manager selbst als auch ihr direktes Umfeld spüren. Überdurchschnittlich stark von Schlafstörungen betroffen sind Frauen (63 Prozent) sowie Personen im Alter über 45 Jahren (65 Prozent). 21 Prozent der Befragten gaben als Gründe für ihre Schlafprobleme unter anderem Nachtarbeit sowie häufige Reisen an. Schlafforscher Czeisler hat darauf eine andere Antwort: Die gegenwärtige Arbeitskultur „glorifiziere Schlaflosigkeit“ analog zur früheren Verherrlichung von Menschen, die sehr viel Alkohol vertragen können. Auch die Auswirkungen von Alkoholkonsum und Schlafmangel liegen nahe beieinander. Bei vier Stunden Schlaf pro Nacht und Jetlag sei die Leistungsfähigkeit ähnlich reduziert wie bei einem Promille Alkohol im Blut.

„Wachheit bis zum Umfallen“ als ultimativer Wert der modernen Arbeitswelt?

Ebenso wie Czeisler betrachtet der Autor und Karriere-Coach Martin Wehrle die „Wachheit bis zum Umfallen“ als typisch für die Arbeitswelt der Gegenwart. Die Botschaft der schlaflosen Manager läuft darauf hinaus, dass sie auf diese Weise Zeit für das Wesentliche – immer noch mehr Arbeit – gewinnen. Aus Wehrles Sicht präsentiert sich Arbeit heute als ein Partner in einer „monogamen Ehe“. Wer sich Zeit für die Familie nimmt oder neben der Berufsarbeit ein Hobby pflegt, praktiziert nicht etwa eine ausgewogene Work-Life-Balance, sondern signalisiert damit, dass er nicht ausgelastet ist. Der Vier-Stunden-Schäfer appelliere dagegen immanent an seine Mitarbeiter, dass sie keine Arbeitszeit verschwenden sollen – und zwar auch nicht durch Schlaf und Ruhezeiten.

LKW-Fahrern sind regelmässige Ruhepausen gesetzlich vorgeschrieben – Verkehrsstatistiker wissen, dass zwei Drittel aller Unfälle von übermüdeten Fahrern verursacht werden. In den Chefetagen und im öffentlichen Bewusstsein ist dieses Wissen offenbar bis jetzt nicht angekommen. Wehrle fragt, wieso wir todmüden Firmenlenkern eigentlich zugestehen, dass sie einen Konzern trotzdem sicher steuern können. Der bewusste Verzicht auf Schlaf steht in seinen Augen für den gleichen Fehler wie das Kürzen von Etats. Kurzfristige Einsparungen kompensieren nicht die langfristigen Auswirkungen des Arbeitswahns. Einmal abgesehen von dem schlechten Vorbild für die Mitarbeiter stehe der zunehmenden Arbeitszeit eine abnehmende Qualität der Arbeit gegenüber. Jeder zweite Teilnehmer der Allensbach-Studie war sich übrigens sicher, dass er zu wenig Schlaf bekommt. Vielleicht sollten sich die Manager künftig nicht an Napoleon, sondern besser an Persönlichkeiten wie Albert Einstein und Johann Wolfgang von Goethe orientieren – beide waren als Langschläfer bekannt, die mindestens zehn Stunden am Tag im Bett verbrachten. Ihre gedankliche und kreative Leistung ist unvergänglich.



 

Oberstes Bild: © Viorel Sima – Fotolia.com


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