General Electric und Alstom: Perspektivisch drei Joint Ventures

12.09.2014 |  Von  |  News
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General Electric und Alstom: Perspektivisch drei Joint Ventures
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Das Tauziehen um das französische Unternehmen Alstom hat Monate gedauert. Gewonnen hat den Bieterwettstreit schliesslich der US-amerikanische Konzern General Electric (GE), der die Energiesparte von Alstom übernimmt – die Amerikaner haben sich gegen eine Allianz aus Siemens und Mitsubishi durchgesetzt.

Den Ausschlag hat am Ende wohl gegeben, dass der französische Staat sich durch die GE-Option eine wichtige Rolle bei Alstom sichern konnte. In den nächsten 20 Monaten kann er 20 % der Alstom-Anteile erwerben. Bis dahin leiht ihm der bisherige Alstom-Grossaktionär Bouygues sein 20-%-Aktien-Paket und sichert Paris damit sein Stimmrecht sowie einen Sitz im Alstom-Verwaltungsrat.



Rund die Hälfte der Alstom-Energiesparte wird in drei Joint Ventures eingebracht, die der neue Eigner sowie Alstom jeweils zu 50 % kontrollieren. Der französische Staat reinvestiert dafür 2,5 Milliarden Euro aus seinem Anteil des Verkaufserlöses. In der Schweiz betrifft die Neustrukturierung drei von vier Standorten des Konzerns. Der Bereich Bahnsignalisation bleibt bei Alstom und wird strategisch aufgewertet.

Der Kaufpreis: 12,35 Milliarden Euro

Das Alstom-Energiegeschäft umfasste bisher die Bereiche „Thermal Power“ (thermische Erzeugung von Elektroenergie), „Renewable Power“ (erneuerbare Energien) sowie „Grid“ (Energieübertragung). Dieses Paket war GE einen Kaufpreis von umgerechnet 12,35 Milliarden Euro wert. Da die übernommenen Bereiche über liquide Mittel von etwa 2,5 Milliarden Euro verfügen, belief sich die reale Investition auf knapp 10 Milliarden Euro – etwa das 10-Fache des Betriebsgewinns, der für die Alstom-Energiesparte für das Fiskaljahr 2014 geplant war.

Die GE-Übernahme ist jedoch nur ein Zwischenschritt, der nach der Bestätigung des Kaufs durch die Kartellbehörden und die Aktionäre in die Gründung der drei Joint Ventures münden soll. Über deren Standorte und ihre Führungsmannschaft ist bisher nichts bekannt und wohl auch noch nichts Endgültiges beschlossen.



Die Alstom-Gruppe wird zerlegt



Fest steht damit jedoch: Die Alstom-Gruppe wird zerlegt. In das Joint Venture Grid bringt GE seinen Bereich Digital Energy mit 4000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 1,1 Milliarden Euro ein. Das am Schweizer Standort Oberentfelden ansässige Netzwerkgeschäft von Alstom wird ebenfalls ein Teil von Grid. In Oberentfelden befinden sich – mit etwa 700 Mitarbeitern – eine Produktionsstätte für gasisolierte Schaltanlagen sowie das Hochspannungslabor und das Forschungs- und Entwicklungszentrum für diese Technologie. Für das Joint Venture, das die alternativen Energien – Offshore-Windenergie und Wasserkraft – erhält, besteht gegenüber GE eine Kaufoption durch Alstom. In welchem Zeitraum und zu welchem Preis diese wahrgenommen wird, wird derzeit diskutiert.

Das dritte Joint Venture umfasst den Bereich Dampfturbinen – „Arabelle“ – sowie die Ausrüstung und Wartung für französische Atomkraftwerke. Für dieses Unternehmen hat sich der französische Staat ein Vorzugsrecht gesichert, das ihm bei der Nukleartechnologie sowie in Sicherheitsfragen ein Vetorecht zugesteht. Auch die Schweiz ist hiervon, wenn auch nur am Rand, betroffen: Zum Teil werden die Rotorenblätter für die Dampfturbinen hierzulande produziert.

In der Schweiz werden Forschung und Entwicklung für den Alstom-Bereich Gasturbinen betrieben. (Bild: Vladfoto/Shutterstock.com)

In der Schweiz werden Forschung und Entwicklung für den Alstom-Bereich Gasturbinen betrieben. (Bild: Vladfoto/Shutterstock.com)

Die Schweiz – vier Alstom-Standorte mit 6500 Mitarbeitern

Der grösste Teil der insgesamt etwa 6500 Schweizer Alstom-Mitarbeiter wird jedoch nicht in einem der drei Joint Ventures tätig, sondern ist künftig GE direkt unterstellt. An den beiden Standorten Baden und Birr im Kanton Aargau werden Forschung und Entwicklung für den Alstom-Bereich Gasturbinen betrieben. In Birr werden ausserdem Rotoren hergestellt, die in Turbinen für Wasserkraftwerke zum Einsatz kommen.

Alstom Schweiz hat – inklusive des Schienentransport-Bereiches in Neuhausen – im Geschäftsjahr 2013/14 Umsätze in Höhe von 2,5 Milliarden Euro erbracht. Gegenüber dem Vorjahr ist der Umsatz damit um 5 % gestiegen. Der Auftragseingang lag bei 2,2 Milliarden Euro und ist damit gegenüber dem Vorjahr um 19 % gesunken. Ausserdem befindet sich in Baden das globale Hauptquartier des rentablen Alstom-Bereiches „Thermal Power“, der bisher für über 40 % der Einnahmen der Gruppe stand. Baden und Birr sind die grössten Forschungs- und Entwicklungsstandorte der Gruppe.

Enge Verzahnung der Rest-Alstom mit General Electric

Die Einigung mit GE wurde vom Alstom-Verwaltungsrat einstimmig angenommen. Der Rest von Alstom besteht aus dem Bahngeschäft, an dem der Konzern ursprünglich eine Minderheitenbeteiligung veräussern wollte. Stattdessen hat Alstom die GE-Signalisations-Sparte aufgekauft und wird hierdurch strategisch aufgewertet. Das Bahngeschäft wird künftig in enger Verzahnung mit GE geführt: Ausserhalb der USA wird Alstom alle GE-Lokomotiven warten und in einigen Regionen auch die GE-Diesellokomotiven montieren.

GE Capital unterstützt Alstom in seiner künftigen Entwicklung. Nach der Reinvestition von 2,5 Milliarden Euro in die drei Joint Ventures sowie der Rückzahlung von Schulden dürften auch die Aktionäre Geld erhalten. Allerdings hat die Alstom-Aktie am ersten Börsentag nach der Verkaufsentscheidung in Paris 4,1 % an Wert verloren.



General Electric will mit Alstom zum „Energieweltmeister“ werden

GE-Chef Jeffrey Immelt hat mit seiner Neuerwerbung grosse Pläne. Die Fusion von GE und Alstom bezeichnete er in einem ersten Medienstatement als ein „grossartiges industrielles Projekt“. Seine Vision zielt auf einen „Energieweltmeister“ respektive ein global wettbewerbsfähiges Unternehmen. Alstom-CEO Patrick Kron sieht alle Beteiligten des Deals – sein eigenes Unternehmen, GE und den französischen Staat – als „Sieger“.

In einigen deutschen Medien – unter anderem im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ – hiess es allerdings, dass Siemens der eigentliche Gewinner sei, da der Münchner Konzern im Bieterwettstreit den Preis, den nun GE bezahlen muss, sehr weit nach oben getrieben habe. Zudem berichtete das Magazin, dass GE durch den Zukauf möglicherweise juristische Auseinandersetzungen drohten. In den USA wird gegen Alstom wegen Korruptionsverdachts und anderer Unregelmässigkeiten ermittelt. Ob diese Szenarien realistisch sind oder die Journalisten damit lediglich dem Verlierer Siemens eine Referenz erweisen wollen, wird sich erst – in allerdings absehbarer – Zukunft zeigen.



 

Oberstes Bild: © MISS KANITHAR AIUMLA-OR – Shutterstock.com


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