Warum Frauen von Stellenanzeigen häufig abgeschreckt werden

21.05.2014 |  Von  |  Allgemein
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Offensiv und durchsetzungsstark soll der neue Bewerber laut einer Stellenanzeige sein? Das könnte klappen, aber Bewerberinnen werden mit diesem Vokabular nicht angelockt. Das zumindest behauptet eine Studie der Technischen Universität München, welche teilweise erstaunliche Zusammenhänge an den Tag fördert.

Die typische Stellenanzeige



Wir alle kennen sie: Ausschreibungen, in welchen nach „zielstrebigen, analytischen, charakterstarken“ Persönlichkeiten gesucht wird, um bestimmte Projekte zu übernehmen. Was viele Unternehmen aber nicht wussten, sagt ihnen jetzt die TU München: Frauen nämlich fühlen sich von diesen Adjektiven eher selten angesprochen, so dass eine solche Bewerbung schon Mitarbeiter kostet, bevor diese überhaupt an die Tür des Unternehmens klopfen konnten.

Der Hintergrund sieht wie folgt aus: Die erwähnten Adjektive (und zahlreiche andere Begriffe, die in dieselbe Richtung gehen) wirken abschreckend, weil sie mit männlichen Eigenschaften gleichgesetzt werden. Ob Letzteres stimmt oder nicht, sei dahingestellt, aber im Gehirn vieler Frauen lösen sie diesen Zusammenhang aus. Ergo entwickeln diese auch instinktiv das Gefühl, dass die besagte Stelle gar nicht für sie geeignet wäre. Die rationalen Merkmale einer solchen Anzeige werden dann häufig ausgeblendet, weil die sozialen Rahmenbedingungen gefühlt nicht stimmen. Die Studie wurde übrigens von einem Team aus Wissenschaftlerinnen rund um Claudia Peus durchgeführt, um erst gar keine Diskriminierung durch männliche Wissenschaftler zuzulassen.

Der Testaufbau

Um die Hypothese der Wissenschaftlerinnen zu testen, liessen sie 260 Studenten antreten: 50 % der Teilnehmer bekamen eine Anzeige für ein eigentlich ansprechendes Stipendium präsentiert, welches allerdings mit den erwähnten, angeblich „männlich besetzten“ Adjektiven gespickt war. Selbstständig, offensiv und aggressiv sollten die Bewerber nach dieser Ausschreibung vorgehen. Die andere Hälfte bekam eine Anzeige auf den Tisch, die weniger „harte“ Eigenschaften fordert – darunter beispielsweise Verantwortungsbewusstsein, Kontaktfreudigkeit oder Engagement. Das Ergebnis der Studie fiel dann auch recht eindeutig aus.





Die weiblichen Teilnehmer der Studie bewarben sich nur selten auf die männlichen Versionen der Anzeige. (Bild: Maksim Kabakou / Shutterstock.com)

Die weiblichen Teilnehmer der Studie bewarben sich nur selten auf die männlichen Versionen der Anzeige. (Bild: Maksim Kabakou / Shutterstock.com)

Die weiblichen Teilnehmer der Studie bewarben sich nur selten auf die männlichen Versionen der Anzeige, obwohl es sich um dasselbe fiktive Stipendium drehte. Den Männern unter den Studenten war die Formulierung hingegen egal. Das liegt nach Aussagen der Studienleiterin Claudia Peus auch daran, dass die männliche Version von Ausschreibungen einfach sehr viel häufiger genutzt wird. Viele Unternehmen setzten einfach auf diese Formulierungen, weil es schliesslich schon immer funktioniert habe. Auch wenn darin eigentlich überholte Stereotypen angewendet würden, wichen nur die wenigsten Anzeigenschreiber von ihrem Kurs ab – aber warum auch, wenn es doch offenbar funktioniere?

Vergebene Chancen



Dass es überhaupt zu der Studie kam, war eher dem Zufall geschuldet. Peus und ihre Kollegen sprachen im Auftrag einer Stipendienorganisation einzelne Studentinnen an der TU München an, von welchen sie glaubten, dass sie für das von der Organisation gesuchte Stipendium geeignet wären. Beinahe alle waren von der Idee begeistert – aber eine Bewerbung schickten letztendlich doch nur wenige ab. Schuld daran war laut vielen potenziellen Kandidatinnen tatsächlich die Form der Ausschreibung. Nach dem Motto „Da passe ich einfach nicht rein!“ wurde die Stelle abgelehnt, obwohl sie bei einer wohlwollenden Beschreibung wahrscheinlich sofort akzeptiert worden wäre.

Der Grund für dieses Verhalten sei auch darin zu finden, dass eine Ausschreibung implizit das Image der Firma offenbare, sagt Peus. Wer sich mit dem gewonnenen Eindruck nicht wohlfühle, würde sich auch nicht bewerben – ganz einfach. Gleichzeitig beseitigt das natürlich nicht das eigentliche Dilemma: Wenn nun einmal eine Person gesucht wird, die offensiv und analytisch vorgeht, kann in der Beschreibung nicht von einfühlsam und verständnisvoll die Rede sein – und ausserdem stehen sich die Frauen hier oft selbst im Weg.



Alte Rollenbilder

In einer weiteren Studie der TU München wurden 600 Personen befragt, wie sie die Kompetenzen der Geschlechter einschätzen. Das Ergebnis überrascht nicht: Grundsätzlich werden beide Geschlechter gleich gut eingeschätzt, wenn es um Kompetenz, Produktivität, Effizienz und vergleichbare Eigenschaften geht. Aber: Auch Frauen denken, dass Männer die Führungsrolle besser ausfüllen könnten – was paradox ist, wenn gleichzeitig alle anderen Charaktermerkmale als gleichwertig beschrieben werden. Hier dringt (wenn auch unbewusst) möglicherweise das alte Rollenbild der Frau in der Gesellschaft durch: Der Mann arbeitet und ist für die Erfolge zuständig, die Frau ordnet sich unter. Dass diese Ansicht längst überholt ist, müssen wir wohl nicht noch einmal erwähnen.

So stehen sich diese Frauen hier selbst im Weg: Das erwähnte Stipendium als Beispiel sorgt auch später im Beruf für bessere Chancen auf eine wichtige Führungsposition. Besagte Frauen würden sich hier also selbst um ihre Chancen bringen. Gleichzeitig leiden auch die Unternehmen: Deren wirtschaftlicher Erfolg hängt schliesslich auch davon ab, in der Führungsetage nicht ausschliesslich auf Männer zu setzen – aber wo kommen die Frauen her, wenn sie sich bei den Bewerbungen selbst ein Bein stellen?



 

Oberstes Bild: © Fly_dragonfly – Shutterstock.com



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