Einkommensscheren: Ist unsere Partnerwahl der Grund dafür?

17.02.2014 |  Von  |  Finanzen, Organisation

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Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Jeremy Greenwood und sein Team haben an der Universität Pennsylvania eine spannende Berechnung durchgeführt. Wenn alle Amerikaner plötzlich aufhören würden, ihre Partner individuell zu wählen, sondern diese durch einen Zufallsgenerator zugeteilt bekämen, würde sich die Ungleichheit der Haushaltseinkommen in den USA auf einen Schlag um etwa 20 Prozent vermindern. Die US-amerikanische Einkommensschere fiele damit auf das Niveau vom Beginn der 1960er Jahre zurück.

Die Ergebnisse ihrer Recherchen haben die vier Forscher jetzt in einem Aufsatz auf dem Online-Portal des “National Bureau of Economic Research” publiziert. Ihre These: Die Veränderung der Kriterien, nach denen Männer und Frauen ihre Ehe- und Lebenspartner wählen, ist ein wichtiger Grund für wachsende soziale Ungleichheit. Die meisten Menschen ziehen ausschliesslich Partner in Betracht, die ihnen selbst in ihrem sozialen Status, ihrer Ausbildung sowie ihrem Einkommen ähneln. Zumindest in den oberen sozialen Schichten resultiert daraus auch eine Verdopplung des vorhandenen Wohlstands.



Konventionelle Ehe – Garant für relative soziale Gleichheit?

Historisch sah dies aus Sicht der Wissenschaftler noch vor wenigen Jahrzehnten anders aus. Der Chefarzt, der die Krankenschwester ehelicht oder der Manager, der mit seiner Sekretärin den Bund fürs Leben schliesst, war nicht nur ein Klischee, sondern für viele Paare Lebenswirklichkeit – und zwar nicht nur in den USA, sondern in vielen anderen Ländern. In Deutschland heirateten früher rund 50 Prozent der Männer Frauen, deren Einkommen und Ausbildung deutlich unter ihrem eigenen lagen. Die Ehe stellte seinerzeit also auch eine gewisse finanzielle Umverteilung sicher, was – natürlich mit Grenzen und jeweils schichtspezifisch – für ein höheres Mass an Gleichheit in der Gesellschaft sorgte.

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Die Einkommensunterschiede zwischen Ehemännern und Ehefrauen sind heute noch recht gross. (Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Diese Relation hat sich heute grundsätzlich verändert. Vier Fünftel aller gut ausgebildeten Männer mit vergleichsweise hohem Einkommen heiraten heute innerhalb ihrer eigenen sozialen Schicht. Noch stärker ausgeprägt ist dieser Trend bei gut verdienenden Akademikerinnen, die nur in absoluten Ausnahmefällen einen Nicht-Akademiker als Partner wählen. Da sich die Einkommensunterschiede innerhalb der Haushalte hierdurch kontinuierlich verringern, öffne sich die Einkommensschere zwischen den Haushalten sowie den verschiedenen sozialen Schichten in immer stärkerem Masse.



Einkommensungleichheit nimmt in allen Industrienationen zu



Die Einkommensungleichheit hat in den letzten zwei Dekaden in allen westlichen Ländern zugenommen. Zwar sind die meisten europäischen Gesellschaften von dem Ungleichheits-Niveau der USA noch weit entfernt – der Gini-Koeffizient, mit dem die Ungleichheit gemessen wird, weist jedoch sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa langfristig nach oben. Parallel dazu hat sich die Tendenz verstärkt, seinen Partner in einem möglichst identischen sozialen Umfeld auszuwählen.

Der Statistiker Christoph Schröder vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft weist derartige Zusammenhänge auch für Deutschland nach. Einerseits sind die Einkommensunterschiede zwischen Ehemännern und Ehefrauen auch heute noch recht gross, ihr Abstand hat in den vergangenen Jahren jedoch deutlich abgenommen. Schröder meint ebenso wie die US-amerikanischen Ökonomen, dass die Verringerung der Einkommensunterschiede innerhalb der Familien die Einkommensungleichheit in der Gesellschaft in erheblichem Umfang beeinflusst hat. Die wichtigste Ursache dafür liegt in der veränderten sozialen und wirtschaftlichen Position von Frauen. Für ihren Lebensunterhalt und ihren sozialen Status sind Frauen heute nicht mehr auf Männer respektive eine Ehe angewiesen. Die Mehrheit von ihnen geht einer bezahlten Arbeit nach. Die Frauen-Erwerbstätigenquote in der Schweiz lag 2012 bei 73,6 Prozent – und damit auch deutlich höher als in Deutschland, wo nur 64,7 Prozent aller Frauen in berufliche Tätigkeiten eingebunden waren. In ihrer Ausbildung und ihren beruflichen Qualifikationen ziehen immer mehr Frauen mit hochqualifizierten Männern gleich, was für letztere natürlich auch die Chance erhöht, eine gut ausgebildete Partnerin zu finden. Gleichzeitig halten viele Frauen an den Wertemustern der traditionellen Ehe fest – ihr Partner sollte mindestens so viel verdienen wie sie selbst. Der gesellschaftlichen Durchmischung durch “ungleiche” Partnerwahl und damit einer Verringerung von Einkommensscheren steht auch dieser Fakt entgegen.

OECD: Emanzipation und Frauenarbeit führen zu grösserer sozialer Gleichheit



So weit, so gut – allerdings bleibt bei beiden Ansätzen die Frage offen, ob die Emanzipation von Frauen und daraus resultierende neue Beziehungsmuster an und für sich genommen dazu führen, dass die soziale Ungleichheit in den Industriegesellschaften zunimmt. Entsprechende Statistiken der OECD zeichnen in dieser Hinsicht ein entgegengesetztes Bild: Seit Mitte der 1980er Jahre ist die gleichmachende Wirkung von Frauenemanzipation und Frauenarbeit in den Industrieländern etwa doppelt so gross wie die Ungleichheit, die durch eine stark schichtgebundene Partnerwahl entsteht. Dieser Effekt ergibt sich daraus, dass der Anteil von Frauen, die über kein oder nur ein sehr geringes eigenes Einkommen verfügen, seitdem beträchtlich abgesunken ist.

Die Berechnungen von Greenwood oder Schröder definieren vor diesem Hintergrund nicht viel mehr als ein abstraktes statistisches Modell. Wenn Greenwood meint, dass die USA durch eine ausschliesslich vom Zufall bestimmte Partnerwahl die Rückkehr zur Einkommensschere von 1960 erreichen könnte, lässt er ausserdem wichtige strukturelle Veränderungen des Arbeitsmarktes völlig ausser Acht, die sich massgeblich aus der Zunahme der Frauenarbeit sowie der wachsenden Präsenz von Frauen in qualifizierten Jobs ergeben. Seine Rechnung stimmt letztendlich nur dann, wenn sich die Amerikaner parallel dafür auch wieder auf die traditionelle Hausfrauenehe fokussieren würden.

Ausschlaggebend für die wachsende finanzielle und soziale Ungleichheit sind andere Faktoren, beispielsweise eine wachsende Sockel-Arbeitslosigkeit, die zunehmende Langzeitarbeitslosigkeit von Männern sowie die entgegengesetzte Einkommensentwicklung auf niedrig- und hochqualifizierten Arbeitsplätzen. Eine gerechtere Gesellschaft erfordert also nicht die Rückkehr zu einer gesellschaftlichen Umverteilung über Heirat, sondern funktionierende politische Instrumente, die durch entsprechende Regulative für eine Verminderung von Einkommensscheren und für Chancengleichheit sorgen.



 

Oberstes Bild: @ Klaus Eppele – Fotolia.co


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