Defensives Entscheiden: Warum wir eine positive Fehlerkultur brauchen

30.09.2015 |  Von  |  Allgemein
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Defensives Entscheiden: Warum wir eine positive Fehlerkultur brauchen
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Defensives Entscheiden bedeutet, die zweitbeste Option zu wählen – wider besseres Wissen. Klingt doof? Ist es auch. Doch genau das ist an der Tagesordnung. Die Angst vor Fehlern treibt uns dazu. Schliesslich lässt sich die beste Entscheidung nicht immer am besten verteidigen.

In der Folge werden Patienten unnötigen Tests unterzogen und Kunden bekommen von ihren Finanzberatern die falschen Produkte empfohlen, um nur einige Beispiele anzuschneiden. Höchste Zeit für eine positive Fehlerkultur.

Fehler sind etwas Wunderbares. Sie helfen uns, uns ständig weiter zu entwickeln. Trotzdem werden sie vielerorts nicht gerne gesehen. Macht ein Arzt einen Fehler, muss er mit einer saftigen Klage rechnen. Also versucht er alles, um sich im Vorfeld rechtlich abzusichern. Die Folgen sind überflüssige Vorsorgeuntersuchungen, Verschreibungen und Behandlungen. Defensive Entscheidungen eben. Vordergründige Frage ist nicht, was dem Patienten nützt, sondern was sich vor Gericht verteidigen lässt. Im Zweifel wird lieber ein Röntgenbild zu viel als zu wenig gemacht.

Auch an anderen Stellen beeinflussen uns negative Fehlerkulturen. Die Schule ist dafür ein Musterbeispiel. Fehler werden direkt durch schlechte Noten bestraft. Das bremst den Entdeckungstrieb. Wenn ein Kind Angst hat, seine korrigierte Mathearbeit entgegenzunehmen, ist einiges schief gelaufen. Denn gerade Kleinkinder lernen durch Versuch und Irrtum – und sind damit wahnsinnig erfolgreich. Dieser Entdeckungstrieb muss in der Schule gefördert werden. Das schaffen wir durch eine positive Fehlerkultur.

Hinterfragen Sie sich doch selbst einmal. Wie viele Ihrer Entscheidungen sind defensiver Natur? Zur Erinnerung: Defensives Entscheiden bedeutet, die zweitbeste Option zu wählen – wider besseres Wissen.

Wider besseres Wissen bleiben wir mit Partnern zusammen, die wir nicht lieben. Wir gehen Berufen nach, die wir zum Teufel wünschen. Wir schliessen Versicherungen ab, die wir nicht brauchen. Und wir verpassen es, unsere Träume zu verfolgen…

Defensive Entscheidungen treffen wir, um Fehler zu vermeiden. Dabei können wir die aus unserer Sicht beste Handlungsalternative vor unserem Umfeld (egal ob Arbeit oder Privat) schlecht rechtfertigen. Also beugen wir vor und wählen die sichere Variante. Dann können wir bei Misserfolg darauf verweisen, dass jeder so gehandelt hätte. Letztlich fehlt uns der Schneid, zu unseren Entscheidungen zu stehen.


Defensive Entscheidungen treffen wir, um Fehler zu vermeiden. (Bild: Robert Faritsch / Shutterstock.com)

Defensive Entscheidungen treffen wir, um Fehler zu vermeiden. (Bild: Robert Faritsch / Shutterstock.com)


Für mich war eine solche defensive Entscheidung, zu studieren. Dabei wollte ich mich schon immer selbständig machen. Ein Studium war dafür nicht nötig. Doch es mangelte mir an Mut. Was, wenn ich scheitere? Wie sollte ich das meinem Umfeld erklären?

Das Studium hingegen stellte mir gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Aussicht. Es war die einfache und sichere Variante. Müssig zu erwähnen, dass ich nie ein Musterstudent geworden bin. Mein Beispiel zeigt, wie leicht es ist, eine defensive Entscheidung zu treffen.

Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung

Als Versicherungsmakler und Finanzblogger treffe ich häufig Menschen, die Rat suchen. Sie sind sich unsicher, welche Versicherung sie brauchen und wie sie ihr Geld anlegen sollen. Viele haben lange Zeit mit ihrem Geld gar nichts gemacht. Die Angst, einen Fehler zu machen – einfach zu gross. Dabei gilt: Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung – und zwar eine defensive. In diesem Fall ist es die Entscheidung, sein Geld der Inflation auszusetzen.

Dabei nützt es nichts, die perfekte Aktie oder den perfekten Fonds zu suchen. Wir leben in einer ungewissen Welt. Ob wir die beste Wahl getroffen haben, wissen wir erst im Nachhinein. Viel wichtiger ist es, überhaupt etwas zu tun. Hören Sie dabei ruhig ab und zu auf Ihr Bauchgefühl. Wenn Sie etwas nicht verstehen, lassen Sie die Finger davon. Wenn Sie einem Berater nicht vertrauen, gehen Sie zum nächsten.

Gerade solche Faustregeln wie „Kaufen Sie nichts, was Sie nicht verstehen“ sind oft von unschätzbarem Wert. Doch sie verlangen aktive Entscheidungen und erfordern Mut. In diesem Fall ist es das Eingeständnis, etwas nicht zu verstehen.

Vom aktiven Entscheiden und einer positiven Fehlerkultur

Bisher haben wir uns vor Augen geführt, welche Folgen defensive Entscheidungen haben. Kinder verlieren ihren Forschergeist, Ärzte verordnen überflüssige Behandlungen und bei Geldfragen stecken wir den Kopf in Sand. Den Nährboden bildet eine negative Fehlerkultur.

Die Lösung ist, Fehler als das zu sehen, was sie sind: eine Gelegenheit zu lernen. Sie sind nur schlecht, wenn sie immer wieder gemacht werden. Eine positive Fehlerkultur schiebt dem einen Riegel vor. Fehler werden offen zur Sprache gebracht und es wird an Möglichkeiten gearbeitet, diese in Zukunft zu vermeiden. Gerade Unternehmer schaffen so ein innovatives Umfeld, mit dem sie sich langfristig einen Wettbewerbsvorteil sichern.

Der Management-Autor Laurence J. Peter bringt es auf den Punkt:

Fehler vermeiden wir, indem wir Erfahrung sammeln. Erfahrung sammeln wir, indem wir Fehler machen.

Die Devise muss also lauten: Lasst uns Fehler machen und Erfahrung sammeln!

Wenn wir wegen jedem Fehler bei unserem Chef vorsprechen und Angst um unsere Karriere haben müssen, haben wir dazu keine Chance. Wir vermeiden aktive Entscheidungen. Am Ende profitiert niemand davon. Um das zu verhindern, muss Raum für Fehler geschaffen werden. Wenn ein Fehler passiert, bedarf es einer konstruktiven Analyse.

  • Wie konnte es zu dem Fehler kommen?
  • Und wie kann man ihn in Zukunft vermeiden?

Mit einer emotionalen Standpauke ist niemandem geholfen.



Eine positive Fehlerkultur muss von den Vorgesetzten gelebt werden

Ein positiver Umgang mit Fehlern kann nicht einfach per Knopfdruck eingeführt werden. Es ist an den Vorgesetzten, diese Fehlerkultur selbst zu leben. Dafür müssen eigene Fehler offen eingestanden und Lehren daraus gezogen werden.

Auch wer seine eigenen Kinder zu Versuch und Irrtum ermutigen will, muss es ihnen vorleben. Leere Worte sind nicht genug.

Fazit

Durch defensives Entscheiden lassen wir den Grossteil unseres Potentials ungenutzt. Wir sichern uns ständig ab und lassen alle Ideen, deren Erfolg ungewiss ist, unter dem Tisch verschwinden. Ursache ist eine negative Fehlerkultur, in der nur ein Dummkopf zu seinen Fehlern steht. Denn mit jedem Fehler droht das potentielle Karriereende. Vermeiden lässt sich das durch einen positiven Umgang mit Fehlern. Dafür müssen die Entscheidungsträger mit gutem Beispiel vorangehen.

 

Artiklebild: © fotogestoeber / Shutterstock.com

Über Christoph Geiler

Christoph Geiler träumt von einer Finanzbranche, die die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelunkt ihres Handelns stellt. Er bloggt regelmässig auf der Finanzküche und ist Versicherungsmakler aus Überzeugung.



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