Experimentelle Wirtschaftswissenschaft – sinnvoll oder nicht?

02.09.2014 |  Von  |  Finanzen
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Experimentelle Wirtschaftswissenschaft – sinnvoll oder nicht?
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Wie verhalten sich verschiedene Persönlichkeitstypen im Finanz- und Wirtschaftsleben? Welche psychischen Strukturen liegen ihren Entscheidungen zugrunde? Verhindern verbindliche Verhaltensnormen spekulative Blasen? Und wie funktioniert die Verbreitung von Überzeugungen, Meinungen oder auch sozialen Irrtümern in einer Gesellschaft? Themen, welche Experten und die Öffentlichkeit seit Langem interessieren.

Experimentell arbeitende Wirtschaftswissenschaftler untersuchen das Verhalten der Finanzmärkte und ihrer Akteure in Labortests. Die Interpretation der Studien lässt jedoch Fragen offen. In Kappel am Albis trafen sich Finanzmarktexperten, Ökonomen und Wirtschaftspsychologen jetzt zur fünften Jahrestagung der Society for Experimental Finance. Die Gesellschaft wurde 2010 gegründet – die Motivation dafür resultierte sicher auch aus dem Schock der letzten grossen Krise. Ihre Mitglieder vertreten einen solchen experimentellen Ansatz. Damit nehmen sie eine grundsätzlich andere Perspektive ein als die Vertreter der klassischen Finanzmarkttheorie, deren zentrales Paradigma die Idee eines „perfekten Marktes“ mit streng rationalen Entscheidungsträgern ist.



Experimentelle Ökonomie – Anspruch naturwissenschaftlicher Exaktheit

Dass menschliches Verhalten in Finanzmarktentscheidungen eine wichtige Rolle spielt, haben auch traditionelle Ökonomen längst begriffen. Schon 2010 notierte der ehemalige Chef der US-amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, dass zum Verständnis des Entstehens spekulativer Blasen auch empirische Forschung nötig sei, die sich nicht nur auf ökonomische, sondern auch auf psychologische Faktoren fokussieren müsse. In den Wirtschaftswissenschaften wird ein solcher Ansatz in immer breiterem Masse aufgegriffen. Die experimentelle Ökonomie will – analog zur Psychologie, Physik oder Chemie – durch Simulationen, Messungen und Befragungen Marktphänomene identifizieren, prognostizieren und hypothetisch testen.

Wie ehrlich sind beispielsweise Banker?

In jüngster Vergangenheit kehrte dabei ein Thema immer wieder: Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Geschäftspraktiken der Banken wurde durch die Krise schwer erschüttert. Zum Teil stehen die Kreditinstitute heute unter Generalverdacht, unethische Geschäftsmethoden zu praktizieren. Für die Wirtschaft ist das fatal, denn gerade für Bankgeschäfte ist ein Mindestmass an Vertrauen nötig. Wie es um die Vertrauenswürdigkeit der Banker aus experimenteller Perspektive steht, zeigt eine noch nicht veröffentlichte Studie des Departments für Economics der Uni Zürich. Demnach sind Banker keineswegs unehrlicher als die Vertreter anderer Berufe, jedoch kann die Unternehmenskultur ihres Arbeitgebers sie zu unehrlichen Handlungen motivieren. Dabei muss erwähnt werden, dass in seinem sozialen Leben jeder Mensch unterschiedliche Rollen einnimmt, aus denen jeweils spezifische soziale Erwartungen und Normen resultieren – beispielsweise im beruflichen und privaten Leben.



Diskrepanzen zwischen beruflichen und privaten Identitäten

Im Fall der Bankangestellten wurde das Experiment in zwei Phasen durchgeführt. In der Vorbereitungsphase wurden die Studienteilnehmer – Angestellte einer grösseren, international aktiven Bank – jeweils auf ihre privaten oder professionellen Identitäten eingestimmt. Die zweite Phase bestand aus einem Spiel, in dem sie sich ehrlich oder unehrlich verhalten konnten. Unehrliches Verhalten nahm in signifikantem Umfang zu, sofern die Probanden auf Basis ihrer beruflichen Identität agierten, sofern es also mit finanziellem Gewinn verknüpft war. Wenn die Banker dagegen in ihrer privaten Rolle tätig wurden, verhielten sie sich im Durchschnitt ehrlich, selbst angesichts der Möglichkeit, von Unehrlichkeiten zu profitieren. Bei anderen Berufsgruppen oder Studierenden hatten solche Rollen-Erinnerungseffekte allerdings keine besondere Relevanz. Auch bei den Bankern selbst zeigten sich Unterschiede: So schnitten Vermögensverwalter schlechter ab als Mitarbeiter in administrativen Tätigkeiten.

Studienleiter Ernst Fehr, Professor für Mikroökonomik und experimentelle Wirtschaftsforschung, schliesst daraus, dass der Wille zur Ehrlichkeit zwar generell vorhanden ist, bei den Bankangestellten jedoch tendenziell hinter den Rollenanforderungen ihres Jobs zurücktritt. Andererseits seien Ansehen und guter Ruf jedem Menschen wichtig – dieser Wunsch erstreckt sich in der Regel auch auf den eigenen Arbeitgeber. Fehr empfiehlt daher Banken und anderen Institutionen einige Massnahmen zur Durchsetzung von korrekten Normen: Gruppendruck, konsequente Ahndung von Verstössen, Unterstützung durch Whistleblower und bei „hartnäckigen Missetätern“ auch Kündigung.

Welche Rolle spielen Emotionen?

Neben den Gründen für Verhalten interessieren sich die experimentellen Ökonomen auch für die Bedeutung von Emotionen: Welche Gefühle werden durch wirtschaftliche Entscheidungen ausgelöst? Und umgekehrt: Welche Emotionen lösen diese Entscheidungen bei den handelnden Personen aus? Für entsprechende Untersuchungen kommen unter anderem Magnetresonanztomografen (MRT) zum Einsatz, mit denen sich messen lässt, welche Gehirnregionen bei Entscheidungsprozessen aktiv sind. Colin Camerer und sein Forschungsteam arbeiten am California Institute of Technology zum Zusammenhang zu solchen Fragen. Im Experiment identifizierten sie die Beziehung von bestimmten Gehirnaktivitäten und dem Entstehen respektive Platzen spekulativer Blasen. Einige der jeweils etwa 20 Probanden waren während der entsprechenden Aktienmarkt-Simulationen an MRT-Geräte angeschlossen. Bei allen Teilnehmern zeigten bestimmte Gehirnregionen während des Experiments besonders starke Aktivitäten. Spieler, die Verluste zu verzeichnen hatten, tätigten in grösserem Umfang Aktienkäufe und trieben hierdurch die spekulative Blase an. Bei den „Gewinnern“ dagegen sendete eine andere Gehirnregion Verkaufssignale – diese Verkäufe führten im Endeffekt zum Crash.

Gelassenheit fördert Gewinne, alle anderen Emotionen spekulative Blasen. (Bild: Masson / Shutterstock.com)

Gelassenheit fördert Gewinne, alle anderen Emotionen spekulative Blasen. (Bild: Masson / Shutterstock.com)




Gelassenheit fördert Gewinne, alle anderen Emotionen spekulative Blasen

Ein Forscherteam der Universität Tilburg in den Niederlanden hat für die Untersuchung der emotionalen Komponente ein neues Instrument entwickelt. Der „Face Reader“ ist eine Software, die den Gesichtsausdruck nach den Kriterien Freude, Überraschung, Angst, Ärger, Abscheu oder Trauer analysieren kann. Damit dokumentierten die Wissenschaftler anhand simulierter Auktionen, welchen Einfluss Emotionen auf bestimmte Marktentscheidungen hatten. Beispielsweise zahlten Testpersonen umso höhere Preise, je besser sie sich auf der emotionalen Ebene fühlten. Die Euphorie der Marktteilnehmer kann aber auch spekulative Blasen entscheidend fördern. Probanden dagegen, deren Gesichtsausdruck Gelassenheit verriet, erzielten auch während eines Crashs höhere Gewinne. Insgesamt lässt Ängstlichkeit im Markt die Preise fallen, alle anderen Emotionen treiben die Preise in die Höhe und stützen damit spekulative Blasen.

Handeln Frauen und Männer im Wirtschaftsleben unterschiedlich?



Die Frage, ob Frauen und Männer im Wirtschaftsleben unterschiedlich handeln, beschäftigt ebenfalls viele Wissenschaftler. Antworten darauf sind auch für das Verhalten in Finanzmärkten interessant. Üblicherweise wird Frauen weniger Risikobereitschaft zugeschrieben, was auf die Märkte potenziell stabilisierend wirkt. Die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, bescheinigt Frauen gerade in turbulenten Zeiten mehr Pragmatismus, Verantwortungsbewusstsein und Gelassenheit. Experimentell lässt sich diese These allerdings nicht vollkommen stützen. Wissenschaftler der spanischen Universität Alicante stellten in simulierten Märkten fest, dass die Entscheidungsmuster von Frauen und Männern nur unwesentlich voneinander abweichen. Zudem nähern sich in gemischten Werten die jeweiligen Kurse den realen Werten der Investitionsgüter an. Auch Studien der Harvard University und der Eötvös-Universität in Budapest bestätigen diese Resultate.

Experimentell gewonnene Erkenntnisse – nur bedingt für die Praxis tauglich

Allerdings versetzte der Harvard-Forscher David Laibson in Kappel der Euphorie der experimentellen Ökonomen auch einen Dämpfer. In seinem Vortrag berichtete er über eine gross angelegte gemeinschaftliche Untersuchung der Universitäten Harvard, Yale und Stanford, welche stärker die Gegebenheiten realer Märkte reflektierte. Die Probanden – 1200 relativ wohlhabende, ältere Testpersonen – agierten ein Jahr lang im Rahmen einer Simulation, die auf realen Marktdaten basierte. Als Preisgelder winkten ihnen jeweils mehrere Hundert Dollar. Fast alle anderen wirtschaftswissenschaftlichen Experimente wurden bisher mit Studenten durchgeführt – im zeitlichen Rahmen von einigen Stunden, in per Zufallsgenerator simulierten Märkten und mit einer Aufwandsentschädigung von 10 oder 20 Dollar. Die Studie stellte nun verschiedene, bisher als richtungsweisend betrachtete Forschungsergebnisse aus Laborexperimenten infrage. Laibsons Fazit:
Die experimentell gewonnenen Erkenntnisse lassen sich nur sehr bedingt auf reale Märkte und Prozesse übertragen.



 

Oberstes Bild: © everything possible – Shutterstock.com


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