Interviews – die Macht unbedachter Worte

02.06.2014 |  Von  |  Kommunikation
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Interviews – die Macht unbedachter Worte
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Das Leben entscheidet sich mitunter innert Bruchteilen von Sekunden. Mit ein paar unbedachten Worten können auch prominenteste Personen und gesündeste Unternehmen schlagartig in äusserst gefährliches Fahrwasser geraten. Vier Fälle sollen hier als Beispiel dafür dienen, dass man mit der Wahl seiner Worte, vor allem in öffentlichen Foren, niemals vorsichtig genug sein kann.

Rolf Breuer, damaliger Vorstandssprecher der Deutschen Bank, deutete 2002 in einem Interview an, dass für das deutsche Medienunternehmen von Leo Kirch keine weiteren Kredite mehr zur Verfügung gestellt würden. Dies führte zu einem enormen Vertrauensverlust der gesamten Kirch-Gruppe, woraufhin sie kurz später Insolvenz anmelden musste. Die Äusserung Breuers hatte ein teures Nachspiel für das Bankhaus: Satte 900 Millionen Euro Strafe muss das Geldinstitut, nach einem Vergleich im März 2014, an die Erben Leo Kirchs zahlen. Nicht nur, dass hier Geschäftsgeheimnisse verletzt wurden. Ohne Not einem ums Leben kämpfenden Unternehmen den Todesstoss zu versetzen, zeugt auch nicht von Weitsicht und Sensibilität.



Den Schweizer Bürgern sind die Äusserungen des SVP-Politikers Seppi Spiess über den Tod eines moldawischen Autodiebs wohl noch gut im Gedächtnis. Dieser war im Spätsommer 2012 nach einer dem Delikt folgenden Schiesserei ums Leben gekommen. Darüber offen Freude zu verkünden, dürfte weder im menschlichen Sinne und schon gar nicht im Sinne der grossen Schweizer Volkspartei gewesen sein. Bei allem Handlungsbedarf gegen „kriminelle Ausländer“, ein solches Beispiel darf keinesfalls in einem demokratischen Rechtsstaat Schule machen.

Eine in Europa kaum bemerkte Äusserung eines US-amerikanischen Politikers hätte hingegen beinahe wesentlich dramatischere Folgen haben können. Tom Tancredo, ein republikanischer Präsidentschaftskandidat von 2008, gab an, dass im Falle eines weiteren schweren Angriffs auf die USA durch Terroristen die Zerstörung der heiligen Stätten des Islam eine angemessene Antwort wäre. Man stelle sich das einmal für eine Sekunde lang vor: Mekka und Medina durch US-Bomber in Schutt und Asche gelegt – die Welt würde ein deutlich gefährlicherer Ort werden.

Einen ganz persönlichen Fauxpas leistete sich jüngst Giovanni Di Lorenzo, der Chefredakteur der renommierten deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“. Wieder im Fernsehen, dem öffentlichsten aller Foren, plauderte er freimütig aus, aufgrund seiner doppelten Staatsbürgerschaft auch zwei Mal an den Europawahlen 2014 teilgenommen zu haben. Was vielleicht auf den ersten Blick als besonderer demokratischer Fleiss oder als leichte Ordnungswidrigkeit empfunden werden kann, hat eine doch recht empfindliche Rechtsfolge. Nach Europarecht ist ein solches Verhalten schlichtweg Wahlfälschung und kann mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet werden. Dass ausgerechnet ein Chefredakteur solches tut und es dann auch noch öffentlich verkündet, ist schon ein ganz besonderes Mass an Ignoranz.

Gerade dieses ignorante Verhalten Di Lorenzos kann aber einen Hinweis darauf geben, wie es zu diesen unbedachten Äusserungen kommen kann. Ignoranz ist nicht nur wortverwandt mit Arroganz, sondern entspringt durchaus der gleichen Geisteshaltung. Man kann sich also fragen, was ein Vorstandsmitglied eines mächtigen Bankhauses, ein US-Präsidentschaftskandidat, ein SVP-Politiker und ein Chefredakteur eines wichtigen Presseorgans gemeinsam haben können?



So verlockend der stete Drang nach Machtzuwachs durch Karriere auch ist, einen Preis scheint sie stets zu kosten: den Kontakt zur Basis. Es scheint allzu menschlich zu sein, dass man sich ab einer bestimmten Macht- und Einflusssphäre zum Kreis der Unbesiegbaren zählen möchte. Und genau dort wird es gefährlich. Diese hier beschriebenen Fälle sind nur besonders schillernde Beispiele dafür, dass ein Kontrollverlust durch übermässige Fokussierung, Unwissenheit oder Ungeschick beinahe oder tatsächlich zu schlimmen Folgen führen kann.



Dass diese Fälle passieren, zeigt, dass es Handlungsbedarf gibt. An den inneren Mechanismen der Macht werden auch Fälle wie diese nichts ändern, wenn man keine Strategien entwickelt, um ähnliche Entwicklungen zu verhindern. Diese Fälle zeigen deutlich, dass das öffentliche Interview und der öffentliche Auftritt keinesfalls als gemütliche Plauderstunde verstanden werden dürfen. Ein Gladiatorenkampf in einer römischen Arena ist da eher der passendere Vergleich. Das bedeutet: Der öffentliche Auftritt muss trainiert werden. Dies nicht im Selbstmanagement, sondern ausschliesslich mit hoch spezialisierten Profis, welche gefährliche Situationen durch Fangfragen und Behauptungen simulieren können.



Das Interview als Kampf zu verstehen, welcher nur einen Sieger kennen darf, ist der Ansatz, welcher die hier beschriebenen Situationen zu vermeiden hilft. Je nach Machtsphäre reicht ein „Wie sage ich´s der Presse?“-Seminar dazu nicht aus. Planung, Vorbereitung und Durchführung eines öffentlichen Auftritts erfordern Disziplin und eine generalstabsmässige Vorlaufphase. Wenn sich keine ausreichende Vorbereitungszeit finden lässt, hilft nur die Absage. Alles andere wäre fahrlässig.

Was Vorstände und Politiker gerne vergessen, ist, dass ihr Gegenüber in der Regel ein ausgebuffter Profi ist, welcher seinerseits sein ganzes Berufsleben darauf trainiert hat, ein Interview zu führen. (Bild: wellphoto / Shutterstock.com)

Was Vorstände und Politiker gerne vergessen, ist, dass ihr Gegenüber in der Regel ein ausgebuffter Profi ist, welcher seinerseits sein ganzes Berufsleben darauf trainiert hat, ein Interview zu führen. (Bild: wellphoto / Shutterstock.com)

Was Vorstände und Politiker gerne vergessen, ist, dass ihr Gegenüber in der Regel ein ausgebuffter Profi ist, welcher seinerseits sein ganzes Berufsleben darauf trainiert hat, ein Interview zu führen. Wer sich den Rest des Tages mit nicht öffentlichen Entscheidungen beschäftigt, hat im Moderator einen Sparringspartner, dem er in der Regel nicht gewachsen ist.

Tipps und Techniken können an dieser Stelle nicht benannt werden. Das würde dem Sinn dieses Artikels zuwiderlaufen. Es gibt zwar allgemeine Gesprächs- und Fragetechniken, die einen Untrainierten schnell ins Schwitzen bringen können. Doch die Beherrschung dieser Tricks gehört zum Grundhandwerk der Auftrittsfähigkeit einer öffentlichen Person. Die Konsultation eines professionellen Coaches zu jedem öffentlichen Auftritt ist der einzige Weg, die eigenen Worte im Zaum zu halten.



 

Oberstes Bild: © Yevhen Vitte – Shutterstock.com


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