Tourbillon versus Wegwerf-Watch: friedliche Koexistenz oder Existenz-Gerangel?

28.03.2014 |  Von  |  Allgemein
Keine Beiträge mehr verpassen? Hier zum Newsletter anmelden!
Tourbillon versus Wegwerf-Watch: friedliche Koexistenz oder Existenz-Gerangel?
Jetzt bewerten!

Es bedarf einiger Szenenbilder und Spotlichter, um das Thema „Zeitmesser“ im Jahr 2014 in Facetten zu beleuchten. Vielleicht etwas unkonventionell, aber wir versuchen es mal mit der Aufbereitung als Schauspiel mit mehreren Aufzügen.

Kurz vor Beginn der Baselworld (27. März. bis 3. April 2014) sind solche Aufzüge eine ganz hübsche Art der Zusammenfassung von Vergangenheit, Gegenwart und Ausblick in die Zukunft.



Szenenbild 1

War´s der Nürnberger Bürger Haehnlein, dem man die Erfindung der Taschenuhr zuordnet? Oder war es der Mönch, der mit Haehnlein eine Zeit in der gleichen mittelalterlichen Zelle eingesperrt war und bei dem der Nürnberger sich ohne allzu viel Transpiration seine Inspiration zur Taschenuhr holte? Wie kam die Uhr von der Kette an den Arm? Warum reden die traditionellen Uhrmacher in einer Sprache, die uns an den Beruf des Büchsenmachers erinnert? Haben die Uhrmacher auch Gewehre unterschiedlicher Kaliber hergestellt oder drückten Büchsenmacher der Uhr ihren „Kaliber-Stempel auf?

Wer sich vertiefend mit der Historie der klassischen, mechanischen Uhr auseinander setzt, der findet die Antworten auf solche Fragen. Er wird vielleicht sogar ein Gefühl dafür entwickeln, warum sich auch „technikgläubige“, moderne Menschen der Faszination der handwerklich gefertigten Tourbillons aus Schweizer Fertigung hingeben und bereit sind, dafür richtig viel Geld auf den Tisch zu blättern. Und er weiss auch, dass die Uhr, wie wir sie kennen, nicht bei einem Schälchen Reis und einem Tässchen grünen Tee aus der Taufe gehoben wurde.

Szenenbild 2



Wir schreiben Anno Domini 1976. Die Arche Noah kreuzt auf dem Quartz-umwaberten Chinesischen Meer. An Bord der Arche sind keine Tiere, sondern unsere Arche bildet das stabile Schutzgehäuse für die Überlebenden der Quartz-Krise. Als die Quartz-Flut sinkt, gehen die Überlebenden zurück an Land. Es sind ihrer sieben vor dem Untergang gerettete Schweizer Traditionsuhrmacher. Zwar hatten Schweizer dazu beigetragen die ersten Quartzuhren salonfähig zu machen, doch das Geschäft mit billigen, hoch präzisen Zeitmessern machten japanische Uhrenhersteller wie Seiko.

Es erwischte später auch die Japaner, denn in Hongkong konnte man die Digitalziffern-Anzeiger so billig herstellen, dass sie für Billig-Werbegeschenke weg gingen. Doch dank Swatch und dem Schritt zurück zum analogen Zeiger kommen die Schweizer auch im Quartz-Segment wieder ins Geschäft. Hinzu kommt eine Renaissance der technisch überholten traditionellen Uhrmacher-Uhr mit ihrem eigenständigen „Sex-Appeal“. Die Überlebenden aus der Arche machten sich ans Werk. Ihr Uhrenbaukasten: Ziffernblätter; exklusive Kaliber; Tourbillons; Komplikationen; Gehäuse; Gehäuseboden; Edelmetalle; Dekoration; kleine, Wert steigernde Auflagen; Personalisierung.

Szenenbild 3

Produkte mit exzellentem Renommee und herausragenden Margen sind die „Lieblingskinder“ global operierender Produktpiraten und kaltschnäutziger Nachahmer. Nur wenige Variablen verändern und das als Vorgabe für den Feldzug ausgesuchte Produkt ersteht neben dem hochwertigen Produkt aus der Nobel-Firma als Billig-Kopie. Es entsteht als Doublette zu einem Preis, der fast ausnahmslos weniger als 10 Prozent des Preises seines hochwertigen Originals beträgt. Oft produziert in einer Klitsche, die in einem europäischen Land sofort ihre Zulassung verlieren würde.

Es wird in zahlreichen, vorrangig asiatischen Ländern produziert, unter Einsatz von Menschen, die völlig losgelöst von Arbeitervertretungen ihre Arbeitskraft für einen Hungerlohn zur Verfügung stellen. Um der Dimension eine Grössenordnung zu geben: Mehr als 240 Millionen Wanderarbeiter aus den ländlichen Provinzen Chinas fristen ihr Dasein als miserabel entlohnte „Manövrier-Masse“ in den Industrie-Metropolen des bevölkerungsreichsten Landes der Erde – Schmierstoff der chinesischen Wirtschaft. Die Bevölkerung der Europäischen Union ist etwa doppelt so gross, sie liegt bei etwa 500 Millionen Menschen!

Szenenbild 4



Wir schreiben Anno Domini 2013. Eine Handvoll Länder kontrolliert das weltweite Uhren-Business. Billiguhren liefert China. Der Wert der Schweizer Uhrenindustrie wird auf rund 22 Milliarden Franken taxiert, denn bei der Markenstärke von Rolex über Cartier, Omega, bis hinzu zum Newcomer Hublot liegen die Swiss Brands ganz oben.

Szenenbild 5

Hoppla, da purzelt schon wieder ein neues „Uhren-Derivat“ auf den für anspruchsvolle Kunden ausgerollten roten Teppich! Die Koreaner wollen mit sogenannten „SmartWatches“ eine richtungweisende Duftmarke setzen. Als „Galaxy Gear“ soll das eingedampfte „Uhren-Phone-Tablet“ ans Handgelenk von Business-Frau & -Mann. Damit nicht genug: Auch das Firmen-Emblem mit dem angebissenen Apfel gibt sich die Ehre. Schliesslich haben die Jungs aus dem kalifonischen Silicon Valley noch unter Frontmann Steve Jobs mit ihren smarten „i“-Produkten schon ganze Industrien das Fürchten gelehrt!



Die kleine Strassenkreuzung wird zum Verkehrskreisel mit mehreren Ausfahrten. Der Uhren-Kunde hat die Qual der Wahl:

* Exit Number One: Swiss Tourbillion
* Exit Number Two: Swiss and International Quartz
* Exit Number Three: Silicon Valley Solutions
* Exit Number Four: Corean Galaxy Solutions

Shareholder Value plus Zukunftssicherung: Dann geht auch morgen die Post ab

Ob einem dies als „Platzhirsch“ gefällt oder nicht: Mit diesem Verkehrsknoten sollte man sich konstruktiv auseinandersetzen, denn jeder neue Heilsbringer findet eine Fangemeinde und knabbert am Kuchen. Wer gut im Geschäft ist und mit erfreulichen Gewinnmargen verkauft, der kann seine Anteilseigner zweifelsohne mit einem sehr zufriedenstellenden Shareholder Value zufriedenstellen.

modern smartwatch

SmartWatches (Bild: lucadp / Fotolia.com)

Doch ein Klassenprimus sollte auch Zukunftssicherung betreiben und erforderlichenfalls in der Lage sein, auch das Segment der „SmartWatches“ mit einem Schweizer Spitzenprodukt zu bedienen. Die deutsche Sprache hat für die prägnante Zusammenfassung kritischer Momentaufnahmen ganz passende Sprüche parat. Der hier könnte passen: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit.



 

Oberstes Bild: © Mixov / Shutterstock.com


Ihr Kommentar zu:

Tourbillon versus Wegwerf-Watch: friedliche Koexistenz oder Existenz-Gerangel?

Für die Kommentare gilt die Netiquette! Erwünscht sind weder diskriminierende bzw. beleidigende Kommentare noch solche, die zur Platzierung von Werbelinks dienen. Die Agentur belmedia GmbH behält sich vor, Kommentare ggf. nicht zu veröffentlichen.