Die Samwer-Brüder – Erfolgsstory oder Riesenblase? – Teil 1

30.10.2014 |  Von  |  Organisation, Web
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Die Samwer-Brüder – Erfolgsstory oder Riesenblase? – Teil 1
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Die Einen feiern sie als geniale Unternehmer und als die kommenden Superstars der Online-Szene, die Anderen reden von einer grossen Blase. Oder noch schlimmer: Sie verachten und hassen sie. Die Rede ist von Marc (*1970), Oliver (*1973) und Alexander (*1975) Samwer, drei Brüdern aus Deutschland, und ihrer Firma Rocket Internet, die seit einigen Jahren die Online- und Internetmärkte weltweit aufmischt wie kaum eine andere. Zuletzt haben sie im Oktober 2014 grosse Aufmerksamkeit durch die Börsengänge von Rocket Internet und dem Online-Händler Zalando erregt.

Die drei Brüder stammen aus einer angesehenen und wohlhabenden Familie. Der Vater Sigmar-Jürgen Samwer, Rechtsanwalt in der Domstadt Köln, vertrat u.a. den Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll sowie den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Karl Carstens. Grossvater Adolf Franz Samwer sass im Bundestag und leitete viele Jahre die Deutsche Krankenversicherung. Der Urgrossvater Karl August Friedrich Samwer gründete die Gothaer Versicherung.




Dies ist ein Bericht in zwei Teilen:

Die Samwer-Brüder – Erfolgsstory oder Riesenblase? – Teil 1

Die Samwer-Brüder – Erfolgsstory oder Riesenblase? – Teil 2




Die Brüder waren glänzende Schüler und schlossen auch ihre Studiengänge höchst erfolgreich ab. Schon als Jugendliche fassten sie den Plan, eines Tages ein Unternehmen zu gründen und gemeinsam zu leiten. Im Jahr 2007 war es soweit. Mit der Rocket Internet AG, einem sogenannten Internet-Inkubator, starteten sie ihre Erfolgsstory. Ziel von Rocket Internet ist es, sich an Startups zu beteiligen und sie in der Gründungsphase zu unterstützen – finanziell und auch mit Marketing- und Infrastrukturdienstleistungen. Weitere Beteiligungsgesellschaften der Samwer-Brüder sind European Founders Fund (EFF) sowie Global Founders Capital.



Rocket Internet (RI) hat sich von Beginn an auf die Entwicklung internationaler Marktplätze konzentriert, im Gegensatz zu den meisten gleichartigen Unternehmen in den USA, die sich vornehmlich auf ihren Heimatmarkt beschränken. Die Firma verfügt mittlerweile über knapp 30 Standorte auf allen Kontinenten, darunter in Nordamerika, Brasilien, China, Indonesien, Südafrika und Schweden. Die Firmen, an denen RI Beteiligungen hält, beschäftigen rund 20’000 Mitarbeiter.



Zentrale Figur bei RI ist der mittlere Bruder Oliver Samwer. Er gilt als knallharter Manager, der von seinen Mitarbeitern ständig Höchstleistungen fordert. Dazu gehören Arbeitszeiten von 16 Stunden täglich, teilweise auch am Wochenende. In der Branche kursieren viele Gerüchte und Anekdoten über Oliver Samwer. So soll er schon mal handgreiflich werden, wenn etwas nicht nach seiner Nase läuft, Personen an den Schultern rütteln oder Bürogegenstände durch den Raum werfen. Angeblich hat er auch schon mal Mitarbeiter eingeschlossen, bis sie ein bestimmtes Projekt fertiggestellt hatten. Wirklich belegen lassen sich diese Geschichten nicht, aber viele ehemalige Angestellte und Vertraute berichten über ähnliche Vorkommnisse.

Aufsehen erregte eine E-Mail von Samwer an seine Mitarbeiter weltweit, die unter dem Schlagwort „Blitzkrieg“-Mail bekannt wurde. Darin bezeichnete er sich selbst als „der aggressivste Mann im Internet“ und forderte von seinen Angestellten Unterschriften, die mit Blut geschrieben werden sollten. Probleme gab es in der Vergangenheit auch mit den Arbeitsbedingungen bei Zalando, das ebenfalls zum Samwer-Imperium gehört.

Trotzdem gilt RI vor allem bei jungen Leuten als beliebter Arbeitgeber und optimales Sprungbrett in die Karriere. Nach eigener Aussage erhält das Unternehmen jeden Monat rund 4’000 Bewerbungen. Wer eingestellt wird, hat die Möglichkeit, neue Unternehmen mitaufzubauen und kreativ Verantwortung zu übernehmen, statt an Powerpoint-Präsentationen zu basteln oder nur in endlosen Besprechungen zu sitzen. Solche chancen hat kaum ein anderes Unternehmen zu bieten. Hinzu kommt, dass RI den E-Commerce in aufstrebenden Schwellenländern wie Brasilien installiert, in die sich viele andere Firmen der Online-Branche nicht hineinwagen. Für junge, karrierebewusste Menschen scheint genau dies ebenfalls sehr reizvoll zu sein.

RI ist dafür bekannt, bei Neueinstellungen sehr schnell zu sein. Ein Insider sagt, manchmal dauert es nur zehn Minuten, bis man den gewünschten Job hat. Genauso gut kann es aber auch passieren, dass man nach drei Monaten schon wieder gefeuert wird, wenn Oliver Samwer unzufrieden mit den erbrachten Leistungen ist. Wer gerne und lange diskutiert oder seine Work-Life-Balance optimieren möchte, ist bei RI mit Sicherheit falsch. Ein ehemaliger Manager betont, dass die idealen Kandidaten für einen Job bei RI die „unsicheren Höchstleister“ seien, Menschen die Versagensängste haben und deshalb besonders lange und hart arbeiten und ihre Persönlichkeit hinten anstellen.

Man könnte sagen, dass die Samwer-Brüder in den Bereichen Moral und Ethik an die Grenzen oder manchmal auch darüber hinaus gehen. Sicher ist jedenfalls, dass dies zu ihrem Geschäfts- bzw. Erfolgsmodell gehört. Denn Erfolg haben sie ohne Zweifel. Rocket Internet ist mittlerweile der grösste deutsche Webkonzern, vielleicht sogar der grösste in ganz Europa. Wenn RI selbst vielen Menschen auch nicht bekannt ist, einige seiner Ableger wie Zalando, Groupon, die Auktionsplattform Alando oder der Klingeltonanbieter Jamba dürften den meisten Internetnutzern durchaus geläufig sein.



 

Oberstes Bild: © EDHAR – shutterstock.com

Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.


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