Betriebliche Mitbestimmung – gefährlicher Unsinn oder geteilte Verantwortung?

31.05.2014 |  Von  |  Organisation
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Betriebliche Mitbestimmung – gefährlicher Unsinn oder geteilte Verantwortung?
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Kaum ein Thema wird in der Arbeitswelt so kontrovers diskutiert wie die betriebliche Mitbestimmung von Mitarbeitern. Primär ist es besonders für einen Chef nur sehr schwer zu verstehen, warum er Teile seiner Macht an seine Mitarbeiter abgeben soll. Doch das Instrument der Mitarbeiterbestimmung muss nicht zwangsläufig auf einen Macht- und Handlungsverlust der Geschäftsleitung hinauslaufen. In Deutschland haben die meisten Traditionskonzerne eine ebenso grosse Tradition in der Arbeit mit Betriebsräten. Dies gilt von den kleinsten Handwerkerunternehmen bis zu den grössten DAX-Konzernen.

Gerade ausländische Konzerne reagieren aber auch heute noch äusserst irritiert, wenn in ihren deutschen Filialen und Zweigstellen der Ruf nach einem Betriebsrat laut wird. Ob Möbelkonzern, Fast-Food-Kette oder Unternehmensberater, die betriebliche Mitbestimmung ist für Investoren gerade aus dem angelsächsischen Raum irgendwo zwischen „rotem Tuch“ und „nicht vorhanden“ angesiedelt. Als Reaktion auf die Gründungsbestrebung eines Betriebsrates erfolgt deshalb nicht selten eine sofortige Kündigung. Ist aber die Alleinherrschermentalität nach Gutsherrenart heute wirklich noch die richtige Herangehensweise, welche der Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern eines Unternehmens gerecht wird?



Deutschland steht mit dieser Kultur der betrieblichen Mitbestimmung vergleichsweise allein. Die USA und England hatten ähnliche Modelle, was den wirtschaftlichen Niedergang des Produktivsektors in diesen Ländern jedoch nicht verhindern konnte. Allerdings war in beiden Ländern auch die Kommunikationsbereitschaft zwischen den beiden Lagern niemals auf dem Niveau, wie es in Deutschland heute Tradition ist.

Gewerkschaft und Betriebsräte sind in Deutschland keineswegs verlängerte Arme kommunistischer oder sozialistischer Parteien oder Anarchisten, welche am liebsten allen Unternehmern den Garaus machen würden. Zwar ist auch in Deutschland die gegenwärtige Betriebsratskultur aus den Arbeiterparteien entstanden, welche in ihren Anfängen unbestritten ihre Wurzeln in den Werken von Marx und Lenin hatten.

Doch ebenso, wie sich in Deutschland die grösste Arbeiterpartei zu Wirtschaft und Wachstum bekannt hat, so haben auch die Gewerkschaften und damit auch die Betriebsräte die Systematik von Angebot und Nachfrage akzeptiert. Man kann sich als Investor darauf verlassen, dass die Grundsätze betrieblicher Unternehmensführung von den Mitarbeitern nicht angezweifelt werden.

Wie immer ist es ein „People´s Business“. Will sagen: Es kommt darauf an, wie professionell die verantwortlichen Personen auf beiden Seiten miteinander umgehen. Die Mitarbeiterbestimmung ist in Deutschland durch starke Gewerkschaften auf einem hohen Niveau. In kaum einem anderen Land haben Angestellte eine solche Gestaltungsfreiheit in ihren Unternehmen. Die betriebliche Mitbestimmung ist gesetzlich festgeschrieben. Doch wo Macht ist, schliesst sich auch Verantwortung an. Und diese hat sich für Unternehmer als vorteilhaft erwiesen.



Gerade das Thema Kündigungen unliebsamer oder redundanter Mitarbeiter ist mithilfe eines Betriebsrates zwar nicht einfacher, dafür aber nachhaltiger durchzusetzen. Mit kaum einem anderen Instrument kann ein Unternehmer Unsicherheit, Unruhe und mangelhafte Leistung in seinen Betrieb bekommen, als mit einer „Hire and Fire“-Mentalität. Ein Betriebsrat diszipliniert in diesem Punkt zwar den Verantwortlichen – die Kündigungen, welche mit Rückendeckung der Mitarbeiterbestimmung ausgesprochen werden, sind aber dann auch von der Mannschaft akzeptiert.

Die eigentliche Funktion des Betriebsrates ist keineswegs, den Unternehmer permanent in seiner Macht zu beschneiden. Vielmehr ist es die Aufgabe der organisierten Mitarbeiterbestimmung, ein Bindeglied zwischen der Geschäftsführung und den Produktiv- und Verwaltungskräften zu sein. Auch der fähigste Manager mit dem besten Stab der Welt kann unmöglich in allen Bereichen des Betriebes gleichzeitig sein.





Ein Betriebsrat hat aber die Möglichkeit, die Kreativität und Aufmerksamkeit jedes einzelnen Mitarbeiters zu aktivieren. (Bild: Pressmaster / Shutterstock.com)

Ein Betriebsrat hat aber die Möglichkeit, die Kreativität und Aufmerksamkeit jedes einzelnen Mitarbeiters zu aktivieren. (Bild: Pressmaster / Shutterstock.com)

Ein Betriebsrat hat aber die Möglichkeit, die Kreativität und Aufmerksamkeit jedes einzelnen Mitarbeiters zu aktivieren und für das Unternehmen nutzbar zu machen. Die betriebliche Mitbestimmung gibt dem Mitarbeiter die Möglichkeit, aktiv an der Gestaltung seines Unternehmens mitzuarbeiten. Ein starkes Verbesserungs- und Vorschlagswesen ist beispielsweise ohne einen vernünftigen Betriebsrat kaum durchsetzbar. Eine Geschäftsführung könnte ein solches System mit noch so professionellem Marketingaufwand einführen, ohne eine Identifikation mit dem Unternehmen würde es ins Leere laufen.



Dies ist der eigentliche Kern der betrieblichen Mitbestimmung: Identifikation mit dem Unternehmen. Das ist ohne eine direkte oder indirekte Einsicht in die Geschäftsplanungen und Strategien kaum möglich. Es ist wie bei einem Schiff: Wenn die Seeleute nicht wissen, wohin die Reise geht, ist Unruhe nur allzu verständlich.

Hier liegt das besondere Potenzial, welches ein Betriebsrat in einem Unternehmen tatsächlich entfalten kann. Die Identifikation mit seinem Unternehmen setzt bei dem einzelnen Mitarbeiter sehr viel einfacher eine Handlungs- und Opferbereitschaft frei, als es Vergünstigungen tun könnten. Gerade in Boom- und Krisenzeiten sind mit einer betrieblichen Mitbestimmung beste Ergebnisse zu erzielen. Vernünftig durch einen gewählten Vertreter kommuniziert, sind sowohl Mehrarbeiten wie Kürzungen leichter durchsetzbar.

Auch ist die Sensibilisierung der Geschäftsführung für unerkannte Missstände durch einen Betriebsrat leichter erreichbar. Von schlechtem Kantinenessen bis zu renovierungsbedürftigen Toiletten oder groben Sicherheitsmängeln in bestimmten Bereichen – ein verantwortlicher Lenker eines Unternehmens kann Baustellen wie diese durchaus übersehen. So enervierend ein ständig fordernder Betriebsrat schlimmstenfalls auch sein kann, die permanente Sensibilisierung für potenziell gefährliche Bereiche in ihrem Betrieb kommt der Geschäftsführung nur zugute.

Es kommt eben in erster Linie darauf an, was man daraus macht und wie man miteinander umgeht. Ein Betriebsrat, welcher mit der Geschäftsführung an einem Strang zieht, kann ein Unternehmen auf ein neues Niveau heben. Das sollte beim Nachdenken über dieses Instrument auf jeden Fall auch bedacht werden.



 

Oberstes Bild: © Brian A Jackson – Shutterstock.com


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