Vorgesetzt ohne Verantwortung – die stillen Chefs

13.03.2014 |  Von  |  Kommunikation, Organisation
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Vorgesetzt ohne Verantwortung – die stillen Chefs
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Es gibt sie, auch wenn sie kaum wahrgenommen werden – die Leiter ohne Leitungsverantwortung. Zu unterscheiden sind sie von den eher unauffälligen Experten, die allein in Büros sitzen und dort schöpferische Arbeit leisten. Zu unterscheiden sind sie auch von den vielen Einzelkämpfern aus dem Heer der Freelancer, die ihr eigener Chef sind.

Die Rede ist hier von Persönlichkeiten in Leitungspositionen, die zwar gut dotierte Stellen besetzen, dort aber weder Personalverantwortung noch Ergebnisverantwortung tragen. Warum es diese Positionen gibt und wie es den stillen Chefs geht, versucht dieser Beitrag exemplarisch zu beleuchten.



Wo ist Steiner?

Fast schon genervt tigert der Personalleiter eines mittelständischen Schweizer Unternehmens im Kanton Schwyz durch die neonerhellten Flure des Verwaltungsgebäudes. Von Bürotür zu Bürotür studiert er die Zimmerschilder an den eintönig hellgrauen Türen. Irgendwo hier muss Steiner sitzen. Mehrfach hat er schon nachgefragt, aber keiner weiss so recht, wer Johannes Steiner eigentlich ist und was er im Unternehmen macht.

In der Telefonliste gibt es eine Telefonnummer, auf der Gehaltsliste wird Steiner im unteren Management geführt, aber wo er sitzt, ist wohl eher ein Geheimnis. Ganz am Ende des Flures in der dritten Etage dann endlich der Lichtblick: Zimmer 3.87, Johannes Steiner, Abteilung Marketing, Leiter Social Media. Nach dem dritten Klopfen ein fast unhörbares „Herein!“.

Steiner sitzt hinter gleich drei Monitoren vergraben vor einem Wust aus Zettelchen und Haftnotizen, die auf dem Schreibtisch gerade noch Platz für die Tastatur lassen. Ständig tönt irgendein Piepsen aus dem Rechner, das die Ankunft irgendwelcher Nachrichten signalisiert. Steiner sitzt mit halboffener Krawatte am blütenweissen Hemd leicht vornübergebeugt und starrt abwechselnd auf die Monitore, um dann wieder eilig irgendwelche Phrasen in die Tastatur zu hämmern. Was er da macht, weiss keiner so genau, aber immerhin ist Steiner Leiter Social Media. Also wird es schon wichtig sein.





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(Bild: Pressmaster / shutterstock.com)




Hochgelobt, weggelobt oder vakante Position besetzt?

Steiner sitzt nicht schon immer hier. Bevor er Leiter Social Media wurde, war er redaktioneller Mitarbeiter in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. Bequem war der Dreissigjährige nie, aber überaus fleissig und in seinem Job eine echte Koryphäe. Nur leiden konnte ihn eben keiner, aber gebraucht war er immer.

Irgendwann hat das Unternehmen erkannt, wie wichtig die umfassende Nutzung der neuen Medien für die Unternehmenspolitik sein kann. So wurde die Abteilung Marketing erweitert, auch um den Bereich Social Media. Hier sollten ursprünglich vier Mitarbeiter beschäftigt werden, bis heute gibt es hier nur Steiner, den Chef ohne Verantwortung. Keine Unterstellten, kein abrechenbares Aufgabengebiet und kaum ein wirkliches Interesse daran, was Social Media dem Unternehmen bringt. Als der Bereich geschaffen war, wollte dort keiner wirklich arbeiten. Ein Kunstschnitt führte zur Besetzung zumindest des Chefbüros Social Media. Hier sitzt Steiner, der nach fünf Jahren hervorragender Arbeit im Unternehmen hierher versetzt wurde.

Um den Umstieg schmackhaft zu machen, wurde er mit der Leitungsfunktion betraut, das Gehalt wurde deutlich heraufgesetzt, nur zu sagen hat Steiner nichts. Nach aussen rühmt sich die Firma mit dem Engagement in Social Media, im Unternehmen selbst ist Steiner in den Bereich der Unsichtbaren abgerutscht. Ob hochgelobt, in aller Stille aufgestiegen oder wirklich gebraucht weiss keiner, aber die Stelle ist besetzt. Steiner ist Chef – ohne Mitarbeiter, ohne Ergebnisverantwortung und ohne klare Stellenbeschreibung.

Steiner allein im Haus



Als Johannes Steiner mehr oder weniger freiwillig in die Position des Leiters kam, hat er sich gefreut. Vor allem über das scheinbar höhere Mass an Verantwortung und noch mehr über das deutlich höhere Gehalt. Natürlich war da auch ein gutes Stück Herausforderung, immerhin könnte er jetzt Vorgesetzter von vier Kollegen in einem zukunftsweisenden wichtigen Bereich im Unternehmen sein. Die Ernüchterung folgte schnell. Auch ein halbes Jahr nach Schaffung des neuen Bereiches sitzt Steiner allein als Leiter in einem engen Büro, weitere Angestellte gibt es ebenso wenig, wie entsprechend vorbereitete Arbeitsplätze.

Zu sagen hat der Aufsteiger praktisch nichts, gefragt wird er auch nicht und klare Anweisungen von oben kommen schon gar nicht. Wenn Steiner zwischen seiner chaotisch wirkenden Arbeit mit Facebook, Twitter, Google+ und Co. in die Zukunft denkt, wird ihm bange. Letztlich ist er hier auf einem Posten gelandet, der in der derzeitigen Ausgestaltung keinerlei Entwicklungschancen bietet. Wenn er im Unternehmen bleibt, bleibt er auch in diesem Büro, allein und scheinbar vergessen vom Rest des Unternehmens.

Steiner ist zwar nicht der einzige Mitarbeiter in der Verwaltung, aber er fühlt sich allein im Haus. Das Einzige was ihn hier halten kann, ist ein gewisses Mass an Freiheit in der Arbeit und eben das wirklich attraktive Gehalt. Soll so sein Berufsleben in einer Sackgasse gelandet sein? Was steht im Arbeitszeugnis, wenn er das Unternehmen verlässt? „Herr Steiner übernahm die Leitungsfunktion im Bereich Social Media, war niemandem überstellt und trug keine Ergebnisverantwortung.“ Tolle Referenz.

Alleinstellungsmerkmal mit bitteren Folgen

Der Personalleiter kommt nicht ohne Grund zu Steiner. „Herr Steiner, Sie leisten eine hervorragende Arbeit. Allerdings muss Ihr Gehalt gekürzt werden. Sie tragen keine Personalverantwortung und müssen auch keine abrechenbaren Ergebnisse vorlegen. Das steht in keinem Verhältnis zu den Verantwortlichkeiten der anderen Leiter im Betrieb.“

Das hat gesessen. Vier Monate später kündigt Steiner fristgemäss und verlässt das Unternehmen. Seine Zielrichtung ist klar. Eine Anstellung in einem Unternehmen mit Ausrichtung auf PR, gern auch im Bereich Social Media und dort gern auch mit Leitungsverantwortung. Dann aber bitte mit echter Verantwortung für Personal und Leistung. Besondere Alleinstellungsmerkmale als Chef braucht Steiner jetzt nicht mehr.



 

Oberstes Bild: © Mi.Ti. – shutterstock.com

Über Olaf Hoffmann

Olaf Hoffmann ist der kreative und führende Kopf hinter dem Unternehmen Geradeaus...die Berater.
Neben der Beratertätigkeit für kleine und mittlere Unternehmen und Privatpersonen in Veränderungssituationen ist Olaf Hoffmann aktiv in der Fort- und Weiterbildung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.
Als Autor für zahlreiche Blogs und Webauftritte brilliert er mit einer oftmals bestechenden Klarheit oder einer verspielt ironisch bis sarkastischen Ader. Ob Sachtext, Blogbeitrag oder beschreibender Inhalt - die Arbeiten des Autors Olaf Hoffmann bereichern seit 2008 in vielfältigen Formen das deutschsprachige Internet.


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