Berufsbildung in der Schweiz – mit guten Perspektiven?

17.03.2014 |  Von  |  Allgemein, Selbstmanagement
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Berufsbildung in der Schweiz – mit guten Perspektiven?
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Der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler und frühere SP-Nationalrat Rudolf Strahm ist davon überzeugt, dass der Reichtum des Landes unter anderem darauf begründet ist, dass das duale Berufsbildungssystem Schweizer Jugendliche früh und nachhaltig in das Wirtschaftssystem integriert.

Die duale Berufsbildung mit ihrer Kombination aus betrieblicher Praxis und anspruchsvollem Schulprogramm gilt weltweit als Erfolgsmodell und wird in vergleichbarer Form nur von einigen wenigen Staaten praktiziert – neben der Schweiz unter anderem von Deutschland, Dänemark und Österreich. Die Praxis zeigt, dass diese Länder unter einer wesentlich geringeren Jugendarbeitslosigkeit leiden als beispielsweise Frankreich, in der die berufliche Bildung ausschliesslich eine Domäne der Schulen ist.



Eigentlich sollte die Berufsausbildung in der Schweiz also keinen Anlass zur Sorge geben. Sie hat einen exzellenten Ruf und entfaltet immer stärker eine internationale Vorbildwirkung. Für zwei Drittel aller Schweizer Jugendlichen ist eine Berufslehre der Start ins Arbeitsleben. Sie können zwischen etwa 250 Lehrberufen wählen. Nach einer Berufsmaturität oder einer höheren Berufsausbildung an Fachschulen stehen den Absolventen die Fachhochschulen ohne Zusatzprüfung offen. Im Jahr 2013 haben 12’900 junge Menschen in der Schweiz eine Berufsmaturität erworben, 27’000 haben einen Bildungsgang der höheren Berufsausbildung erfolgreich abgeschlossen.

Wandlung von klassischen Lehrberufen zu Wissensberufen

Trotzdem sehen Beobachter die langfristigen Perspektiven der Berufslehre in der Schweiz zumindest unter einigen Aspekten kritisch. Der Philosophieprofessor Walther Zimmerli hat bereits 2009 zusammen mit einer Arbeitsgruppe der Schweizer Akademie der Wissenschaften unter dem Titel „Zukunft Bildung Schweiz“ ein Weissbuch herausgegeben, dessen Thesen seither stark umstritten sind.

Zimmerli und seine Forschungskollegen gehen davon aus, dass im Jahr 2030 etwa 70 Prozent der Schweizer einen Hochschulabschluss haben müssen, um in der Arbeitswelt der Zukunft zu bestehen. Die Berufslehre abschaffen – so einer der Vorwürfe an die Autoren – wollten diese damit keineswegs. Vielmehr geht es darum, dass sich selbst handwerkliche Ausbildungsberufe immer mehr zu Wissensberufen wandeln. Heizungsmonteure sind für diesen Trend ein recht treffendes Beispiel: Ihre Kernaufgabe bestand früher darin, Heizungsanlagen fachgerecht zu installieren. Heute nehmen sie immer stärker auch Planungs- und Beratungsaufgaben wahr und müssen dafür sowohl alternative Energie-Technologien kennen als auch komplexe Haustechnik programmieren können.



Gleichzeitig orientieren immer mehr Eltern ihre Kinder auf Gymnasium und Universität. Die Berufslehre hat an Prestige verloren und begründet ihrer Meinung nach einen niedrigeren sozialen Status. Viele Betriebe haben auch aus diesem Grund inzwischen Schwierigkeiten, überhaupt Auszubildende zu finden – auch Berufe mit hohen Anforderungen sind davon betroffen. Andererseits greifen einige Unternehmen die Berufslehre sozusagen von unten an. Vor einiger Zeit liess beispielsweise die Discounter-Kette Aldi wissen, dass ein ungelernter Angestellter in ihren Filialen Löhne von bis zu 4’700 Franken erzielen könne. Viele Angestellte mit abgeschlossener Berufsausbildung kommen nicht auf diesen Satz.

Vier Handlungsfelder für die Berufsausbildung in der Schweiz

Experten machen für die Berufsausbildung in der Schweiz vier Handlungsfelder aus:

1. Der Strukturwandel in der Wirtschaft schlägt sich noch nicht ausreichend in einer entsprechenden Differenzierung der Berufsausbildung nieder. Seit den 1960er Jahren verschiebt sich die Struktur der Schweizer Wirtschaft sukzessive in den Dienstleistungsbereich. Viele einfache industrielle Tätigkeiten werden heute zudem ins Ausland verlagert oder von Maschinen übernommen. Trotzdem werden nach wie vor die meisten Lehrstellen in Industrie- und Gewerbebetrieben – also im produzierenden Sektor – angeboten, im Dienstleistungsbereich fehlt es dagegen an Ausbildungsplätzen.





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Der Strukturwandel in der Wirtschaft schlägt sich noch nicht ausreichend in einer entsprechenden Differenzierung der Berufsausbildung nieder. (Bild: PlusONE / shutterstock.com)

Patrik Schellenbauer, Avenir-Suisse-Projektleiter und Co-Autor einer Studie zur Zukunft der Lehre, merkt zu diesem Missverhältnis an, dass sich die Auszubildenden für die Industriebetriebe in vielen Branchen finanziell rentieren, in ländlichen Gebieten gehöre das Ausbilden von Lehrlingen zudem zum guten Ton. Umso wichtiger ist es, dass die Berufsausbildung strukturell flexibler wird und sich stärker an den langfristigen Bedürfnissen des Arbeitsmarktes orientiert. Auch Berufswechsel – Stichwort: Erwachsenenbildung – dürften künftig eine deutlich grössere Rolle spielen als bisher.

2. Patrik Schellenbauer meint ebenso wie Walther Zimmerli, dass die Schweiz um eine weitere Akademisierung nicht herumkommt. Die Anwerbung von Akademikern aus dem Ausland zeigt, dass der heimische Pool an hochqualifizierten Arbeitnehmern nicht ausreicht. Der demografische Wandel wird diese Problematik perspektivisch noch verschärfen. Als Lösungsansatz sieht Schellenbauer das duale Studium für Maturanden an, das von den Banken in Form von Trainee-Programmen schon lange praktiziert wird – ein Konzept, das langfristig allerdings durchaus die Zukunftsfähigkeit der Berufslehre attackiert.

Zimmerli orientiert dagegen auf eine schulisch-theoretische Aufwertung der Lehre – und zwar ausdrücklich auch in der Grundausbildung – die aus seiner Sicht zu ausschliesslich auf die Praxis fokussiert ist. Auf jeden Fall muss auch die Berufslehre in Zukunft echte Karriereaussichten bieten, um attraktiv zu bleiben. Der „Kampf um die Talente“ zwischen Universitäten, Fachhochschulen sowie der höheren Berufsbildung ist längst im Gange – bisher auf einer recht ungleichen Basis. Berufsbildungs-Experten monieren vor allem, dass Bund und Kantone die Hochschulen bisher deutlich stärker mit finanziellen Mitteln fördern.

3. Die Globalisierung macht auch vor der Schweiz nicht halt – im Gegenteil gilt sie durch die Ansiedlung ausländischer Unternehmen und des starken Zuzugs hochqualifizierter internationaler Arbeitskräfte bereits heute als eines der am stärksten globalisierten Länder. Experten fordern daher, dass Schweizer Berufsabschlüsse und Berufsbezeichnungen auch international vergleichbar werden. Speziell in Firmen mit ausländischen Entscheidungsträgern und Personalverantwortlichen kann sich ein „eidgenössischer Berufsfachausweis“ schnell als Einstellungshindernis erweisen – das Rennen machen in solchen Fällen meist Bewerber der Universitäten oder Fachhochschulen.



Der Journalist und SP-Nationalrat Matthias Aebischer fordert daher die Einführung der Titel „Professional Bachelor“ und „Professional Master“ für Berufsausbildungsabsolventen. Auch die Ausbildung in mindestens einer Fremdsprache sowie der Erwerb interkultureller Kompetenzen gehört aus Sicht der meisten Bildungsforscher heute in jede Lehre – was beispielsweise bei den Gewerbeverbänden allerdings noch längst nicht wirklich angekommen ist.

4. Chancengleichheit auf dem Lehrstellen- respektive Arbeitsmarkt wird angesichts des sich abzeichnenden Lehrlingsmangels noch wichtiger als bisher. Einerseits benötigen viele Unternehmen dringend Nachwuchs, andererseits verhindert eine wirksame Integration möglichst aller Jugendlichen in den Arbeitsmarkt eine Vielzahl von sozialen Problemen. Der Basler Bildungssoziologe Christian Imdorf konstatierte bereits eine Dekade früher – damals noch angesichts einer „Lehrlingsschwemme“ – dass die Berufsbildung darüber entscheide, ob Jugendliche es schaffen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden oder nicht.

Inzwischen leiden viele Firmen eher unter Lehrlingsmangel, trotzdem mussten ausländische Jugendliche auch 2013 drei Mal so viele – im Schnitt etwa 28 – Bewerbungen schreiben als Schweizer. Um ein Randgruppenproblem handelt es sich dabei keineswegs: Etwa 25 Prozent der in der Schweiz lebenden Jugendlichen besitzen keinen Schweizer Pass. Ausbildungsbetriebe mit sozialem Auftrag machen sehr oft die Erfahrung, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund in den dortigen Ausbildungsgängen geradezu brillieren. Die Schweizer Wirtschaft kann es sich nicht leisten, auf diese Talente zu verzichten.



 

Oberstes Bild: © steigele – shutterstock.com


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