Kanton Aargau im Porträt: Geschichte, Wirtschaft und Sehenswürdigkeiten

Zwischen Zürich, Basel und Bern gelegen, gilt der Aargau vielen als reiner Durchgangskanton – dabei hat er weit mehr zu bieten als Autobahnen und Kernkraftwerke. Mit rund 739’000 Einwohnerinnen und Einwohnern, historischen Schlössern und einer der bedeutendsten Fluss-Landschaften der Schweiz lohnt sich ein genauerer Blick.

Der Aargau ist ein Kanton der Gegensätze: ländlich geprägt und gleichzeitig industriell bedeutend, von Kleinstädten dominiert und doch wirtschaftlich eng mit den grossen Zentren der Schweiz verflochten. Wer ihn nur von der Durchfahrt kennt, verpasst einiges.

Geografie und Lage

Der Kanton Aargau liegt im Norden der Deutschschweiz und umfasst eine Fläche von rund 1’404 Quadratkilometern. Er grenzt im Norden an Deutschland, wobei der Rhein die Landesgrenze bildet, sowie an die Kantone Basel-Landschaft, Solothurn, Bern, Luzern, Zug und Zürich. Landschaftlich prägen Hügelzüge, Flusstäler und die östlichen Ausläufer des Juras den Kanton. Eine geografische Besonderheit ist das sogenannte „Wasserschloss der Schweiz“ bei Brugg: Hier vereinigen sich kurz nacheinander die Flüsse Reuss und Limmat mit der Aare, die wenig später bei Koblenz in den Rhein mündet. Durch diese Flussvereinigung fliesst rechnerisch Wasser aus 24 der 26 Schweizer Kantone durch den Aargau, bevor es über den Rhein die Nordsee erreicht.


Die Aare bei Aarau: Der Fluss ist der längste, der vollständig innerhalb der Schweiz entspringt und mündet.

Bevölkerung und Gemeinden

Per Mitte 2025 zählte der Kanton Aargau rund 739’156 Einwohnerinnen und Einwohner, davon gut 28 Prozent ausländische Staatsangehörige. Damit gehört der Aargau zu den bevölkerungsreicheren Kantonen der Schweiz. Verwaltet wird er über 11 Bezirke mit knapp 200 Einwohnergemeinden. Die Hauptstadt ist Aarau mit rund 22’000 Einwohnerinnen und Einwohnern – vergleichsweise klein für eine Kantonshauptstadt, was den dezentralen Charakter des Aargaus mit mehreren gleichwertigen Zentren unterstreicht.

Geschichte in Kürze

Die Region war bereits zur Römerzeit bedeutend: Ab 15 vor Christus errichteten die Römer bei Windisch die Legionsfestung Vindonissa, um die Nordgrenze des Reichs zu sichern. Im Mittelalter war das Gebiet Stammland der Habsburger, die von der Habsburg bei Brugg aus ihre Macht ausbauten, bevor sich ihr Schwerpunkt Richtung Österreich verlagerte. 1415 eroberten die Eidgenossen die Region von den Habsburgern.

Als eigenständiger Kanton entstand der Aargau erst am 19. Februar 1803, als Napoleon im Rahmen der Mediationsakte drei zuvor getrennte Gebiete zusammenlegte: den alten Kanton Aargau, den Kanton Baden und den Kanton Fricktal, der bis dahin zu Vorderösterreich gehört hatte. Gleichzeitig wechselten einzelne Gebiete die Zugehörigkeit: Das bernische Amt Aarburg und das luzernische Amt Merenschwand kamen neu zum Aargau, während Teile des Limmattals bei Zürich und das Amt Hitzkirch bei Luzern verblieben. Diese unterschiedliche Herkunft der Teilgebiete erklärt bis heute die konfessionellen, wirtschaftlichen und politischen Unterschiede innerhalb des Kantons.


Die Altstadt von Aarau mit ihrem markanten Kirchturm zählt zu den schönsten Ecken der Kantonshauptstadt.

Nach der Restauration ab 1815 erhielt der junge Kanton zunehmend aristokratische Züge unter Amtsbürgermeister Johannes Herzog. Der „Freiämtersturm“ im Dezember 1830, ein Zug der katholischen Opposition in die Hauptstadt Aarau, beendete diese Phase und ermöglichte eine Verfassung mit erweiterten Volksrechten. Der Aargauer Klosterstreit von 1841/43, bei dem der Kanton zunächst alle Klöster aufhob und die Frauenklöster später wieder zuliess, zählte zu den Auslösern des Sonderbundskriegs von 1847, der schliesslich zur Gründung des modernen Schweizer Bundesstaates führte.

Politik und Verwaltung

Der Aargau wird von einem Regierungsrat mit fünf Mitgliedern geführt, die im Majorzverfahren für vier Jahre gewählt werden. Den Vorsitz führt der Landammann als Primus inter Pares, jeweils für ein Jahr aus den Reihen des Regierungsrats bestimmt. Die gesetzgebende Behörde ist der Grosse Rat mit 140 Mitgliedern, die im Proporzverfahren für vier Jahre in den 11 Bezirken gewählt werden – jeder Bezirk bildet dabei einen eigenen Wahlkreis, wobei bevölkerungsreichere Bezirke wie Baden entsprechend mehr Sitze erhalten als kleinere wie Laufenburg oder Zurzach.

Bei den Gesamterneuerungswahlen vom 20. Oktober 2024 wurde die SVP mit 48 Sitzen stärkste Kraft im Grossen Rat, vor der SP mit 23, der FDP mit 22 und Die Mitte mit 18 Sitzen; die Grünen kamen auf 10, die GLP auf 11 Sitze. Der Aargau gilt damit heute, anders als im 19. Jahrhundert, als einer der konservativeren unter den grösseren Schweizer Kantonen. Neben der Vertretung im Grossen Rat kann sich die Bevölkerung über obligatorische und fakultative Referenden direkt an der Gesetzgebung beteiligen.

Wirtschaft: Vom Agrarkanton zum Industriestandort

Bis etwa 1900 war die Landwirtschaft die tragende Säule der Aargauer Wirtschaft; historisch bedeutend war zudem die Strohflechterei. Mit der Industrialisierung wandelte sich der Kanton zu einem wichtigen Industriestandort, ohne seinen ländlichen Charakter ganz zu verlieren. Heute sind die Maschinen- und Elektroindustrie, die Lebensmittelverarbeitung, Elektronik, Präzisionsinstrumente sowie die Life-Sciences-Branche wichtige Wirtschaftszweige. International bekannte Unternehmen mit Aargauer Standorten sind unter anderem ABB, Novartis, Roche, General Electric, Johnson & Johnson und Franke. Rund ein Viertel der Aargauer Exporte geht nach Deutschland. In der Landwirtschaft dominieren nach wie vor Milchwirtschaft sowie Obst- und Getreideanbau, insbesondere im Fricktal, das zudem für seinen Wein- und Obstbau bekannt ist.

Aargau als Energiekanton

Der Aargau spielt für die Schweizer Stromversorgung eine überdurchschnittlich wichtige Rolle. Auf Aargauer Boden stehen zwei der vier aktiven Schweizer Kernkraftwerke: Beznau (Gemeinde Döttingen, in Betrieb seit 1969 bzw. 1972) und Leibstadt (in Betrieb seit 1984, am Rhein nahe der deutschen Grenze gelegen). Leibstadt ist mit einer Leistung von rund 1’233 Megawatt das leistungsstärkste Kernkraftwerk der Schweiz und deckt rund einen Sechstel der gesamtschweizerischen Stromproduktion ab. Zusammen mit der Wasserkraft stammt damit ein bedeutender Teil des Schweizer Stroms aus dem Aargau. Im Rahmen der Energiestrategie 2050 dürfen die bestehenden Anlagen zwar weiterbetrieben, aber nicht durch neue Kernkraftwerke ersetzt werden.

Die 11 Bezirke im Überblick

Der Kanton gliedert sich in 11 Bezirke, die zugleich als Wahlkreise für den Grossen Rat dienen: Aarau, Baden, Bremgarten, Brugg, Kulm, Laufenburg, Lenzburg, Muri, Rheinfelden, Zofingen und Zurzach. Baden ist dabei sowohl nach Einwohnerzahl als auch nach Grossratssitzen der mit Abstand grösste Bezirk, während Laufenburg und Zurzach zu den bevölkerungsärmsten zählen. Jede dieser Regionen hat einen eigenen wirtschaftlichen und kulturellen Charakter: Baden mit Industrie- und Thermaltradition, Brugg nahe dem Wasserschloss, Wohlen und Bremgarten im katholisch geprägten Freiamt, Zofingen im Süden nahe der Kantonsgrenze zu Bern sowie Rheinfelden und Laufenburg im Fricktal an der Grenze zu Deutschland.


Schloss Hallwyl liegt auf zwei Inseln im Aabach und gilt als eines der bedeutendsten Wasserschlösser der Schweiz – seine Ursprünge reichen bis ins späte 12. Jahrhundert zurück, heute beherbergt es ein vielbesuchtes Museum.

Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele

Kulturell und touristisch hat der Aargau einiges zu bieten:

  • Schloss Lenzburg: Eine der ältesten und eindrücklichsten Höhenburgen der Schweiz, deren Ursprünge bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen. Heute beherbergt sie ein Museum zur Geschichte der Region.
  • Schloss Hallwyl: Ein malerisches Wasserschloss auf zwei Inseln im Hallwilersee, umgeben von einem Wassergraben – ein beliebtes Ausflugsziel samt Museum.
  • Kloster Muri: Ein bedeutendes ehemaliges Benediktinerkloster mit barocker Klosterkirche, heute kulturelles Zentrum und Veranstaltungsort.
  • Legionsfestung Vindonissa: Bei Windisch/Brugg gelegen, mit Museum und archäologischem Park zur römischen Geschichte des Kantons.
  • Thermalbäder: Bad Zurzach, Baden, Rheinfelden und Schinznach-Bad locken mit Thermalquellen Erholungssuchende aus der ganzen Schweiz an.
  • Hallwilersee: Mit Badeplätzen, Feuerstellen und Wanderwegen ein beliebtes Ziel für Tagesausflüge.

Kultur und Traditionen

Der Aargau war 1968 einer der ersten Schweizer Kantone, der die Kulturförderung als Staatsaufgabe in der Verfassung verankerte. Bekannt ist er für seine ausgeprägte Chor- und Theatertradition: Bereits 1675 entstand in Baden mit dem Schützenhaustheater das erste feste Theater der Schweiz. Bis heute pflegen mehrere Bühnen im Kanton eine lebendige Operettentradition. Ein besonderer Frühlingsbrauch ist das „Eierläset“, bei dem zwei Teams symbolisch um den Sieg von Frühling gegen Winter laufen. Da der Kanton erst 1803 aus unterschiedlichen historischen Gebieten zusammengesetzt wurde, existiert kein einheitliches Aargauer Brauchtum – stattdessen prägen regionale Traditionen das kulturelle Bild.

Video-Tipp: Der Aargau und seine kulinarische Identität

Wie eng der Kanton Aargau mit seiner Landwirtschaft und dem berühmten „Rüebli“ verbunden ist, zeigt diese Reportage von ARTE.



Video-Tipp: Der Aargau im Überblick

Einen kompakten visuellen Eindruck von Landschaft, Städten und Wirtschaft des Kantons vermittelt dieser offizielle Imagefilm.



Fazit

Der Aargau ist weit mehr als der oft zitierte Auto- und Industriekanton: eine Region mit bedeutender Flussgeschichte, jahrhundertealten Schlössern, einer vielseitigen Wirtschaft und einer kulturellen wie politischen Vielfalt, die aus seiner ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte von 1803 herrührt. Wer genauer hinschaut, findet zwischen Industriegebäuden und Autobahnen einen Kanton mit eigenständigem Charakter.

 

Bildquellen: Bild 1: Symbolbild © aletheia25/Shutterstock.com; Bild 2: Symbolbild © Michal Stipek/Shutterstock.com; Bild 3: Symbolbild © arentis/Shutterstock.com

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