EU Nature Restoration Regulation, Chancen für Gesundheit, Wirtschaft und Resilienz
von belmedia redaktion Allgemein Europa News Organisation Studien Technologie
Europa steht vor steigenden klimabedingten Schadenskosten, wachsendem Druck auf die öffentlichen Finanzen sowie neuen Debatten über Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit.
Die vollständige Umsetzung der EU‑Verordnung zur Wiederherstellung der Natur ist eine strategische Investition in die Gesundheit, Sicherheit und wirtschaftliche Resilienz Europas – und nicht bloss eine rechtliche Verpflichtung. Zu diesem Schluss kommt ein neuer wissenschaftlicher Kommentar des European Academies Science Advisory Council (EASAC).
150 Milliarden versus 1,8 Billionen
Der Kommentar zeigt, dass die geschätzten Kosten für die Wiederherstellung der geschädigten Ökosysteme Europas – rund 150 Milliarden Euro – durch einen mindestens zehnfach höheren Nutzen übertroffen werden. Dieser ergibt sich aus vermiedenen Katastrophenschäden, verbesserter öffentlicher Gesundheit, höherer Klimaresilienz sowie gestärkter Ernährungs- und Wassersicherheit.
„Die Wiederherstellung der Natur ist kein ökologischer Luxus. Sie ist grundlegendes Risikomanagement“, sagt Prof. Thomas Elmqvist, Umweltdirektor von EASAC und Hauptautor. „In einer Zeit, in der Europa Milliarden für die Bewältigung von Überschwemmungen, Dürren, Waldbränden und gesundheitlichen Folgen ausgibt, gehört die Wiederherstellung von Ökosystemen zu den klügsten präventiven Investitionen, die wir tätigen können.“
Geschädigte Natur erhöht Europas Risikobelastung
Europas natürliche Systeme sind bereits stark beeinträchtigt. Nur noch 1,4 % der europäischen Wälder gelten als unberührt, und lediglich 3,3 % der Landfläche unterliegen minimalem menschlichem Einfluss, so der Kommentar. Diese Verluste stehen in direktem Zusammenhang mit zunehmenden Hochwasserschäden, sinkender Bodenfruchtbarkeit, geschwächten Kohlenstoffsenken der Wälder und wachsendem Waldbrandrisiko.
Langjährige ökonomische Modelle, die Natur als verzichtbar betrachten, entsprechen nicht mehr der wissenschaftlichen Evidenz. Intakte Ökosysteme bilden das Fundament der Wirtschaft. Sie schützen Infrastrukturen, stabilisieren Ernährungssysteme und senken öffentliche Ausgaben für Katastrophenbewältigung und Gesundheitsversorgung. „Die wirtschaftliche Rolle der Natur zu ignorieren, ist ein gravierender ökonomischer und strategischer Fehler“, so Elmqvist. „Die neoklassische Ökonomie spielt die Bedeutung von Natur und Biodiversität für die wirtschaftliche Entwicklung weiterhin herunter. Doch wenn Ökosysteme versagen, tragen Bürger, Versicherungen und Regierungen die Kosten.“
Der Kommentar benennt sofort wirksame Massnahmen in drei Schlüsselökosystemen
- Agrarlandschaften: Regenerative Landwirtschaft kann organische Bodensubstanz, Biodiversität, Wasserrückhalt und Klimaresilienz wiederherstellen und gleichzeitig Erträge sichern. Prioritäten sind vielfältige Fruchtfolgen und Mischkulturen, Zwischen- und Dauerkulturen, reduzierte Bodenbearbeitung, Agroforstsysteme, Landschaftselemente sowie integrierter Pflanzenschutz. Politische Instrumente sollten messbare Ergebnisse wie im Boden gespeicherten Kohlenstoff, Biodiversität und Verbesserungen der Wasserregulierung honorieren.
- Wälder: Die Kohlenstoffsenke Wald wird durch Klimastress und Nutzungsdruck geschwächt. Naturnahe Forstwirtschaft, Mischbestände verschiedener Arten und Altersklassen, Habitatschutz sowie landschaftsweite Brennstoffbewirtschaftung können das Waldbrandrisiko senken und die Widerstandsfähigkeit erhöhen. Bioenergie‑Anreize sollten echte Reststoffe und die Kaskadennutzung von Biomasse priorisieren, während die Wiederherstellung der Waldkohlenstoffspeicher zur Erreichung der LULUCF‑Ziele beiträgt.
- Moorlandschaften: Die Wiedervernässung entwässerter Moore kann Emissionen deutlich reduzieren, das Waldbrandrisiko senken, den Wasserrückhalt verbessern und die Biodiversität wiederherstellen.
Drei zentrale Kernbotschaften
- Natur als strategisches Gut behandeln und finanzieren: Europas natürliche Vermögenswerte – Böden, Biomasse, Moore, Feuchtgebiete, Flüsse und Meeresökosysteme – sind essenziell für Kohlenstoffspeicherung, Wasserregulierung, Biodiversität sowie Ernährungs- und Energiesicherheit. Sie müssen systematisch anerkannt, gemessen und als strategische Prioritäten finanziert werden.
- Sektorübergreifende Kohärenz und Governance sicherstellen: Die Wiederherstellung der Natur kann nicht isoliert erfolgen. Sie erfordert Abstimmung zwischen Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Wasser‑, Energie‑, Meeres‑ und Stadtentwicklung sowie klare institutionelle Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten.
- Präventive Wiederherstellung als wirksamsten Ansatz verankern: Sie ist der effizienteste Weg, Katastrophenrisiken zu senken, Vermögenswerte zu schützen, die Wirtschaft gegen Klimaextreme abzusichern und Europas Resilienz sowie strategische Autonomie zu stärken.
Warnung vor politischem Zurückrudern
EASAC warnt, dass eine Abschwächung oder Verzögerung der Umsetzung der Verordnung zur Wiederherstellung der Natur Europas Anfälligkeit für Klimaextreme, wirtschaftliche Verluste und gesundheitliche Folgen weiter erhöhen würde.
„Als Wissenschaftler sind wir alarmiert über die zunehmende Rücknahme zentraler Umwelt- und Klimaschutzmassnahmen. Der Abbau von Umweltstandards beseitigt keine Kosten, sondern verschiebt sie lediglich in die Zukunft. Es ist entscheidend, dass sich die Mitgliedstaaten auf die Umsetzung der Ziele der Verordnung konzentrieren, anstatt deren Bestimmungen zu verwässern“, sagt Prof. Fiona Regan, Co‑Vorsitzende des Umweltausschusses von EASAC.
Medienbriefing: 15. Januar 2026, 12.00 bis 13.00 Uhr MEZ mit
- Prof. Thomas Elmqvist
- Prof. Fiona Regan
- Prof. András Baldi
Quelle: European Academies Science Advisory Council
Bildquelle: Maksim Safaniuk/shutterstock.com
