Als wäre ein Ballon geplatzt

Die im Oktober tiefer als erwartet ausgefallene Inflationsrate in den USA und eine schlechtere Konsumentenstimmung haben zu einem Sturz des US-Dollars geführt, der an den Devisenmärkten in seinem Tempo und in seinem Ausmass ein seltenes Ereignis ist. Gegenüber dem Franken hat er innert Kürze sieben Rappen verloren. Vor einer Woche musste für einen US- Dollar noch 1.01 Franken bezahlt werden, nun sind es noch 94 Rappen. Während man die Bewegung im CHF/USD-Kurs noch mit einem kleinen Marktvolumen abtun kann, gilt das für den EUR/USD-Kurs nicht. Gegenüber dem Euro hat der US-Dollar in der gleichen Zeit ebenfalls sechs Cent verloren.

Es schien, dass mit dem Stich einer Nadel der Ballon der US- Dollar-Hoffnungen geplatzt wäre.

Das Einzige, was sich geändert hatte, ist die Inflationsrate in den USA, die statt 8.2% immer noch hohe 7.7% beträgt und eine Kerninflation ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise, die von 6.6% auf deutlich zu hohe 6.3% gefallen ist. Interessant sind deshalb die Argumente für den tiefen Fall des Greenbacks. Das erste und wichtigste ist, dass die Fed nun bei den weiteren Zinserhöhungen Tempo rausnehmen kann und im Dezember die Zinsen statt 0.75% nur noch 0.50% erhöhen muss. Das entsprach aber schon vorher den Markterwartungen. Der Höhepunkt der Fed-Zinsen wird nun knapp unter 5% statt knapp über 5% erwartet.

Spekulation dominiert kurzfristig

Die Vertreter der Fed sagen bei ihren Auftritten aber etwas anderes. Sie betonen ihre Bereitschaft, die Zinsen auf ein hohes Niveau zu heben, wenn das nötig ist, um die Inflationsdynamik zu brechen. Ein weiteres Argument sind schwächere Wirtschaftsdaten, insbesondere bei den Stimmungsumfragen bei Unternehmen und Konsumenten. Den meisten dieser Daten ist gemeinsam, dass sie vor den Inflationsdaten veröffentlicht wurden und am Devisenmarkt damals keine Reaktion auslösten. Besonders gute Gründe, den Euro gegenüber dem US-Dollar vorzuziehen, gibt es auch nicht. Die Energiediskussion wird in Europa angesichts gut gefüllter Gasspeicher zwar weniger schrill geführt und die EZB wird die Zinsen weiter anheben. Aber das sind nicht die Schlagzeilen der letzten Tage.

Die Veröffentlichung der US-Inflationsdaten hat nicht nur die Dollar-Träume platzen lassen. Auch an den Aktien- und Zinsmärkten kam es zu Kursaus- schlägen, die mit dem Verhalten des oft zitierten rationalen Investors, der eine neue Information in den Preis einbaut, bei weitem nicht mehr vereinbar sind. Das zeigt einmal mehr, wie viel Geld sich an den Finanzmärkten tummelt, welches einfach hin- und hergeschoben wird und sich um die fundamentalen Bedingungen foutiert. Gesucht wird damit nicht der langfristige Anlageerfolg und eine Investition in die Realwirtschaft, sondern der kurzfristige Spekulationsgewinn. Bestens in dieses Bild passt der Zusammenbruch der FTX-Kryptobörse. Deshalb werden auch in den nächsten Wochen und Monaten die Kursschwankungen an den Finanzmärkten hoch bleiben. Am Ende können sich die Preise zum Glück den wirtschaftlichen Gegebenheiten aber doch nicht entziehen.

Am Trend ändert sich nichts

Für den US-Dollar bedeutet das, dass eine Gegenbewegung nach oben kurz- fristig wahrscheinlich ist. Diese wird aber kaum mehr die Parität zum Franken erreichen. Substanzieller wird der Dollar erst im nächsten Jahr unter Druck geraten, wenn ein Ende der Fed-Zinserhöhungen absehbar sein wird. Langfristig macht er das, was er seit dem Ende des Bretton-Woods-Systems 1973 eigentlich immer gemacht hat. Weil die Inflation in den USA in der Regel höher ist als in der Schweiz, wird er im Trend zum Franken billiger.

 

Artikelbild: Symbolbild © Velishchuk Yevhen – shutterstock.com

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Mehr zu Dr. Thomas Stucki

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Herr Stucki hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Er führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 30 Mitarbeitenden. Er ist verantwortlich für die Verwaltung von Kundenmandaten und Anlagefonds im Umfang von CHF 4,4 Milliarden. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.

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