Geldpolitik im Gegenwind

Seit der Finanzkrise sind die Zentralbanker die Helden der Finanzmärkte. Gab es irgendwo ein grösseres Problem, waren sie als Weisser Ritter zur Stelle. Mit tiefen Zinsen und viel Geld funktionierten sie als Schmiermittel für rostige Stellen.

Nun bläst ihnen ein frostiger Wind entgegen.

Sie haben die inflationäre Wirkung der rasch anziehenden Nachfrage nach Corona bei einem noch stotternden Produktionsprozess unterschätzt und zu spät reagiert. Dass die grosse Mehrheit der Ökonomen und Kommentatoren im gleichen Lager war, wird von vielen Kritikern heute jedoch zur Seite geschoben. Entsprechend schnell und stark müssen die Notenbanken nun das Steuer herum- reissen und ihre Leitzinsen anheben. Die Wirkung auf den Inflationsdruck ist bisher bescheiden geblieben. Das ist nicht weiter verwunderlich, da Zinser- höhungen erst mit einer Verzögerung von mehreren Quartalen die Konjunktur bremsen. Die Grenzen der Geldpolitik zur konjunkturellen Feinsteuerung werden schonungslos aufgedeckt. Während das für die Zentralbanker keine Überra- schung ist, reagieren die Anlegerinnen und Anleger verwirrt und werden nervös.

Expansive Fiskalpolitik

Noch nervöser sind die Politiker, die sich um den Komfort ihrer Wählerinnen und Wähler sorgen. Nach den guten Erfahrungen während der Coronapandemie greifen sie zum gleichen Mittel des Geldverteilens. War eine expansive Fiskalpolitik in der Coronakrise ein wichtiges Mittel zur Überbrückung der Lock- downs, ist sie im aktuellen inflationären Umfeld fehl am Platz. Geldpolitik und Fiskalpolitik sollten sich gegenseitig unterstützen, damit sie eine effektive Wir- kung zur Steuerung der Konjunktur haben. Was nun aber in Grossbritannien, in Deutschland und etwas weniger ausgeprägt auch in den USA und in der Schweiz passiert, ist ökonomischer Unsinn. Mit staatlichen Ausgabenprogrammen und Preisdeckelungen werden die Mechanismen von Angebot und Nachfrage ausge- schaltet und die wirtschaftlich notwendige Bremswirkung der restriktiveren Geld- politik vermindert.

Die unmittelbare Folge davon ist, dass die Inflationsperiode länger und hartnäckiger sein wird und dass die Zentralbanken noch stärker auf die Bremse treten müssen. Sie werden auch weniger schnell mit einer Lockerung der Geldpolitik auf die bevorstehende Konjunkturabschwächung reagieren können, weil der Inflationsdruck noch zu gross ist.

Ungemütlicher Blick über die Grenze

Gefährlicher ist jedoch der Vertrauensverlust in die Institutionen, vor allem in die Unabhängigkeit der Zentralbanken. Anschauungsunterricht dafür, was das für die Stabilität der Finanzmärkte und für die eigene Währung bedeutet, kann man in der Türkei nehmen. Die faktische Übernahme der Geldpolitik durch Präsident Erdogan liess den Wert der Türkischen Lira seit 2015 um 90% einbrechen. Eine Inflation von 80% und die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung sind die Folge. Wem dieser Vergleich zu dramatisch und für ein Industrieland zu unrealistisch ist, kann nach Grossbritannien blicken. Das angekündigte Schuldenprogramm der neuen Regierung bei einem gleichzeitigen Aushebeln staatlicher Kontrollin- stanzen und der Geldpolitik der Bank of England führte zu so grossen Span- nungen beim Britischen Pfund und am Markt für britische Staatsanleihen, dass die Bank of England mit einem Notprogramm eingreifen musste.

 

Artikelbild: Symbolbild © marekusz – shutterstock.com

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Mehr zu Dr. Thomas Stucki

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Herr Stucki hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Er führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 30 Mitarbeitenden. Er ist verantwortlich für die Verwaltung von Kundenmandaten und Anlagefonds im Umfang von CHF 4,4 Milliarden. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.

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