Zeit der Zinsen ist vorbei – heute heisst die Devise: Mehr Geld

22.06.2020 |  Von  |  Finanzen, News

Der Reigen der geldpolitischen Entscheide der Zentralbanken ist vorbei und eine der früheren Hauptrollen an diesen Veranstaltungen wurde auf die hinteren Zuschauerreihen verbannt: Der Leitzins. Pro Forma wurde von den Zentralbank-Chefs erwähnt, dass die Leitzinsen unverändert belassen werden.

Während die Fed im Ausblick zumindest sagte, dass sie den Zins lange tief halten werde, sucht man in der geldpolitischen Lagebeurteilung der Nationalbank einen Zinsausblick vergebens. Es wird nicht einmal mehr angemerkt, dass die SNB bei Bedarf den Leitzins weiter senken kann.

Die Zinsen haben ihre stimulierende Wirkung auf Konjunktur und Finanzmärkte verloren. Augenfällig wurde dies im März, als die beiden Zinssenkungen der Fed um insgesamt 1.5% wirkungslos verpufften. Weder konnten sie den freien Fall der Finanzmärkte aufhalten, noch spricht jemand davon, dass die Nullzinsen in den USA die Wirtschaft aus der Rezession ziehen. Unnötigerweise hat die Fed das in den Vorjahren langsam aufgebaute Zinspotential verschleudert. Eine weitere Zinssenkung in den negativen Bereich ist für die Fed momentan kein Thema.

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Zinsen sind kein Steuerungsinstrument mehr

Für die EZB und die SNB haben die Zinsen schon lange kein Stimulierungspotenzial mehr. Die Zinsen sind bereits seit Jahren negativ. Durch eine weitere Zinssenkung würde kein zusätzlicher Kredit nachgefragt. Die Zinskosten sind auf dem aktuell tiefen Niveau kein wesentlicher Entscheidungsfaktor mehr. Vielmehr ist wichtig, dass sich die Unternehmen Chancen ausrechnen, mit dem zusätzli- chen Kapital eine gute Investition zu tätige. Dazu braucht es die Erwartung einer guten Konjunktur, nicht noch tiefere Zinsen. Dagegen werden die negativen Auswirkungen der Negativzinsen, beispielsweise auf die Vorsorgewerke, immer sichtbarer. Eine weitere Zinssenkung würde den Druck zusätzlich erhöhen.

Der Zins als Steuerungsinstrument wurde bei den Zentralbanken durch das Verteilen von Geld ersetzt. Dabei geht es nicht mehr um die Feinsteuerung der Geldmenge, wie wir es noch im volkswirtschaftlichen Unterricht gelernt hatten. Viel- mehr geht es darum, den Finanzmärkten über die Zuteilung von Geldspritzen Signale zu geben und das Finanzsystem abzusichern. Dieses Vorgehen ist nicht negativ, da im realwirtschaftlichen Corona-Schock verhindert werden muss, dass auch noch das Funktionieren der Banken oder des Kapitalmarktes in Frage gestellt wird.

Nur über ordentlich funktionierende Finanzkanäle kann sichergestellt werden, dass den Unternehmen zusätzlich zur fehlenden Nachfrage nicht noch der Geldhahn zugedreht wird. Besonders kreativ zeigt sich dabei die Fed, die nicht davor zurückschreckt, an wichtige Unternehmen direkt Hilfskredite zu vergeben. Die EZB gibt über ihr QE-Programm faktisch eine Finanzierungsgarantie für die schwächeren und durch die Corona-Epidemie gebeutelten südlichen Euroländer ab. In der Schweiz werden die vom Bund garantieren Corona- Hilfskredite für die kleinen Firmen durch die SNB finanziert.

Die Banken stellen lediglich die operative Infrastruktur für die Verarbeitung und Überwachung der Kredite zur Verfügung.

Zunehmende Abhängigkeit von den Zentralbanken

Positiv ist, dass das Vorgehen der Zentralbanken die Wirtschaft trotz Lockdown und tiefer Rezession am Laufen hält. Der völlige Zusammenbruch ist nicht eingetreten. Dies ist auch den Hilfsprogrammen der Staaten zu verdanken. Die dafür notwendigen Gelder können sie am Kapitalmarkt aufnehmen, da die Anleger dank den impliziten Zusicherungen der Zentralbanken ihre Gelder bei den Staaten sicher wähnen. Dadurch konnte die Nachfrage der Konsumenten und der Unternehmen nach Produkten und damit die Grundlage für die wirtschaftliche Erholung nach dem Lockdown erhalten werden.

Negativ ist die Abhängigkeit von den Zentralbanken. Die Anleger setzen darauf, dass die Zentralbanken ihre Risiken übernehmen und kaufen ungehemmt Aktien. Die Politiker haben Dollarzeichen in den Augen und wollen die scheinbar schmerzfreie Geldquelle für alles Mögliche anzapfen. Das macht es für die Zentralbanken noch schwieriger bis unmöglich, sich aus der undankbaren Retterrolle zu befreien und zu einer ordentlichen Geldpolitik zurückzukehren.

 

Titelbild: cejofoto – shutterstock.com

Über Dr. Thomas Stucki

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Herr Stucki hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Er führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 30 Mitarbeitenden. Er ist verantwortlich für die Verwaltung von Kunden-mandaten und Anlagefonds im Umfang von CHF 4,4 Milliarden. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.


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