Blackphone: Das Privacy-Phone im Business-Test

03.01.2015 |  Von  |  Apps, Neue Medien, Produkte
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Blackphone: Das Privacy-Phone im Business-Test
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Als das Blackphone Ende Februar vergangenen Jahres auf dem MWC in Barcelona zum ersten Mal vorgestellt wurde, sorgte es für einigen Wirbel in der Tech-Szene. Ein Smartphone für jedermann, das rund um den Gedanken des Datenschutzes gebaut ist? Gerade Unternehmen sollte das aufhorchen lassen, denn auch ihre Kommunikation ist oft Gegenstand von Überwachung, Stichwort: Wirtschaftsspionage.

Ob das Blackphone tatsächlich seinem Anspruch als „sicherstes Consumer-Phone der Welt“ gerecht werden kann und ob es auch alltagstauglich ist, habe ich persönlich gut vier Monate lang getestet. Hier sind die Ergebnisse.



Verarbeitung und Design

Gewiss ist es auch für Geschäftsleute nicht unwichtig, wie ihr Smartphone aussieht. Und hier kann das Blackphone gleich mal voll punkten. Das schlichte und klare Design kommt im edlen Schwarz daher, so dass es sich auch in James Bonds Hand gut machen würde. Das geschulte Auge erkennt auch sofort, dass es sich hier nicht um ein Mainstream-Telefon handelt. Statt Samsung-Schriftzug oder Apfel findet sich auf der Rückseite das Blackphone-Zeichen, bislang eher unbekannt. Könnte daher für die eine oder andere Nachfrage sorgen.

Apropos Rückseite: Die mag leider fettige Finger gar nicht bzw. stellt ihre Abdrücke geradezu anprangernd bloss. Scheint der Preis für die edel anmutende Mattierung zu sein. Ansonsten ist das Phone tadellos verarbeitet, zwar nicht auf dem Niveau eines iPhone, aber doch deutlich besser als die meisten Samsung-Geräte. Es liegt gut in der Hand und lässt sich dank der Displaygrösse von 4,7 Zoll noch einhändig bedienen. Das Gewicht beträgt 119 Gramm und damit angenehm wenig.

Display



Bleiben wir beim Bildschirm. Hier haben wir es mit einem HD-IPS-Display zu tun, dessen Darstellungsqualität meines Erachtens keine Wünsche offen lässt. Alles wird scharf und schön kontrastiert dargestellt, obwohl die Auflösung „nur“ 1280 x 720 Pixel (HD 720) beträgt. Zum Beweis ein Screenshot.


Alles scharf und schön: Blackphone-Display. (Screenshot: © Alin Cucu)

Alles scharf und schön: Blackphone-Display. (Screenshot: © Alin Cucu)


Bei sehr hellem Aussenlicht kommt der Kontrast zwar an seine Grenzen, aber hier habe ich auf dem Smartphone-Markt bisher noch keine bessere Lösung gesehen – mit Ausnahme von Apples Retina-Technologie vielleicht. Die 4,7 Zoll sind jedenfalls die perfekte Grösse für ein Smartphone, das noch kein Phablet sein will. Mit einer Hand bedienbar und doch gross genug, um (auch nicht Mobile-optimierte) Webseiten auch im Hochformat noch leserlich darzustellen, stellt es für mich den perfekten Kompromiss dar.

Ausstattung und Leistung

War das Blackphone im Februar 2014 noch als Highend-Gerät angekündigt worden, musste der Hersteller SGP Technologies mittlerweile die Erwartungen etwas enttäuschen. Das Blackphone läuft mit einem Quad-core 2-GHz-Prozessor und 1 GB statt 2 GB RAM. Das macht es insgesamt eher zu einem Smartphone der oberen Mittelklasse. Hintergrund für das Arbeitsspeicher-Downgrade ist die Sicherheit. Angeblich, so SGP, habe man keine 2 GB-RAM-Bausteine von absolut vertrauenswürdigen Herstellern bekommen können. Das passt immerhin in die Gesamtkonzeption des Blackphone und wirkt glaubwürdig. Denn, und das ist letzten Endes die Existenzberechtigung des Blackphone: Selbst wenn die Software sicher und verschlüsselt läuft, kann der Nutzer über Hardware-Hintertürchen ausspioniert werden.

Wie macht sich nun das Blackphone mit dem Mittelklasse-Prozessor? Eigentlich ganz gut, finde ich, zumindest nach den diversen Updates, die seit dem Release im Sommer kamen. Anfangs war ich schon etwas enttäuscht, da brachten schnelle App-Wechsel und besonders die Kamerabenutzung das Gerät schnell an seine Grenzen bzw. teilweise zum Absturz. Mittlerweile läuft es über lange Zeit ohne Restart stabil, auch die Geschwindigkeit überzeugt mich. Die Benchmark-Werte eines OnePlus One wird es zwar nicht erreichen, aber im Alltag kann ich schnell auf alles zugreifen, was ich so brauche, das Phone reagiert prompt auf Eingaben.

Wichtig noch für Unternehmer: Das Blackphone ist LTE-fähig, bis zu 100 MBit/s sind derzeit möglich, eine Erweiterung auf 150 MBit/s ist laut SGP geplant. Ansonsten sind noch ein Micro-USB-Slot an Bord, 16 GB interner Speicher sowie eine 8 MP-Rück- und eine 5 MP-Frontkamera. Die Kameras erlauben passable, wenn auch nicht brillante Bilder, Videos lassen sich in HD 1080 bei variabler Zoomverstellung aufnehmen.

Mein Fazit hierzu: Absolut alltagstauglich für Unternehmer, wer allerdings gesteigerten Wert legt auf eine Highend-Kamera, wird enttäuscht sein. Ausserdem fehlen auch Features wie ein Fingerabdruck-Scanner oder NFC, aber man kauft das Blackphone doch um seine Daten zu schützen und nicht um sie preiszugeben, oder?

  • Schickes Design und gute Verarbeitung
  • Geschmeidig laufende Prozessor
  • Umfangreiches Sicherheitssoftware-Bundle




  • App-Markt eingeschränkt
  • Silent Phone funktioniert derzeit nur als „Inner-Circle-Telefonie“

Software

So richtig zum Privacy-Phone wird das Blackphone aber nur mit der richtigen Software. Denn was würde es nützen, ein Smartphone mit sicherer Hardware zu nutzen, dann aber via Google, Facebook, Skype und Dropbox die einschlägigen Datenkraken mit Nahrung zu füttern? Einige der genannten Anwendungen sind auf dem Blackphone sowieso nicht verwendbar, aber dazu gleich mehr.

Das Blackphone kommt mit einem umfangreichen Software-Bundle, bestehend aus

  • PrivatOS
  • Blackphone Security Center
  • Disconnect Secure Wireless
  • Kismet Smarter WiFi
  • Silent Phone
  • Silent Text
  • Silent Contacts
  • SpiderOak.

Die „Silent“-Apps sowie Secure Wireless und SpiderOak sind eigentlich kostenpflichtige Programme, für die bei Blackphone-Erwerb gleich ein Jahresabo inkludiert ist. Was hat es mit den Applikationen nun auf sich?



PrivatOS ist der Backbone des Sicherheitsgedankens. Es ist ein auf Android basierendes Betriebssystem, das um einige Google- und herstellertypische Programme erleichtert wurde, sozusagen „bereinigt“. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch das Security Center, welches erlaubt, jeder App (auch nachträglich installierten) ganz bestimmte Berechtigungen zuzuweisen. Damit hat der User wieder volle Kontrolle über das, was die Apps auf seinem Smartphone tun und lassen dürfen, ganz anders als bei herkömmlichen, „Google-infiltrierten“ Android-Phones!


Mit Security Center hält man die Apps an der kurzen Leine. (Screenshot: © Alin Cucu)

Mit Security Center hält man die Apps an der kurzen Leine. (Screenshot: © Alin Cucu)


Die Kehrseite der Medaille ist freilich, dass man auf einmal Google Play schmerzlich vermisst. Tatsächlich gibt es KEINE Möglichkeit (zumindest nicht mit Anwenderwissen), diese App auf dem Blackphone zu installieren. Alternativen: Der Amazon Appstore und F-Droid, ein freier Markt für kostenlose Apps. Diesen Monat sollte zudem der Blackphone App Store öffnen. Durch die fehlenden gewohnten Standardprogramme tun sich teils skurrile Probleme auf. So verzweifelte ich anfangs fast an der Kalender-App, die sich einfach nicht mit meinem Online-Konto synchronisieren wollte, bis ich herausfand, dass es hierfür einen Synchronisations-Client braucht, der bei Googles Kalender-App natürlich schon eingebaut ist.

Auf jeden Fall erlaubt PrivatOS eine komplette Verschlüsselung des gesamtem Speichers sowie eine doppelte Passwortwahl (eines für den Entsperrbildschirm, eines für den Speicher). Damit sind die Daten auf dem Phone grundsätzlich mal sicher, sollte es doch einmal in die Hände der NSA fallen, kann man sie per „Remote Wipe“ löschen.

Besonders hoch angepriesen werden vom Hersteller die „Silent“-Apps. Diese stammen von Phil Zimmermans Firma „Silent Circle“ und existieren auch unabhängig vom Blackphone. Dass sie hier mit an Bord sein sollen, liegt auf der Hand, nicht nur weil Zimmerman für das Blackphone mit verantwortlich zeichnet. Mit Silent Phone soll man abhörsicher, weil verschlüsselt telefonieren und mit Silent Text entsprechend Textnachrichten versenden können. In der Praxis hat das leider nicht so gut funktioniert. Silent Phone muss als App erst gestartet und das Passwort eingegeben werden, bevor man starten kann. Nun kann man Teilnehmer anrufen, die ebenfalls Silent Phone besitzen und sich dort eingeloggt haben – allein das setzt schon eine genaue Terminierung des Gesprächs voraus. Verschärft wird das Ganze nochmals dadurch, dass beim Anrufer ein Passwort erscheint, das er dem Angerufenen mitteilen muss, damit dieser die Verbindung überhaupt annehmen kann. Das ist bestimmt digitale Sicherheit auf höchstem Niveau, aber nicht gerade einfach zu bedienen.

Ich muss gestehen, dass ich dem nicht weiter nachgegangen bin, vor allem aus Mangel an geeigneten Kontakten. Die Funktion, dass man auch „Out-Circle“-Teilnehmer anrufen kann, ist in Europa derzeit noch nicht verfügbar. Silent Text habe ich aus demselben Grund nie in Betrieb genommen; mit Geschäftspartnern und Freunden kommuniziere ich via Threema, welches auch verschlüsselt.



Einwandfrei funktioniert jedoch Secure Wireless. Die App baut eine VPN-Verbindung auf, sobald man sich in einem „nicht vertrauten“ WLAN befindet. Die Datenströme vom und zum eigenen Smartphone sind dann für andere sozusagen „unsichtbar“. Gibt es gutes Gefühl, wenn man am Flughafen oder im Zug via WLAN online geht! Das kostenpflichtige Update erlaubt sogar VPN-Verbindungen übers Mobilfunknetz.

SpiderOak versteht sich als verschlüsselte Alternative zu Dropbox & Co. Gerade für Unternehmen mit sensiblen Dokumenten sicher eine interessante Option. Speicherplatz über die standardmässigen 5 GB hinaus kostet, aber das sollte einem das Geld wert sein. Etwas nervig ist nur, dass die Synchronisation etwas reaktionsträge ist. Man kann auch nichts vom Smartphone in die Cloud hochladen.

Fazit

Mit dem Blackphone ist SGP ein beachtlicher erster Wurf gelungen. Das Phone ist alltagstauglich und bietet tatsächlich die erhofften Sicherheits-Features, in die man sich allerdings erst etwas einarbeiten muss. Zudem enttäuscht Silent Phone als eine der „Kern-Apps“. Sobald hier der „Out-Cirle-Access“ für europäische Kunden möglich ist, kann man das sicher anders bewerten.

600 Franken plus X (Zoll, Steuern, Frachtkosten) sind nicht wenig Geld. Bedenkt man aber, dass ein vergleichbares iPhone fast 200 Franken mehr kostet und man durch das Blackphone eventuell wichtige Unternehmensdaten schützt, relativiert sich die Investition schnell wieder.



 

Oberstes Bild: © Alin Cucu


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