„Beschäftigungswunder“ in der Schweiz? – Teil 1

06.06.2014 |  Von  |  News
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„Beschäftigungswunder“ in der Schweiz? – Teil 1
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Ein Artikel in der „NZZ“ beschrieb die Schweiz kürzlich als einen effizienten „Werkplatz“ im Sinn von Industrie und Fleiss. Der Autor Beat Gygi stellt dabei heraus, dass vielen Schweizer Firmenchefs Beschäftigung respektive der Erhalt oder die Schaffung von Arbeitsplätzen mindestens genauso wichtig sei wie der Erfolg ihrer Dienstleistungen und Produkte.

Die Kehrseite dieser „Jobmaschine“ ist, dass durch diesen Ansatz notwendige Restrukturierungen zum Teil hinausgezögert werden. Im internationalen Vergleich ist der Schweizer Arbeitsmarkt ein Sonderfall. Ob diese Spezifik auf lange Sicht Bestand hat, darf allerdings bezweifelt werden.




Dies ist ein Bericht in zwei Teilen:

„Beschäftigungswunder“ in der Schweiz? – Teil 1
„Beschäftigungswunder“ in der Schweiz? – Teil 2


Spannend ist in diesem Kontext: Viele Schweizer Unternehmen befinden sich durchaus unter wirtschaftlichem Druck. Eine der Ursachen dafür ist der starke Franken, dessen Höhenflug seit 2011 ungebrochen ist. Als Folge haben viele Firmen ihre Wochenarbeitszeit erhöht, um die Arbeitskosten zu senken und ihre Produktivität zu steigern. Die traditionelle Industrie der Schweiz erlebt seit einigen Jahren zudem einen weiteren Automatisierungsschub. Ein probateres Mittel für eine wirkungsvolle Kostensenkung wäre, sowohl Beschaffung als auch Produktion in grösserem Umfang ins Ausland zu verlegen. Vor diesem Schritt nehmen viele Schweizer Firmen jedoch bisher Abstand – zum Teil auf Kosten ihrer Margen.



Permanenter Trend zu mehr Beschäftigung

Bisher setzt sich der Trend zu mehr Beschäftigung in der Schweiz sehr kontinuierlich fort, was in den vergangenen Jahren auch die anhaltend grosse Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte belegte. Allein 2013 wurden knapp 90’000 Vollzeitstellen neu geschaffen. Die Gesamtzahl der vorhandenen Arbeitsplätze beläuft sich auf etwa 4,9 Millionen – rund 800’000 mehr als vor zehn Jahren. Gleichzeitig haben sich die Relationen in der Schweizer Wirtschaft deutlich von der Industrie zum Dienstleistungssektor verschoben.

Das Schweizer „Beschäftigungswunder“ hat auch die letzte Krise überstanden. Das Lohnniveau ist ausgesprochen hoch. Innerhalb der OECD beziehen laut einer aktuellen Studie nur Norweger und Luxemburger höhere Löhne. Dass die Arbeitszeiten in der Schweiz etwas länger sind als in vielen anderen Ländern, kann vor diesem Hintergrund nicht wirklich als Minuspunkt gewertet werden.

Weltweit höchste Lohnquote. (Bild: vetkit / Shutterstock.com)

Weltweit höchste Lohnquote. (Bild: vetkit / Shutterstock.com)




Weltweit höchste Lohnquote – derzeit mindestens stabil

Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) hat in einem Forschungsbericht kürzlich festgestellt, dass die Schweiz auch im Hinblick auf den Lohnanteil am Gesamteinkommen eine Ausnahmeerscheinung ist. In allen anderen Ländern ist die Lohnquote während der letzten drei Dekaden gesunken, nur hierzulande nimmt sie der Tendenz nach zu. Anfang der 1980er-Jahre beliefen sich Löhne und Gehälter auf etwa 60 % des Gesamtprodukts. Inzwischen hat sie sich – nach einigen Turbulenzen in den Krisenjahren – auf 65 % erhöht. Zeitweise war sie auf etwa 70 % gestiegen. Im gesamten OECD-Raum hat der Faktor Arbeit dagegen kontinuierlich an Gewicht verloren und liegt heute deutlich unter dem Niveau der Schweiz.

Ist die Schweiz technologisch zurückgeblieben?

Aus diesen Fakten ergeben sich allerdings auch kritische Fragen: Ist die Schweiz technologisch auf dem neuesten Stand oder sind andere Länder im Hinblick auf Automatisierung und Digitalisierung an ihr vorbeigezogen? Einige Anzeichen deuten auf einen solchen Rückstand hin. Die KOF-Forscher weisen darauf hin, dass in der Schweiz der technische Fortschritt seit 1980 vergleichsweise langsam vor sich ging. Über lange Zeiträume waren die Investitionen in Kommunikationstechnologien und Informatik eher verhalten. In der Informationstechnologie waren hierzulande weniger Arbeitnehmer beschäftigt als in vielen anderen Ländern. Menschliche Arbeit und damit die Lohnquote blieben auch aus diesem Grund in der Schweizer Wirtschaft hoch.

Ausschlaggebend für die hohe Lohnquote – der Schweizer Branchen-Mix



Trotzdem ist es verfehlt, den Schweizer Sonderweg der Arbeitsmarktentwicklung einfach auf einen technologischen Rückstand zurückzuführen. Die KOF stellt hierzu fest, dass auch in der Schweiz die Lohnquote langfristig gesunken wäre, was durch die Verschiebung des Gewichts der einzelnen Branchen jedoch verhindert wurde. Konkret: Personalintensive Segmente der klassischen Industrie – beispielsweise die Bauwirtschaft oder das verarbeitende Gewerbe – wurden der Tendenz nach kleiner. Beratungs- und Finanzdienstleistungen, Energiewirtschaft oder Pharma- und Chemieindustrie haben dagegen beträchtlich an Terrain gewonnen.

Noch um die Jahrtausendwende war die Schweizer Exportwirtschaft durch die traditionelleren Segmente der Elektro-, Maschinenbau- und metallverarbeitenden Industrie geprägt, heute belegen Uhren- und Pharmaindustrie die ersten Plätze. Der Branchen-Mix der Schweiz wird sich natürlich auch – mit entsprechendem Einfluss auf die Lohnquote – in Zukunft laufend wandeln.

Hochwertiges „Humankapital“ und Mangel an qualifizierten Arbeitskräften

Auch ein anderer Faktor treibt sehr wahrscheinlich die Lohnquote der Eidgenossen in die Höhe: Das Land verfügt über hervorragend ausgebildete Arbeitskräfte. Arbeitsplätze werden vor allem im Tieflohnsektor abgebaut, qualifizierte Arbeitsmarktsegmente wachsen. Das hochwertige „Humankapital“ des Landes führt dazu, dass neue Technologien und Digitalisierung nicht primär als Verdrängungsinstrumente wirken, sondern menschliche Arbeit ohne scharfen Bruch ergänzen. Die anspruchsvolle Branchenstruktur der Schweizer Wirtschaft treibt die Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften.

Durch demografische Faktoren wird der „Kampf um die Talente“ in den nächsten Jahren noch intensiver werden. In Bezug auf die Höhe der Löhne hat die Arbeitnehmerseite hierdurch zwangsläufig eine starke Position. Die KOF-Analyse zeigt auf Firmenebene, dass bei einem Mangel an Fachkräften der Lohnanteil in den Unternehmen steigt, da sie qualifiziertem Personal auch gute Konditionen bieten müssen.

Trotzdem dürfte sich die Lohnquote in der Schweiz langfristig eher den internationalen Standards nähern, also perspektivisch sinken. Ein weiterer Aufwärtstrend wäre nur dann wahrscheinlich, wenn entweder lohntreibende – gewerkschaftliche oder protektionistische – Kräfte in der Schweizer Wirtschaft die Oberhand gewinnen oder die Qualifikationen von Arbeitnehmern permanent in einer Weise aufgewertet würden, die der Verdrängung menschlicher Arbeit durch neue Technologien entgegensteht.



 

Oberstes Bild: © bloomua – Shutterstock.com


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