Ist in „Bio“-Ware wirklich Bio drin? – Neue Tests sollen den Nachweis bringen

10.03.2015 |  Von  |  Studien
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Ist in „Bio“-Ware wirklich Bio drin? – Neue Tests sollen den Nachweis bringen
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Bio-Lebensmittel haben bei Schweizer Verbrauchern den absoluten Vorrang. Doch nicht alles, was als „Bio“ deklariert ist, kommt aus rein biologischem Anbau. Leider gibt es auch in diesem Bereich zahlreiche „schwarze Schafe“.

Bio-Produkte sind im Vergleich teurer, und deshalb werden Produkte aus konventioneller Herstellung nicht selten als „Bio“ angeboten. In Zukunft soll sich das ändern, wenn durch Einsatz neuer wissenschaftlicher Methoden die Herkunft der einzelnen Produkte genau nachgewiesen werden kann.

Bio-Lebensmittel kosten im Vergleich zu konventioneller Ware häufig mehr als das Doppelte. Deshalb zeigen sich Konsumenten verärgert, wenn sie erfahren müssen, dass die Betrugsfälle zunehmen. 2011 wurde der bisher grösste Skandal aufgedeckt. Damals hatten italienische Fälscher 700’000 Tonnen Äpfel, Tomaten und Getreide als Bio-Ware deklariert, die in Wahrheit keine war. Um diesem Treiben ein Ende zu setzen, hat die Europäische Kommission einen Entwurf für eine neue Öko-Verordnung erarbeitet. Darin wird ein wissenschaftlicher Nachweis für alle Bio-Produkte gefordert. Doch ist es überhaupt möglich, die biologische Herkunft der Lebensmittel nachzuweisen?

Auf den Dünger kommt es an

Unterschiede zwischen ökologischem und konventionellem Anbau gibt es bereits in den Produktionsmethoden: Biobauern verwenden natürliche Hilfsmittel. Bauern die konventionell arbeiten, setzen mineralische Dünger, gentechnisch veränderte Pflanzen und chemisch-synthetische Pestizide ein, obgleich auch im konventionellen Anbau heute vielfach versucht wird, auf den Einsatz von Spritzmitteln und Gentechnik zu verzichten. Demnach gibt es eigentlich nur noch beim Dünger Unterschiede. Während Biobauern die altbewährten Dünger Mist, Gülle oder Knochenmehl einsetzen, verwenden konventionell arbeitende Landwirte mineralischen Dünger aus Bergwerken.

Mineralische und organische Dünger unterscheiden sich voneinander durch ihren ungleichen Gehalt an Stickstoffisotopen. Da von Tieren vorwiegend das leichte Stickstoffisotop 14N aufgenommen und die schwerere 15N-Variante ausgeschieden wird, ist in mineralischem Dünger praktisch kein 15N vorhanden. Bio-Produkte enthalten deshalb eine grössere Menge dieses schweren Stickstoffs. Auch wenn dieser Unterschied nur etwa 10 ‰ beträgt, ist er eine nachweisbare Grösse.

So konnte das Unternehmen Agroisolab – trotz dieser minimalen Differenz des Gehalts an Stickstoffisotopen – Tomaten aus ökologischem und konventionellem Anbau präzise voneinander unterscheiden. Die Isotopenmethode brachte auch bei Zucchini und Brokkoli den erwarteten Erfolg. Da die Isotopenunterschiede über das Futter auch in den tierischen Produkten nachweisbar sind, erzielte das Unternehmen mit einer Trefferquote von 90 % auch bei Eiern eine ziemlich verlässliche Zuordnung.

Aufgrund dieser Ergebnisse setzen einige Einzelhandelsketten die Untersuchung der Isotopenzusammensetzung einzelner Produkte sogar schon ein. Erfahrungsgemäss finden sich bei nachweisbaren Betrugsfällen auch andere Unstimmigkeiten in der Dokumentation der Handelskette, erzählt der Chef der Agroisolab Markus Bonder.

Das Gelbe im Ei gibt Auskunft

Um Eier-Betrügern auf die Spur zu kommen, gibt es neben dem Isotopentest einen weiteren Test, der auf einer Analyse der gelben Farbstoffe im Dotter basiert. Diesen Test verwendet seit Kurzem ein holländischer Zertifizierer von Biobetrieben. Da die gelben Farbstoffe im Dotter, sogenannte Carotinoide, von den Hühnern nicht selbst gebildet, sondern über das Futter aufgenommen werden, ist so ein Nachweis der Futterbestandteile möglich. Geflügel in konventioneller Haltung dürfen Farbstoffe wie Capsanthin und Lutein zugefüttert werden. Bio-Bauern hingegen füttern Gras und Mais.


Bio-Lebensmittel haben bei Schweizer Verbrauchern den absoluten Vorrang. (Bild: © yamix - shutterstock.com)

Bio-Lebensmittel haben bei Schweizer Verbrauchern den absoluten Vorrang. (Bild: © yamix – shutterstock.com)


Perspektivisch ein Test für alle Bio-Produkte?

Die effizienteste Methode wäre natürlich ein Test, der sich für alle Bio-Produkte eignet. In der Forschung zeigte sich, dass die Fluoreszenz-Anregungs-Spektroskopie (FAS), auch „Eigenfluoreszenztest“ genannt, diese Anforderungen erfüllen und künftig als Universaltest eingesetzt werden könnte. Bisherige Ergebnisse sind äusserst positiv. Allerdings befindet sich dieses Verfahren, das darauf basiert, dass alle organischen Substanzen nach der Bestrahlung mit sichtbarem Licht ein schwaches Leuchten aussenden, noch in der Entwicklungsphase.

Die Fluoreszenz-Anregungs-Spektroskopie (FAS) beruht auf dem Phänomen, dass biologische Produkte intensiver strahlen als konventionelle, wenn sie mit sichtbarem Licht bestrahlt wurden. Da es dafür bisher keine Begründung gibt, geht das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) in Frankfurt dieser Frage nach.

Wenn Lebensmittel durch eine FAS-Untersuchung getestet werden, erhalten sie in einer dunklen Box für eine bestimmte Zeit Bestrahlung mit sichtbarem Licht. Nach Ende dieses Prozesses wird die Strahlung aufgezeichnet, die die Lebensmittel abgeben. Da es sich um eine schwer nachweisbare äusserst schwache Strahlung handelt, müssen sogenannte Fotomultiplier zur Quantifizierung eingesetzt werden. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 % lassen sich mit dieser Methode zum Beispiel Bio-Eier und Bio-Getreide von konventionellen Produkten unterscheiden. Zu diesen Ergebnissen kam eine Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (Fibl).

Tests bleiben weiter auf dem Prüfstand

In Europa und den USA werden die Forschungen für einen Universaltest für Bio-Lebensmittel mit hohem Engagement betrieben. Trotzdem neigt man in einigen Wissenschaftlerkreisen zu Skepsis. So vertritt beispielsweise Regula Bickel vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick im Schweizer Kanton Aargau die Meinung, dass wissenschaftliche Nachweismethoden zwar die Nachforschungen unterstützen könnten, aber die vorhandenen Kontrollmechanismen sind trotzdem unverzichtbar. Da die Trefferquote der Tests nicht hoch genug sei, wäre sie in einem Gerichtsverfahren als Beweislast nicht ausreichend.

Auch wenn es bisher keinen 100%ig sicheren Test gibt, sind die Forscher natürlich von ihren Verfahren überzeugt. Sie gehen davon aus, dass künftig ihre Nachweismethoden entscheidende Indizien zur Überführung der Betrüger liefern werden.



Der Chef der Agroisolab Markus Bonder unterstrich zwar, dass man mit den meisten Methoden lediglich die Waren herausfischen könne, die nicht aus ökologischer Erzeugung stammen. Trotzdem sei das schon ein grosser Fortschritt, wenn es der Abschreckung von Betrug diene.

 

Oberstes Bild: © Dmitry Kalinovsky – shutterstock.com

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