Die Farbe des Goldes ist Weiss – zumindest in Bolivien

15.10.2014 |  Von  |  Allgemein
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Die Farbe des Goldes ist Weiss – zumindest in Bolivien
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Smartphones, Tablets, Elektroautos – ihr Betrieb ist ohne Batterien oder Akkus undenkbar. Diese wiederum sind in ihrer modernen Form undenkbar ohne das chemische Element Lithium. Wer über diesen Rohstoff in grosser Menge verfügt, kann jetzt und in Zukunft viel Geld damit verdienen. In Bolivien liegt das grösste bekannte Vorkommen der Welt offen zu Tage – in der Salzwüste Salar de Uyuni, auf der Hochebene im Südwesten des Landes. Aber bis heute wird es nicht abgebaut. Woran liegt das?

3’500 Meter über dem Meeresspiegel liegt der wunderschöne Salzsee. Es gibt keine Strassen, nur staubige Pisten. Ackerbau ist in dieser Höhe so gut wie unmöglich, die Menschen leben vom Salz und von Touristen, die die grösste Salzfläche der Welt besuchen wollen. In der Nähe von Uyuni gibt es übrigens das erste Hotel weltweit, das komplett aus Salz besteht.



Das Leichtmetall Lithium wird derzeit an mehreren Orten in der Welt abgebaut. Seit etwa 20 Jahren ist Chile der Marktführer. Ein internationales Konsortium von Unternehmen baut dort den Rohstoff ab, ohne den es keine Smartphones, Elektroautos, geschweige denn Hightech-Produktionen zur Herstellung von Akkus gäbe. In der chilenischen Atacama-Wüste ist die Konzentration von Lithium sehr hoch, und der Abbau ist lohnend. Nach Schätzungen von Experten liegen allerdings in Bolivien rund 36 Prozent des begehrten Stoffs – umgerechnet etwa neun Millionen Tonnen. Trotzdem gibt es keine umfassende Förderung, die gewonnene Menge liegt derzeit fast bei Null. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, wie gut Bolivien die Einkünfte für mehr Wohlstand im Lande gebrauchen könnte.

Die Ursachen sind zum Teil in der Geschichte zu suchen. Boliviens Silberreichtum ist legendär. In den Minen von Potosí haben die Spanier über Jahrhunderte hinweg unvorstellbare Mengen des Edelmetalls gefördert. Das Geld floss aber nur in eine Richtung – nach Europa. Die Stadt, die Region und Bolivien als Ganzes profitierten nicht von dem Reichtum. Nicht nur, dass die Menschen arm blieben – in dem Minen kamen Hunderttausende Menschen um, vor allem Zwangsarbeiter aus den Reihen der indianischen Ureinwohner. Potosí ist so etwas wie ein bolivianisches Nationaltrauma.

Die Regierung will eine Wiederholung vermeiden und legt grössten Wert darauf, dass der Abbau und die Weiterverarbeitung des Lithiums in nationaler Hand erfolgen, und zwar durch den staatlichen Bergbau-Konzern Comibol. So scheiterten beispielsweise Verhandlungen der global agierenden Food Machinery Chemical Corporation (FMC), die eine Konzession für die Förderung erwerben wollte, in den 1980er Jahren. Auch der gegenwärtige Präsident Boliviens, Evo Morales, besteht darauf, dass die Zügel in heimischen Händen liegen. Morales ist der erste Staatschef indigener Abstammung überhaupt auf dem südamerikanischen Kontinent. Er will, wie er sagt, „kein neues Potosí“. Stattdessen träumt er von einer bolivianisch geführten Wertschöpfungskette in der Hightech-Industrie. Dazu rief er im Jahr 2010 eine „erste Industrialisierungsphase“ für Bolivien aus.

Bolivien verfügt über die grössten Lithium-Vorräte der Welt, ist aber bisher nicht in der Lage, sie abzubauen. (Bild: Janaka Dharmasena / Shutterstock.com)

Bolivien verfügt über die grössten Lithium-Vorräte der Welt, ist aber bisher nicht in der Lage, sie abzubauen. (Bild: Janaka Dharmasena / Shutterstock.com)




Das nationale Programm für die Lithiumgewinnung läuft bereits seit 2008. Es gibt eine Pilotfabrik am Salar de Uyuni, doch das Know-how zur Umsetzung des Plans fehlt. Von den ursprünglich anvisierten Zielen ist man noch weit entfernt. Vollmundige Erklärungen, man könne bis 2015 mit eigenen Experten Batterien herstellen, zum Beispiel für Elektroautos von Toyota, erwiesen sich bisher als Fantastereien. Es gibt weder die Experten noch die benötigte Technologie.



Ausser an Fachwissen mangelt es aber auch an grundlegenden Untersuchungen des Salar. Weder die Grösse der Vorkommen noch die Qualität sind hinreichend erforscht. Es gibt lediglich Schätzungen. Das Gleiche gilt für mögliche Auswirkungen auf die Umwelt. Vier Jahre nach dem Start des Projekts mussten die Verantwortlichen einräumen, dass sie es ohne externe Hilfe nicht schaffen würden. In 2012 wurden deshalb Kooperationen mit ausländischen Unternehmen eingegangen, um den Rohstoff zu fördern und weiterzuverarbeiten. Die Japan Oil, Gas and Metals National Corporation (Jogmec) ist Partner für die Herstellung von Lithiumkarbonat. Mit dem chinesischen Unternehmen Linyi Gelón wurde in der Nähe von Potosíe eine Pilotanlage für die Batterieproduktion errichtet.

Ein drittes Konsortium will eine Fabrik für Kathoden aufbauen. Sie sind der wichtigste Schritt in der Produktionskette vom Lithiumkarbonat zu Lithium-Akkus. Hierfür einigte sich Comibol mit dem Bergbau-Unternehmen Kores aus Korea sowie dem Stahlkonzern Posco. Seit 2013 kann aus dem Salar Lithiumkarbonat gewonnen werden. In 2016 soll eine Förderung im grossen Stil starten. Batterien werden allerdings wohl nicht vor 2020 in Serie gehen.

Zur Zeit konzentriert man sich in den Pilotanlagen noch auf Forschung und Ausbildung. Klar ist, dass der Lithium-Schatz ohne internationales Know-how nicht gehoben werden kann. Die Regierung besteht aber darauf, dass 51 Prozent Mitspracherecht unter heimischer Kontrolle bleiben. Wenn das Vorhaben gelingt, dürfte Bolivien einen grossen Schritt zu mehr Wohlstand und einer stärkeren Wirtschaft machen.




 

Oberstes Bild: © Chris Howey – Shutterstock.com

Über Ulrich Beck

hat Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert und ist zusätzlich ausgebildeter Mediendesigner im Segment Druck. Er schreibt seit über 30 Jahren belletristische Texte und seit rund zwei Jahrzehnten für Auftraggeber aus den unterschiedlichsten Branchen.


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