Tourismusstrategien: All-Inclusive in der Schweiz

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Nach vier harten Jahren befindet sich der Tourismus in der Schweiz wieder im Aufwind. Um diesen Trend zu halten, sind jedoch neue Strategien gefragt. Einige touristische Regionen in den Alpen bündeln Teile ihrer Angebote in Gästekarten und hoffen, auf diese Weise mit den All-Inclusive-Offerten des Mittelmeertourismus Schritt zu halten. Bei der regionalen Bevölkerung sind die Pauschalpakete jedoch nicht unumstritten.

Die Idee im Hintergrund: Wer durch seine Gästekarte das Gefühl bekommt, dass er einen Teil der Angebote an seinem Ferienort gratis nutzt – beispielsweise öffentliche Verkehrsmittel, die Bergbahn oder das lokale Schwimmbad – ist möglicherweise bereit, im Restaurant oder beim Shopping mehr Geld auszugeben. Einige Regionen wollen damit jetzt ihr touristisches Sommergeschäft beleben. Abgegolten werden diese Leistungsbündel über Tagespauschalen, die meist auf die Kurtaxe aufgeschlagen werden. Die Gäste können damit ihre Ferienausgaben besser planen, die Ferienorte erhalten durch die All-Inclusive-Karten ein zusätzliches Marketinginstrument, das ihre Position gegenüber internationalen Konkurrenten stärkt.



Immer schlechtere Bedingungen für den Sommertourismus in der Schweiz

Vorreiter dieser Praxis war der Kurort Arosa im Kanton Graubünden, in dem es bereits seit 2003 All-Inclusive-Angebote gibt, die in den Sommermonaten für mehr Gäste sorgen sollen. Für die alpinen Touristenorte ist der Sommertourismus seit Jahren ein Problem, ihr geschäftliches Umfeld hat sich fortlaufend verschlechtert. Zum einen stehen sie in immer schärferem Wettbewerb zu den Pauschalangeboten für Badeferien im Süden, zum anderen sind ihre Sommergeschäfte kaum noch planbar.

Immer weniger Gäste buchen ihre Unterkunft in einem Schweizer Ferienort schon Monate im Voraus, sondern entscheiden über ihre Reise kurzfristig und je nach Wetterlage. Das Gros von ihnen ist eher an Kurztrips interessiert. Ein Aufenthalt von einer Woche oder 14 Tagen – in vergangenen Jahrzehnten noch die Regel – wird von heutigen Touristen immer seltener in Betracht gezogen. Auch die Ausgaben im Inlandstourismus zeigen seit mehreren Jahren einen negativen Trend.

Vor allem die Bergbahnen sind auf Sommergäste angewiesen



Ohne ihr Sommergeschäft wird das wirtschaftliche Überleben für die Bergorte jedoch schwierig. Der Chef der Grächen AG, Berno Stoffel, schätzt, dass in der Tourismusregion Grächen im Wallis ebenso wie in vielen anderen Ferienorten 70 % der Übernachtungen auf die Wintermonate entfallen. Das soeben aufgelegte All-Inclusive-Angebot soll unter anderem ein grösseres Gleichgewicht zwischen Sommer- und Wintertourismus bewirken. Vor allem die Bergbahnen leiden massiv unter der sommerlichen Flaute – ohne Sommergäste werden sie irgendwann nicht mehr in der Lage sein, ihre teuren Anlagen gewinnbringend zu finanzieren.

Pauschalpakete mit dem Fokus auf Inlandstouristen und Familien



Der Ferienort Arosa zeigt darüber hinaus, unter welchen strukturellen Schwierigkeiten der Schweizer Alpintourismus leidet. Der Anfahrtsweg über kurvenreiche Bergstrassen ist lang und nicht ganz einfach, ein weltberühmtes Wahrzeichen wie etwa das Matterhorn in Zermatt ist in Arosa nicht zu finden. Aus diesem Grund sind gerade asiatische Sightseeing- und Tagestouristen an einem Arosa-Aufenthalt nicht sehr interessiert – gerade sie stellen jedoch das Tourismussegment, das auch in den letzten Jahren noch gewachsen ist. Mit seinen All-Inclusive-Cards hofft Arosa, seine Attraktivität für Inlandstouristen und vor allem Familien zu erhöhen.

Widerstand der Anbieter aufgrund von Einzelinteressen

Bei der einheimischen Bevölkerung musste der All-Inclusive-Pionier Arosa für die Durchsetzung des Konzepts jedoch zahlreiche Widerstände überwinden. Für eine rasche Umsetzung von Projekten benötigt eine Tourismusregion heute eigentlich eine ebenso straffe Führung wie ein Wirtschaftsunternehmen. Mit den zahlreichen Einzelunternehmern im Tourismus gestaltet sich ein solches Unterfangen jedoch schwierig. Vor allem etablierte Unternehmen befürchteten Umsatzeinbussen durch die All-Inclusive-Cards – zu Recht, da die Pauschalpakete die Besucherströme auch recht wirksam lenken.

Restaurant in Arosa Dorf. (Bild: Pawel Kazmierczak / Shutterstock.com)

Restaurant in Arosa Dorf. (Bild: Pawel Kazmierczak / Shutterstock.com)

Beispielsweise argwöhnten Restaurantbesitzer in Arosa Dorf, dass von den Gästekarten vor allem die Berggaststätten profitieren, da die Pakete auch Bahntickets enthalten. Ein anderes konfliktträchtiges Problem sind Trittbrettfahrer, die von dem höheren Besucheraufkommen zwar profitieren, sich an den Pauschalangeboten selbst jedoch nicht beteiligen wollen. Der Schweizer Tourismus wird von Einzelunternehmen und folglich auch Einzelinteressen getragen – das Argument von Tourismusmanagern, es sei am wichtigsten, dass überhaupt Touristen kommen, zieht in diesem Kontext nur bedingt.



Akzeptanz für die Pauschalpakete erfordert Umsatzgarantien

Vergleichbare Diskussionen kennt auch Grächen, wenn auch nicht mit der gleichen Heftigkeit wie in Arosa. Hier sind das Tourismusbüro, die Bergbahnen und Bergrestaurants in einer gemeinsamen Unternehmensstruktur vereint, was dem Management bessere Chancen bietet, die Umsetzung neuer Projekte auf den Weg zu bringen. Trotzdem zeigt die Erfahrung in Arosa und an anderen Orten, dass sich Akzeptanz für die Pauschalpakete langfristig nur erzielen lässt, wenn deren Promotoren den wichtigsten Einzelanbietern Umsatzgarantien geben.

Grenzen der Planbarkeit – auch bei All-Inclusive

Wie sich das Aufkommen an Touristen und deren Ausgaben durch die Gästekarten entwickelt haben, lässt sich nur unvollkommen bilanzieren, da beides von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. Der frühere Tourismusdirektor von Arosa, Hans-Kaspar Schwarzenbach, bezifferte den zahlenmässigen Zuwachs an Touristen für 2003 – das erste Jahr des dortigen All-Inclusive-Projekts – auf etwa 25 %. Auch die Betreiber der Bergrestaurants können sich seitdem über höhere Gästezahlen freuen. Trotzdem hat auch Arosa – wenn auch weniger als andere Graubündner Ferienorte – unter der Tourismusflaute der vergangenen Jahre stark gelitten.

Profitiert hat Arosa dagegen von der sehr frühen Einführung der Karte. Spätere Anbieter konnten nicht mehr mit einem vergleichbaren öffentlichen Echo rechnen. Problematisch ist auch, dass viele Ferienorte aus finanziellen Gründen gar nicht in der Lage sind, ein Pauschalangebot zu schaffen. In der Graubündner Gemeinde Disentis/Mustér wird die Kurtaxe beispielsweise nicht als Jahrespauschale, sondern pro Einzelübernachtung erhoben – gut für die Touristen, die ihre Übernachtungszahlen kürzen, schlecht für den Ort, für den sich die Einnahmen aus der Kurtaxe kaum rentieren.

Daten für die Weiterentwicklung von All-Inclusive-Strategien

Viele Entwicklungspotenziale der Pauschalpakete sind bisher jedoch noch nicht erschlossen. Auch die Datenbasis für die Entwicklung neuer Angebote ist in vielen Fällen schwach. Arosa plant jetzt, bei allen touristischen Leistungserbringern, die an dem Programm partizipieren, Drehkreuze zu montieren – auf diese Weise lässt sich zum Beispiel in Erfahrung bringen, welche Ausflugsziele die Touristen bei gutem oder schlechtem Wetter präferieren.



 

Oberstes Bild: © Boris Stroujko – Shutterstock.com


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