Die Google-Glass-Markteinführung. Oder: Wie viele Fehler kann man machen?

08.05.2014 |  Von  |  News
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Die Google-Glass-Markteinführung. Oder: Wie viele Fehler kann man machen?
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Die digital vernetzte Brille Google Glass ist für viele Technik-Freaks die nächste grosse Sache. In Sachen mobile Online-Geräte scheint sie für eine neue Ära zu stehen, in der Mensch und Maschine immer organischer verzahnt sind. Eine „Brille“, die (auf Wunsch umgebungs- und kontextrelevante) Daten in Text und Bild auf einen virtuelles Display unmittelbar vor die Augen projiziert und sprachsensibel gesteuert wird: Was kann da noch schiefgehen? Muss diese Erfindung nicht zwangsläufig die gesamte Industrie verändern – und dann noch gesteuert von einem der momentan global erfolgreichsten Informations- und Big-Data-Unternehmen?

Momentan schaut es eher nach dem Gegenteil aus. Für viele ist Google Glass genau wie die Google-Drohnen der Inbegriff einer schönen neuen Welt, die Menschen endgültig zu autistischen,von Maschinen gesteuerten Cyborgs macht. Umfragen haben ergeben, dass Amerikaner durchschnittlich ziemlich entschieden anti Google Glass eingestellt sind: Sie misstrauen der Technologie und ihren Möglichkeiten.



Gleichzeitig sind die Brillen lange angekündigt und in vielen Testversionen journalistisch besprochen worden, ohne dass ein tatsächliches Markteinführungsdatum feststand – das hat sie zur häufigen Zielscheibe medialen Spotts in Talkshows und auf Blogs werden lassen. Nun soll Google Glass 2014 tatsächlich erhältlich sein – in Kooperation mit dem Brillenhersteller Luxottica, der auch die Marke Ray-Ban herstellt.

Wahrscheinlich wird diese Erfindung tatsächlich die Welt der Kommunikation für immer verändern. Gleichzeitig hat Google aber rund um Google Glass einige gravierende Fehler gemacht, die einerseits für das Unternehmen untypisch sind, andererseits aber ausserordentlich aufschlussreich, wenn es um die Analyse von Best Practices bei Produkteinführungen geht. Es lohnt sich also, diesen Prozess mal genauer unter die Lupe zu nehmen und zu analysieren, welche drei Fehler bei Markteintrittsprozessen unbedingt vermieden werden sollten.

1. Kein konkretes Markteinführungsdatum

Google Glass sollte zunächst 2012 auf den Markt kommen; auf ein genaues Datum will und wollte Google sich aber nicht festlegen. Andererseits: Prototypen waren unter strikten Auflagen und streng limitiert bereits 2013 erhältlich. Unter anderem war Google Glass an 8000 Testpersonen verteilt worden, deren Feedback nun zur Entwicklung einer offiziellen zweiten Version beiträgt – obwohl es nie eine erste, offiziell erhältliche Version gegeben hat.



Das alles hat zur Verwirrung beim Verbraucher geführt: Ist Google Glass jetzt erhältlich oder nicht? Wenn ja, wo? Schliesslich sieht man, vor allem in New York, immer mal wieder Menschen damit herumlaufen. Sind das jetzt einfache Kunden, Tester, Journalisten oder Entwickler? Oder gab es einen diskret abgelaufenen Vorab-Launch für Privilegierte?



Fazit: Wenn Google mit dieser Politik der Ungewissheit Erwartungen und Spannungen schüren oder Konsumenten bewusst an einem dynamischen, iterativen Prozess teilhaben lassen will, muss man leider sagen: Es hat versagt.

Durchschnittliche Verbraucher funktionieren so nicht. Sie wollen wissen, ab wann sie ein Produkt erwerben können und zu welchen Bedingungen. Sie wollen nicht aus einem offensichtlich elitären Kreis ausgeschlossen sein, der einen ominösen Zugang zum Produkt hat. Das war bei der Einführung von Google+ noch anders. Damals wurden in der Testphase die limitierten Zugänge bei Ebay versteigert – doch die Zeiten haben sich geändert.

2. Kein ausgereiftes Produktdesign

Sein erstes Google-Glass-Design hat Google noch selbst verantwortet. Die Brillen wurden aber einfach nicht stylish genug, um die erwünschte Zielgruppe anzusprechen. Sie sahen eher aus wie schlecht durchdachte Spionage-Gadgets in einem Scifi-Film der 1990er. Nun hat Google sich dazu entschieden, erfahrene Produktentwickler an Bord zu holen, die tatsächlich etwas von Brillen verstehen und nicht nur von der Technologie in der Black Box.

Das Team von Luxottica müsste wissen, was es tut – die Ray-Ban gehört schliesslich zu den erfolgreichsten Brillenmodellen der Welt. Ob Google damit aber seinen Imageschaden wiedergutmachen kann, wird sich zeigen.



Fazit: Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Wer sich in einem Markt bewegt, in dem Design-Ikonen wie Steve Jobs Apple-Produkte den Standard setzen, tut gut daran, sich die besten Leute direkt an Bord zu holen – nicht erst, wenn das eigene Versagen offensichtlich geworden ist.

3. Keine Anpassungsfähigkeit

Google bringt mit Google Glass ein Produkt auf den Markt, bei dem es neben einer neuen Art, Informationen aufzubereiten und verfügbar zu machen, auch um die Bereitstellung von persönlichen Daten zu Menschen geht, mit denen der Träger gerade zu tun hat. Dieser Launch findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem der gläserne Mensch plötzlich massiv infrage gestellt wird – und zwar selbst von Social-Media-Nutzern, die sich noch vor kurzer Zeit bereitwillig virtuell entblösst haben.

Nach einer langen Facebook-Phase, in der Menschen sich willentlich transparent gemacht und nicht mal über Google Street View wirklich aufgeregt haben, kam mit dem NSA-Skandal der Backlash. Plötzlich denken Internet-User zweimal darüber nach, wem sie im Netz vertrauen, hat Verschlüsselungs-Software Hochkonjunktur und werden sogar Kreditkarten weniger genutzt aus Angst vor gehackten Zugangsdaten.

Fazit: Kein Unternehmen, nicht einmal Google, kann die Stimmung des Marktes zu 100 % prognostizieren. Aber es muss in der Lage sein, auf veränderte Umstände mit einer neuen Sprache und einem angepassten Marketing zu reagieren. Google jedoch tut so, als ob die Problematik nicht im Raum stünde. Mehr noch: Es entwickelt am Markt vorbei – indem es nun etwa eine Technologie vorstellt, mit der durch ein reines Augenzwinkern, unbemerkt von anderen, Fotos gemacht werden können – im Gegensatz zur deutlich hörbaren Sprachsteuerung beim ersten Modell.



 

Oberstes Bild: © Joe Seer – Shutterstock.com


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