Die eigene Arbeitsweise reflektieren

23.02.2014 |  Von  |  Organisation, Selbstmanagement
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Die eigene Arbeitsweise reflektieren
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Unternehmer und Führungskräfte sind oftmals mit Personalverantwortung ausgestattet. Das bringt es mit sich, dass hier auch die Arbeitsweise der im Unternehmen beschäftigten Arbeitnehmer bewertet wird – nicht nur dann, wenn Arbeitszeugnisse abverlangt werden. Fast täglich gehört die Bewertung von Leistungen und Verhalten der Arbeitnehmer mit in den Verantwortungsbereich von Führungskräften.

Was ist aber mit der Reflexion der eigenen Arbeitsweise? Hier tun sich viele Führungskräfte, Manager und Einzelkämpfer eher schwer. Vielleicht auch, weil in vielen Unternehmen eine solche Eigenreflexion oftmals gar nicht gefragt ist.



Das Unternehmen als Soziotop

Ein Biotop ist so ziemlich allen bekannt. Hier werden auf einem relativ eng begrenzten Raum Lebewesen in einer möglichst naturbelassenen Sphäre versammelt, die sich dann dort verhältnismässig artgerecht entwickeln und vermehren sollen.

Ein Soziotop hat da schon eine ganz andere Klasse. In einem Soziotop versammeln sich Menschen mehr oder weniger freiwillig, um in einem begrenzten äusseren Rahmen gemeinsam zu leben, zu arbeiten und sich zu entwickeln. Ein typisches Soziotop ist beispielsweise die Familie. Hier prägen sich intern ganz eigene Lebensweisen heraus, die immer auch etwas über das Leben des Einzelnen und seine Stellung im Beziehungssystem aussagen.

Ein Soziotop ganz besonderer Klasse bieten manche Unternehmen. Besonders dort, wo viel und lange gearbeitet wird, mutiert die Firma zum Familienersatz. So lassen sich viele Arbeitnehmer, aber insbesondere Führungskräfte und Manager in ihren Unternehmen fast schon häuslich nieder. Es entwickeln sich gruppenspezifische Strukturen mit Überordnung und Unterordnung und einer mehr oder weniger klaren Aufgabenteilung. Daneben entwickeln sich aber auch zwischenmenschliche Beziehungen und Abhängigkeiten, die von den Unternehmensspitzen im Soziotop Firma gern dazu genutzt werden, den einzelnen Mitarbeiter noch mehr in die betrieblichen Gefüge zu verstricken und letztlich mit einem Plus an Leistungserwartung und entsprechender Honorierung zu umgarnen. Im Soziotop Unternehmen ist so manches möglich, was wir uns im „normalen“ Leben kaum vorstellen können. Dabei bietet das Soziotop Unternehmen natürlich auch enorme Vorteile für die Entwicklung des Einzelnen, sofern dies von der Managerebene gewünscht und unterstützt wird.



Meinungen anderer sollen die Leistungsfähigkeit spiegeln

Was für das Soziotop Unternehmen kennzeichnend ist, ist die relative Willen- und Erklärungslosigkeit der einzelnen Mitarbeiter. Viele Worte um Teams, viel Gerede um Vertrauen und Verantwortung führen letztlich dazu, dass sich der Einzelne nur als Teil eines Ganzen fühlt, in dem seine Individualität lediglich Episodencharakter hat. Einen Schritt weiter gehen Unternehmer, denen es gelingt, bei einzelnen Beschäftigten die Arbeit als Mittel zum Erfüllen ganz grosser Wünsche zu verstehen. Entsprechend hohe Gehälter gehen einher mit einem Plus an Zielen, Verantwortung und erwünschter Loyalität. Stück für Stück findet Eigenreflexion nur noch in Zahlen von Geld und noch mehr Geld statt. An die Stelle der eigenen kritischen Betrachtung der Arbeit und der Arbeitsweise rückt die Fremdbeurteilung. Die Meinungen anderer sollen ein Spiegel für die Leistungsfähigkeit des einzelnen sein. Dass dabei jeder gesunde Abstand zur Arbeit verloren geht, ist nur eine Frage der Zeit.

Eigenreflexion behindert Leistungsentfaltung

Für die Spitzen in den Unternehmen ist die Zielrichtung klar. Je weniger Eigenreflexion und je mehr Fremdbewertung, desto sicherer gestaltet sich die Möglichkeit, Unternehmensziele letztlich zu persönlichen Zielen einzelner Beschäftigter zu machen. Dabei werden vor allem Führungskräfte der unteren und mittleren Hierarchie aufs Korn genommen. Letztlich bestimmen so die Manager, in welchem Mass eine Leistungsentfaltung bei Einzelnen ausgestaltet wird, oftmals auch über deren Belastungsgrenzen hinaus. Für die Betroffenen stellt sich die Situation als durchaus angenehm dar. Eine Würdigung bislang erbrachter Leistungen geht einher mit dem Übertragen neuer Verantwortungen und damit mit noch mehr Arbeit. Gezielt werden diese Leistungen honoriert und schaffen ein trügerisches Bild von Leistungskraft, Entwicklungsvermögen und scheinbarem Spass an der Arbeit. Gezielt wird für die Eigenreflexion der Arbeit ein nur sehr geringer oder gar kein Raum gelassen. Immerhin könnte die Eigenreflexion der Arbeitsweise dazu führen, dass sich Betroffene ihrer eigenen Leistungsgrenzen bewusst werden und einen oder mehrere Gänge zurückschalten. Damit würde das Unternehmen an Dynamik verlieren.





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Die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit ist darüber hinaus eine angenehme Wirkung der Selbstreflexion. (Bild: Farina2000 / pixelio.de)

Reflexion der eigenen Arbeit nutzt der Persönlichkeit als Ganzes



Wer hingegen die Eigenreflexion seiner Arbeitsweise angeht und beherrscht, nutzt seiner Persönlichkeit als Ganzes. Werden individuelle Belastungsgrenzen richtig eingeschätzt und interpretiert, lässt sich nämlich auch die Relation von Leistungen und persönlich relevantem Ergebnis ganz anders einschätzen. Das eröffnet den Mitarbeitern Wege hin zu einer gesünderen Haltung zu Arbeit und Leistung und letztlich zu einem Plus an Lebensqualität. Die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit ist darüber hinaus eine angenehme Wirkung der Selbstreflexion.

Genau das erscheint Soziotop-Unternehmen aber nicht erstrebenswert. Immerhin erbringen Führungskräfte und Mitarbeiter mit einer geringen Eigenreflexion oftmals Leistungen, die weit über das hinausgehen, was der Anstellungsvertrag regelt. Damit generieren einzelne Mitarbeiter unternehmerische Zuwächse in bedeutsamen Relationen, die so nur selten tatsächlich honoriert werden. Dass dabei einzelne Persönlichkeiten auf der Strecke bleiben, ist eine Auswirkung des sogenannten Turbokapitalismus, in dem möglichst immer weniger Arbeitskräfte immer mehr Leistungen erbringen sollen. Damit wird zwar das unternehmerische Ergebnis, nicht aber die Entwicklung von Persönlichkeiten im Prozess der Arbeit gefördert.

Unternehmen, die auf das Soziotop als Form der Unternehmensidentifikation und Unternehmenskultur setzen, überzeugen mit überdurchschnittlich guten Ergebnissen, verwundern aber oftmals auch mit hohen Wechselraten besonders im Bereich des mittleren Managements.



 

Oberstes Bild: © alphaspirit – Fotolia.com

Über Olaf Hoffmann

Olaf Hoffmann ist der kreative und führende Kopf hinter dem Unternehmen Geradeaus...die Berater.
Neben der Beratertätigkeit für kleine und mittlere Unternehmen und Privatpersonen in Veränderungssituationen ist Olaf Hoffmann aktiv in der Fort- und Weiterbildung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.
Als Autor für zahlreiche Blogs und Webauftritte brilliert er mit einer oftmals bestechenden Klarheit oder einer verspielt ironisch bis sarkastischen Ader. Ob Sachtext, Blogbeitrag oder beschreibender Inhalt - die Arbeiten des Autors Olaf Hoffmann bereichern seit 2008 in vielfältigen Formen das deutschsprachige Internet.


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