Inflation im Vergleich: Warum die 1970er-Jahre kein fester Fahrplan sind

Teurere Energie, geopolitische Konflikte und Sorgen um die Kaufkraft wecken Erinnerungen an die 1970er-Jahre. Doch ähnliche Auslöser treffen heute auf andere Produktionsstrukturen, Arbeitsmärkte und geldpolitische Rahmenbedingungen. Aus einem erneuten Preisschock lässt sich deshalb keine identische Entwicklung ableiten. Das bedeutet allerdings nicht, dass anhaltend hohe Inflation ausgeschlossen wäre.

Der historische Vergleich hilft vor allem dann, wenn Ursachen und Übertragungswege getrennt betrachtet werden. Entscheidend ist, wie weit sich steigende Kosten ausbreiten, wie Löhne und Unternehmen reagieren und ob Vertrauen in die Preisstabilität bestehen bleibt. Die Wirtschaftsgeschichte bietet dafür wichtige Erfahrungen, aber keinen feststehenden Fahrplan für die kommenden Jahre.

Die damalige Inflation begann nicht erst mit dem Ölpreisschock

Die 1970er-Jahre werden häufig auf die Ölkrisen von 1973 und 1979 verkürzt. In den USA hatte der Inflationsanstieg jedoch bereits in den 1960er-Jahren begonnen. Die Darstellung der Federal Reserve zur sogenannten Great Inflation umfasst den Zeitraum von 1965 bis 1982. Energieknappheit traf damit auf bereits vorhandenen Preisdruck und wirtschaftspolitische Probleme. Die Ölkrisen verschärften eine Entwicklung, deren Ursachen über den Rohstoffmarkt hinausgingen.

Zu diesem Umfeld gehörten expansive wirtschaftspolitische Entscheidungen, Fehleinschätzungen der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und das Ende des Währungssystems von Bretton Woods. Hinzu kamen Erwartungen, dass hohe Preissteigerungen länger anhalten würden. Die einzelnen Länder waren davon unterschiedlich betroffen und reagierten verschieden. Ein Vergleich, der lediglich zwei stark steigende Ölpreise nebeneinanderstellt, übersieht deshalb wesentliche Zusammenhänge. Er erklärt weder die damalige Dauer der Inflation noch den möglichen Verlauf einer neuen Teuerungsphase.


Ölpreisschocks können Produktion und Konsum belasten. Wie stark sie auf die allgemeine Teuerung durchschlagen, hängt auch von Energieintensität und weiteren wirtschaftlichen Bedingungen ab.

Ein höherer Energiepreis trifft auf eine veränderte Wirtschaft

Ein wichtiger Unterschied liegt im Energiebedarf je Einheit wirtschaftlicher Leistung. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich verwies bereits in ihrem Jahreswirtschaftsbericht 2022 auf eine gegenüber den späten 1970er-Jahren deutlich geringere Energieintensität. Für Erdöl war der Rückgang besonders ausgeprägt. Effizientere Technik und veränderte Produktionsstrukturen können die Belastung eines Preisschocks vermindern. Das ist jedoch eine Aussage über Energie im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung und kein Beleg dafür, dass der gesamte Energieverbrauch entsprechend gesunken wäre.

Zudem bleiben grosse Unterschiede zwischen Branchen und Haushalten. Ein energieintensiver Betrieb kann trotz gesamtwirtschaftlich höherer Effizienz stark betroffen sein. Auch Transport, Heizung und energiehaltige Vorprodukte verbinden den Rohstoffmarkt mit vielen weiteren Preisen. Der BIZ-Bericht von Juni 2026 betont zusätzlich die in importierten Gütern enthaltenen Energiekosten. Ein niedrigerer direkter Energiebedarf im Inland erfasst solche Belastungen nicht vollständig. Geringere Energieintensität bietet deshalb einen Puffer, aber keine Unabhängigkeit von Energiepreisen.

Ein Preissprung bei einem wichtigen Rohstoff ist zunächst eine Veränderung einzelner relativer Preise: Energie wird gegenüber anderen Gütern teurer. Zur anhaltenden allgemeinen Inflation wird die Belastung nicht allein durch ihre Höhe, sondern durch ihre weitere Verbreitung und Wiederholung. Auch ein einmaliger Schock kann zahlreiche Preise mit Verzögerung erreichen. Deshalb ist zwischen einer zeitlich gestaffelten Weitergabe derselben Kosten und fortlaufend neuem Preisdruck zu unterscheiden.



Steigende Löhne ergeben nicht automatisch eine Lohn-Preis-Spirale

Ein zentraler Übertragungsweg der damaligen Inflation verlief über wiederholte Anpassungen von Löhnen und Preisen. Steigende Lebenshaltungskosten erhöhten den Druck auf Lohnabschlüsse, während Unternehmen höhere Kosten weiterzugeben versuchten. Automatische oder verbreitete Bindungen an die vergangene Inflation konnten diesen Prozess verstärken. Wie ausgeprägt solche Mechanismen waren, unterschied sich jedoch nach Land und Institutionen. Die pauschale Behauptung, jede Lohnerhöhung löse denselben Kreislauf aus, wird diesen Zusammenhängen nicht gerecht.

Eine EZB-Analyse von 2022 beschreibt für den Euroraum langfristige Veränderungen gegenüber den 1970er-Jahren, darunter weniger verbreitete Lohnindexierung und einen klareren geldpolitischen Rahmen. Ihre historischen Modellvergleiche zeigen schwächere Zweitrundeneffekte in der untersuchten Zeit seit Einführung des Euro. Daraus folgt keine Garantie für jedes spätere Jahr oder jedes Land. Die Analyse warnt ausdrücklich, dass hohe und anhaltende Inflation solche Rückwirkungen erneut begünstigen kann.

Auch eine Untersuchung des Internationalen Währungsfonds von 2022 mahnt zur Unterscheidung. In den betrachteten historischen Episoden mit gleichzeitig steigenden Löhnen und beschleunigter Inflation folgte nur in einer kleinen Minderheit eine dauerhaft weitere Beschleunigung beider Grössen. Nachholende Löhne können zunächst verlorene Kaufkraft ausgleichen. Für die weitere Preisentwicklung zählen zusätzlich Produktivität, Gewinnmargen, Nachfrage und Wettbewerb. Eine einzelne kräftige Lohnrunde reicht deshalb nicht als Nachweis einer sich selbst verstärkenden Spirale.


Der heutige geldpolitische Rahmen unterscheidet sich von jenem der 1970er-Jahre. Entscheidend bleibt, ob Notenbanken Preisstabilität glaubwürdig verfolgen und auf veränderte Risiken reagieren.

Notenbanken arbeiten mit einem anderen Rahmen

Ein weiterer Unterschied betrifft die Ziele und die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik. Die BIZ hebt im historischen Vergleich klarere institutionelle Rahmenbedingungen hervor. Verständliche Ziele und nachvollziehbare Entscheidungen können helfen, längerfristige Inflationserwartungen zu stabilisieren. Unternehmen und Beschäftigte müssen dann nicht jede kurzfristige Verteuerung als Beginn einer dauerhaft beschleunigten Teuerung behandeln. Ein solcher Vertrauensanker entsteht allerdings durch überzeugendes Handeln über längere Zeit.

Ein Inflationsziel beseitigt weder Lieferausfälle noch Energieknappheit. Höhere Zinsen können Nachfrage und Finanzierungsbedingungen dämpfen, stellen aber keine zusätzliche Öl- oder Gasmenge bereit. Gleichzeitig kann eine zu spät gebremste Ausbreitung der Teuerung später kostspieligere Eingriffe erfordern. Der Beitrag Zinsentscheide der Notenbanken: Erwartungen und Marktreaktionen verstehen erläutert, weshalb Beschluss, Erwartungen und wirtschaftliche Begründung gemeinsam betrachtet werden sollten. Ein Vergleich einzelner Zinssätze über Jahrzehnte greift dafür zu kurz.

Dabei wirken geldpolitische Entscheidungen mit Verzögerung. Bestehende Kreditverträge, Investitionspläne und laufende Preisvereinbarungen werden nicht sämtlich am Tag eines Zinsentscheids verändert. Eine sinkende Inflationsrate kurz nach einem Beschluss beweist daher nicht, dass allein dieser Beschluss den Rückgang verursacht hat. Umgekehrt lässt sich aus einem weiteren Preisanstieg unmittelbar danach nicht ableiten, dass die Geldpolitik wirkungslos bleibt. Für die Beurteilung braucht es einen längeren Zeitraum und mehrere wirtschaftliche Indikatoren.



Auch 2026 gibt es Gründe für Aufmerksamkeit

Die Unterschiede zur Vergangenheit bedeuten keine allgemeine Entwarnung. Der BIZ-Jahreswirtschaftsbericht von Juni 2026 nennt sowohl Faktoren, die den Inflationsdruck eines neuen Energieschocks begrenzen können, als auch erhebliche Risiken. Dazu gehören weitere Energiepreisschwankungen und die Möglichkeit, dass sich Erwartungen nach der jüngsten Inflationserfahrung schneller verändern. Massgeblich ist, wie dauerhaft der ursprüngliche Schock bleibt und ob er auf breitere Preis- und Lohnentscheidungen übergeht.

Auch der wirtschaftspolitische Umgang mit Belastungen spielt eine Rolle. Entlastungen können gezielt besonders betroffene Gruppen unterstützen oder die Nachfrage breiter erhöhen. Ihre Wirkung hängt von Ausgestaltung, Umfang und Finanzierung ab. Geopolitische Konflikte, Handelshemmnisse und veränderte Lieferketten können zudem andere Kostenprobleme erzeugen als vor fünfzig Jahren. Der historische Abstand macht solche Risiken nicht kleiner; er verlangt eine eigenständige Beurteilung statt der Erwartung, dass sich eine bekannte Abfolge zwangsläufig wiederholt.


Inflation und Kaufkraft müssen für den jeweiligen Währungsraum betrachtet werden. Aus der Entwicklung in den USA lässt sich die Schweizer Teuerung nicht unmittelbar ableiten.

Die Schweiz ist kein verkleinertes Abbild der USA

Internationale Energiepreise wirken auf eine kleine offene Volkswirtschaft wie die Schweiz. Ihre Bedeutung hängt jedoch auch von Wechselkursen, Importen und der Zusammensetzung des Konsums ab. Eine in Dollar gehandelte Ware kann sich in Franken anders verteuern als in ihrer Handelswährung. Gleichzeitig entstehen viele Preise im Inland oder werden erst mit Verzögerung angepasst. Ein Vergleich mit den USA oder dem Euroraum muss deshalb die jeweiligen Warenkörbe und wirtschaftlichen Bedingungen berücksichtigen.

Die SNB-Prognose vom 24. September 2026 zeigt, weshalb Datum und Annahmen dazugehören. Damals erwartete die Nationalbank eine durchschnittliche Jahresteuerung von 0,7 Prozent für 2026 sowie jeweils 0,8 Prozent für 2027 und 2028. Diese bedingte Prognose beruhte auf einem über den Prognosezeitraum konstanten SNB-Leitzins von 0 Prozent. Gleichzeitig nannte die SNB erhebliche Risiken durch höhere Energiepreise und das internationale Umfeld. Eine solche Prognose ist ein datiertes Szenario und keine Zusicherung über den künftigen Verlauf.

Eine tiefere Inflationsrate macht frühere Verteuerungen nicht rückgängig

Im Alltag wird ein Inflationsrückgang leicht mit sinkenden Preisen verwechselt. Tatsächlich bedeutet eine weiterhin positive, aber tiefere Rate zunächst, dass das allgemeine Preisniveau langsamer steigt. Ein vereinfachtes Rechenbeispiel macht dies sichtbar: Verteuert sich ein unveränderter Warenkorb von 100 auf 110 Franken und im Folgejahr um weitere 2 Prozent, kostet er anschliessend 112.20 Franken. Die Teuerung hat deutlich nachgelassen, die frühere Verteuerung wurde aber nicht aufgehoben.

Zusätzlich beeinflusst die Vergleichsbasis die ausgewiesene Jahresrate. Bleibt ein Preis nach einem einmaligen Sprung unverändert hoch, verschwindet dieser Sprung nach zwölf Monaten aus dem Vorjahresvergleich. Die niedrigere Rate kann dann mit einem weiterhin belastenden Preisniveau zusammenfallen. Monatsveränderungen helfen, die jüngere Dynamik zu erkennen, können allerdings ebenfalls schwanken. Eine einzelne Zahl erklärt deshalb weder den gesamten Kaufkraftverlust noch dessen weitere Entwicklung.

Wie stark ein Haushalt belastet bleibt, hängt zudem von seinen eigenen Ausgaben und Einkommen ab. Ein hoher Anteil für besonders verteuerte Güter kann die persönliche Erfahrung vom Durchschnitt unterscheiden. Auf den Finanzmärkten kommen Erwartungen und Risikoaufschläge hinzu. Der Beitrag Zinsmärkte ohne klare Richtung: Welche Faktoren die Erwartungen prägen zeigt, weshalb eine tiefere Inflationszahl nicht automatisch eine bestimmte Bewegung sämtlicher Renditen auslöst. Kaufkraft, gemessene Teuerung und Marktreaktion sind unterschiedliche Grössen.


Die persönliche Teuerungsbelastung hängt vom eigenen Ausgabenmix ab. Eine rückläufige Inflationsrate bedeutet noch nicht, dass das Haushaltsbudget wieder auf das frühere Preisniveau trifft.

Die Mechanismen beobachten statt auf ein Jahrzehnt zu wetten

Ein hilfreicher Vergleich fragt nach der Breite und Beharrlichkeit des Preisdrucks. Steigen vor allem einzelne Energiepreise, oder erfassen die Anpassungen zahlreiche Waren und Dienstleistungen? Werden Löhne nachgeholt, oder beschleunigen sich Löhne und Preise über längere Zeit gegenseitig? Ebenso wichtig sind längerfristige Erwartungen und die Reaktion der Geldpolitik. Einzelne Monatszahlen und isolierte historische Parallelen beantworten diese Fragen nicht. Auch scheinbare Entspannung muss daran gemessen werden, ob sie sich als dauerhaft erweist.

Die 1970er-Jahre bleiben deshalb eine wichtige Erfahrung für den Umgang mit Inflation. Ihre konkreten Institutionen, Energieabhängigkeiten und politischen Entscheidungen lassen sich jedoch nicht unverändert auf die Gegenwart übertragen. Ein ähnlicher Auslöser kann unter anderen Bedingungen einen anderen Verlauf nehmen; neue Bedingungen können zugleich neue Schwierigkeiten schaffen. Belastbar ist deshalb weder die Zusage dauerhaft niedriger Inflation noch die Vorhersage einer zwangsläufigen Wiederholung. Entscheidend bleibt, ob sich ein Preisschock begrenzen lässt oder zu anhaltendem allgemeinem Preisdruck entwickelt.

 

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