Wenn das Geld nicht bis Monatsende reicht: Finanzwissen schützt vor frühen Schulden
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Das erste Sackgeld, der Lohn aus der Lehre und schliesslich die eigene Wohnung: Mit jedem Schritt wächst die finanzielle Freiheit. Gleichzeitig werden Entscheidungen komplizierter. Rechnungen, Abonnements und digitale Käufe können sich rasch summieren. Wer den Umgang mit Geld früh übt, ist auf diese Verantwortung besser vorbereitet.
Finanzkompetenz entsteht nicht durch einen einzigen Vortrag. Kinder und Jugendliche müssen planen, vergleichen, warten und auch einmal eine kleine Fehlentscheidung treffen dürfen. Ebenso wichtig ist ein offener Umgang mit Geld. Schulden sind kein persönliches Versagen. Sie können durch Konsumfehler entstehen, aber ebenso durch ein knappes Einkommen, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder eine schwierige familiäre Situation.
Nicht jede Schuld bedeutet Überschuldung
Zunächst lohnt sich eine klare Unterscheidung. Ein Leasingvertrag, ein Studiendarlehen oder eine vereinbarte Ratenzahlung ist eine Schuld. Solange die Zahlungen zuverlässig aus dem verfügbaren Einkommen geleistet werden können, muss daraus kein ernstes Problem entstehen.
Kritischer sind Zahlungsrückstände. Damit sind Rechnungen gemeint, die aus finanziellen Gründen nicht rechtzeitig bezahlt werden. Von Überschuldung spricht man, wenn die bestehenden Verpflichtungen über längere Zeit nicht mehr mit dem verfügbaren Einkommen und Vermögen erfüllt werden können.
Nach der jüngsten entsprechenden Erhebung des Bundesamts für Statistik lebten 2022 rund 12,1 Prozent der Schweizer Bevölkerung in einem Haushalt mit mindestens einem Zahlungsrückstand. Besonders häufig waren Steuerrechnungen und Krankenkassenprämien betroffen.
Die Beratungszahlen zeigen eine weitere Seite des Problems. 2024 suchten 6’242 Haushalte erstmals Unterstützung bei einer Mitgliedsorganisation von Schuldenberatung Schweiz. Diese Zahl beschreibt allerdings nur die neuen Beratungsfälle. Sie sagt nicht aus, wie viele Menschen in der gesamten Schweiz überschuldet sind.
Warum junge Erwachsene besonders gefährdet sind
Mit dem ersten Lohn scheint plötzlich viel Geld vorhanden zu sein. Gleichzeitig beginnen Kosten, die vorher von den Eltern getragen wurden. Dazu gehören Krankenkasse, Mobiltelefon, Fahrkosten, Kleidung, Steuern, Versicherungen und später eine eigene Wohnung.
Viele dieser Ausgaben treffen nicht jeden Monat ein. Eine Steuerrechnung, die Jahresprämie einer Versicherung oder eine Zahnarztrechnung kann ein knappes Budget aus dem Gleichgewicht bringen. Wer nur den aktuellen Kontostand betrachtet, hält Geld für verfügbar, das eigentlich für spätere Rechnungen benötigt wird.
Weitere Risiken sind:
- ein niedriges oder unregelmässiges Einkommen während Lehre und Studium;
- der Auszug aus dem Elternhaus und die hohen Anfangskosten der ersten Wohnung;
- mehrere kleine Abonnements, die gemeinsam einen erheblichen Betrag ergeben;
- Käufe auf Rechnung und Raten, deren Gesamtbelastung unterschätzt wird;
- Kreditkarten, Kontoüberzüge und Mahngebühren;
- teure Fahrzeug-Leasings samt Versicherung, Treibstoff, Wartung und Parkplatz;
- sozialer Druck durch Freunde, Marken, Werbung und soziale Medien;
- Arbeitslosigkeit, Krankheit, Trennung oder ein anderer unerwarteter Einschnitt.
Eine Verschuldung entsteht daher selten durch einen einzigen grossen Fehler. Häufig kommen mehrere kleine Verpflichtungen und ein unerwartetes Ereignis zusammen.
Finanzkompetenz beginnt im Alltag
Schon jüngere Kinder können verstehen, dass Geld begrenzt ist. Dazu brauchen sie keine komplizierten Erklärungen. Ein Einkauf bietet genügend Lernmöglichkeiten: Was kostet die Glace? Reicht das vorhandene Geld? Ist die grössere Packung tatsächlich günstiger? Was bleibt danach übrig?
Eltern können Wünsche in drei Gruppen einteilen: sofort kaufen, dafür sparen oder darauf verzichten. Dadurch lernen Kinder, dass ein Wunsch nicht automatisch erfüllt werden muss.
Auch sichtbares Geld ist hilfreich. Münzen in verschiedenen Behältern machen deutlich, wie sich Ausgeben und Sparen auf den vorhandenen Betrag auswirken. Ein Behälter kann für aktuelle Wünsche bestimmt sein, ein zweiter für ein grösseres Ziel und ein dritter für Geschenke oder Spenden.
Sackgeld: regelmässig, verlässlich und ohne Nachschuss
Pro Juventute bezeichnet Sackgeld als sinnvolles Lernfeld. Es ist freiwillig und muss zu den finanziellen Möglichkeiten der Familie passen. Häufig wird es mit dem Schuleintritt eingeführt.
Budgetberatung Schweiz nennt folgende Richtwerte:
- ab 6 Jahren: 3 Franken pro Woche;
- ab 7 Jahren: 4 Franken pro Woche;
- ab 8 Jahren: 5 Franken pro Woche;
- ab 9 Jahren: 15 Franken alle zwei Wochen;
- ab 10 Jahren: 18 Franken alle zwei Wochen;
- ab 11 Jahren: 20 Franken alle zwei Wochen;
- von 12 bis 14 Jahren: 50 bis 70 Franken pro Monat.
Diese Beträge sind Orientierungshilfen, kein Anspruch. Entscheidend ist, was in das Familienbudget passt.
Jüngere Kinder erhalten das Geld besser wöchentlich. Ab der vierten Klasse kann ein zweiwöchentlicher Rhythmus sinnvoll sein. Jugendliche lernen mit einer monatlichen Zahlung, über einen längeren Zeitraum zu planen.
Die Regeln sollten von Anfang an klar sein. Wofür ist das Geld gedacht? Welche Ausgaben übernehmen weiterhin die Eltern? Darf ein Teil frei ausgegeben werden?
Ist das Sackgeld vorzeitig aufgebraucht, sollten Eltern keinen Vorschuss gewähren. Genau dieses Warten ist eine wichtige Erfahrung. Der Fehler bleibt klein und hat keine existenziellen Folgen. Sackgeld sollte zudem nicht als Strafe gestrichen oder als Belohnung für die übliche Mithilfe im Haushalt eingesetzt werden.
Jugendlohn: mehr Verantwortung ab etwa zwölf Jahren
Ab ungefähr zwölf Jahren kann der Jugendlohn das klassische Sackgeld ablösen. Jugendliche erhalten dabei jeden Monat einen festen Betrag. Daraus bezahlen sie vereinbarte persönliche Ausgaben selbst.
Denkbar sind beispielsweise:
- Kleider und Schuhe;
- Coiffeur und Hygieneartikel;
- Mobiltelefon und Abonnement;
- Freizeit, Sport und auswärtige Mahlzeiten;
- öffentliche Verkehrsmittel oder Ausgaben fürs Velo;
- persönliche Wünsche und Sparziele.
Wohnen, Lebensmittel zu Hause, Versicherungen, Schule und gemeinsame Ferien bleiben normalerweise Sache der Eltern. Welche Kosten übertragen werden, muss schriftlich festgehalten werden.
Der Jugendlohn sollte nicht einfach zusätzlich zum bisherigen Familienbudget bezahlt werden. Sinnvoller ist es, zunächst einige Monate zu erfassen, was die Eltern ohnehin für Kleidung, Telefon, Freizeit und andere persönliche Bedürfnisse ausgeben. Daraus entsteht ein realistischer Betrag.
Pro Juventute verweist auf eine Untersuchung aus dem Jahr 2018, nach der Jugendliche mit diesem Modell eine höhere Kompetenz im Umgang mit Geld zeigten. Entscheidend ist jedoch die Umsetzung. Eltern müssen Verantwortung abgeben und kleinere Fehlentscheidungen zulassen.
Digitale Zahlungen machen Ausgaben weniger sichtbar
Bargeld verschwindet spürbar aus dem Portemonnaie. Bei einer Karte oder einem Smartphone genügt eine kurze Bewegung. Das kann dazu führen, dass einzelne Ausgaben weniger bewusst wahrgenommen werden. Wie stark mobile Bezahlmethoden inzwischen an Bedeutung gewonnen haben, zeigt der Beitrag über mobile Zahlungen in der Schweiz.
Jugendliche sollten deshalb lernen, ihre digitalen Zahlungen mindestens einmal pro Woche zu kontrollieren. Besonders leicht übersehen werden:
- In-App-Käufe und virtuelle Spielgegenstände;
- automatisch verlängerte Probeabonnements;
- Streaming-, Musik- und Gamingdienste;
- Käufe auf Rechnung;
- Ratenzahlungen und Angebote nach dem Prinzip «jetzt kaufen, später bezahlen»;
- Lieferdienste und kleine Alltagsbestellungen.
Eine kleine Monatsrate wirkt harmlos. Mehrere gleichzeitig laufende Raten können das frei verfügbare Einkommen jedoch über Monate blockieren. Vor jedem solchen Kauf sollte deshalb nicht die Monatsrate, sondern der gesamte Preis betrachtet werden.
Der erste Lohn braucht einen Plan
Spätestens mit dem ersten regelmässigen Einkommen ist ein vollständiges Budget nötig. Dabei werden auch Kosten berücksichtigt, die nur einmal pro Quartal oder Jahr anfallen. Der Jahresbetrag wird durch zwölf geteilt und monatlich zurückgelegt.
Ein einfaches Kontensystem kann helfen:
- Eingangskonto: Hier treffen Lohn und andere Einnahmen ein.
- Konto für Fixkosten und Steuern: Der benötigte Betrag wird direkt nach dem Lohneingang überwiesen.
- Alltagskonto: Davon werden Essen, Freizeit und persönliche Ausgaben bezahlt.
- Reservekonto: Es dient für unerwartete Rechnungen und längerfristige Ziele.
Automatische Überweisungen am Tag nach dem Lohneingang verhindern, dass für Steuern oder Versicherungen vorgesehenes Geld versehentlich ausgegeben wird.
Pauschale Regeln wie «20 Prozent des Einkommens sparen» passen nicht zu jeder Lebenssituation. Wer wenig verdient und hohe Fixkosten trägt, kann diesen Anteil möglicherweise nicht erreichen. Wichtiger ist ein ehrliches Budget mit den tatsächlichen Schweizer Lebenshaltungskosten.
Die Krankenkasse verdient besondere Aufmerksamkeit. Prämie, Franchise und Selbstbehalt sind unterschiedliche Kosten. Dass viele junge Erwachsene bei diesem Thema Wissenslücken haben, zeigt ein Beitrag über Krankenversicherungen für junge Erwachsene.
Eltern wirken stärker durch ihr Vorbild als durch Vorträge
Kinder beobachten, wie Erwachsene über Geld sprechen. Wird jede Rechnung als Katastrophe dargestellt? Werden spontane Käufe später bereut? Oder vergleichen die Eltern Preise, planen grössere Anschaffungen und sprechen ruhig über begrenzte Mittel?
Eltern müssen weder ihr Einkommen offenlegen noch jedes finanzielle Detail mit dem Kind teilen. Sie können dennoch erklären, weshalb eine Anschaffung warten muss, wie ein Haushaltsbudget funktioniert oder warum für eine Jahresrechnung monatlich Geld zurückgelegt wird.
Hilfreich sind gemeinsame Übungen:
- einen Einkaufszettel mit festem Betrag erstellen;
- Preise und Packungsgrössen vergleichen;
- für einen Wunsch ein Sparziel und einen Termin festlegen;
- ein Abonnement anhand der jährlichen Gesamtkosten beurteilen;
- eine Lohnabrechnung gemeinsam lesen;
- die Kosten einer ersten Wohnung realistisch zusammenstellen.
Gespräche über Geld dürfen nicht erst beginnen, wenn bereits Mahnungen eintreffen. Wer regelmässig darüber spricht, senkt die Hemmschwelle, bei Problemen früh um Hilfe zu bitten.
Auch Schulen und Lehrbetriebe sind gefragt
Finanzbildung wird besonders verständlich, wenn sie konkrete Lebenssituationen behandelt. Ein fiktiver Monatslohn kann auf Krankenkasse, Steuern, Miete, Telefon, Essen, Verkehr und Freizeit verteilt werden. Eine unerwartete Zahnarztrechnung zeigt anschliessend, weshalb eine Reserve wichtig ist.
Weitere sinnvolle Unterrichtsthemen sind:
- Lohnabrechnung und Arbeitsvertrag;
- Steuern und Steuerrechnung;
- Krankenkasse und Versicherungen;
- Miete, Kaution und Nebenkosten;
- Kredit, Leasing und Ratenkauf;
- Mahnungen, Inkasso und Betreibung;
- Werbung, Influencer und psychologische Kaufanreize;
- Onlinebetrug und unseriöse Finanzangebote.
Lehrbetriebe können das Thema rund um den ersten Lohn aufnehmen. Gerade Lernende profitieren von praktischen Beispielen mit realistischen Beträgen.
Warnzeichen für beginnende Geldprobleme
Ein einzelner Fehlkauf ist noch keine Schuldenkrise. Bestimmte Veränderungen sollten Eltern und Betroffene dennoch ernst nehmen:
- Briefe und Rechnungen bleiben ungeöffnet liegen.
- Geld wird regelmässig bei Freunden oder Angehörigen geliehen.
- Mehrere Ratenkäufe laufen gleichzeitig.
- Das Konto ist kurz nach dem Lohneingang leer.
- Käufe und Mahnungen werden verheimlicht.
- Neue Schulden werden aufgenommen, um alte Rechnungen zu bezahlen.
- Telefonate und Schreiben von Gläubigern werden ignoriert.
Scham verschärft die Situation. Vorwürfe führen häufig dazu, dass weitere Informationen verschwiegen werden. Besser ist eine ruhige Bestandsaufnahme.
Was tun, wenn bereits Schulden vorhanden sind?
Zunächst sollten keine neuen Käufe auf Rechnung, Kredite oder Ratenverträge abgeschlossen werden. Danach werden sämtliche Briefe geöffnet und die Forderungen vollständig erfasst.
Eine Übersicht enthält:
- Name des Gläubigers;
- ursprüngliche Forderung;
- Zinsen und Gebühren;
- Zahlungsfrist;
- Stand eines möglichen Betreibungsverfahrens;
- monatlich verfügbaren Betrag.
Laufende Grundkosten wie Wohnung, Krankenkasse, Energie, Lebensmittel und aktuelle Steuern müssen im Budget berücksichtigt werden. Mit Gläubigern sollte früh Kontakt aufgenommen werden. Eine Rate, die nicht eingehalten werden kann, hilft allerdings niemandem.
Dokumente des Betreibungsamts dürfen keinesfalls ignoriert werden. Dort gelten Fristen. Ein neuer Kredit zur Ablösung mehrerer Forderungen kann die Lage zusätzlich verschlechtern und sollte nicht ohne unabhängige Beratung abgeschlossen werden.
Eltern möchten ihr Kind verständlicherweise sofort retten. Werden sämtliche Forderungen kommentarlos bezahlt, bleibt die Ursache jedoch möglicherweise bestehen. Besser ist es, gemeinsam mit einer anerkannten Schuldenberatungsstelle einen tragfähigen Plan zu entwickeln.
Über Schuldenberatung Schweiz lassen sich regionale, gemeinnützige Fachstellen finden. Die kostenlose SOS-Schulden-Hotline der Caritas ist unter 0800 708 708 erreichbar. Frühe Beratung erhöht die Chance, zusätzliche Gebühren, Betreibungen und weitere Schulden zu vermeiden.
Video-Tipp: Wenn junge Menschen den Überblick verlieren
Die ZDF-Reportage begleitet junge Erwachsene mit Schulden und zeigt, wie Konsum, Ratenkäufe und fehlende Übersicht zu finanziellen Problemen führen können. Die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen beziehen sich teilweise auf Deutschland. Die geschilderten Mechanismen sind jedoch auch für die Prävention in der Schweiz aufschlussreich.
Fazit
Ein sicherer Umgang mit Geld entsteht schrittweise. Kinder lernen zunächst, dass Wünsche und Mittel begrenzt sind. Sackgeld schafft einen geschützten Übungsraum. Der Jugendlohn erweitert die Verantwortung. Beim ersten eigenen Einkommen werden ein realistisches Budget, Rücklagen und der Überblick über Verträge entscheidend.
Fehler gehören zu diesem Lernprozess. Sie sollten früh, offen und ohne Beschämung besprochen werden. Wer Rechnungen rechtzeitig öffnet, digitale Ausgaben kontrolliert und bei Schwierigkeiten schnell Hilfe sucht, kann verhindern, dass aus einem vorübergehenden Engpass eine dauerhafte Überschuldung wird.
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