Neues Lernkonzept – ETH-Professor Dennis Kochmann für KITE-Award 2026 nominiert

In der Dynamik-Vorlesung von Dennis Kochmann beschäftigen sich über 700 Studierende kontinuierlich mit dem Lernstoff. Das Ergebnis: eine hohe Beteiligung, weniger Prüfungsstress und nachhaltigeres Lernen. Nun ist der ETH-Professor für den KITE-Award 2026 nominiert.

Mehr als 700 Maschinenbau- und Bauingenieurstudierende haben sich im dritten Semester in der Dynamik-Vorlesung eingeschrieben. Dynamik ist die Lehre von Kräften und Bewegungen – vom rotierenden Rad bis zur Rakete. Für Dennis Kochmann ist das mehr als ein Fach: „Wenn man Dynamik einmal verstanden hat, sieht man sie plötzlich überall im Alltag“, sagt der Professor am Departement für Maschinenbau und Verfahrenstechnik der ETH Zürich.

Diese Vorlesung bricht mit dem klassischen Muster: Die Studierenden lassen sich nicht etwa ein Semester lang „berieseln“, um dann kurz vor der Prüfung in den Lernstress zu geraten. Im Gegenteil. Viele lernen kontinuierlich, machen Übungen und gehen entsprechend besser vorbereitet in die Prüfung. „Ein Student hat es auf den Punkt gebracht“, sagt Kochmann. „Er bemerkte vor der Prüfung, dass er gar nicht mehr alles neu lernen musste.“ Das Lernen passiert in dieser Vorlesung während des Semesters und nicht erst danach. Doch wie gelingt es, über 700 Studierende dazu zu motivieren?

Vom Hörsaal in die Lernroutine

Gerade in grossen Klassen ist das Risiko hoch, dass ein Teil der Studierenden im Laufe des Semesters den Anschluss verliert. Viele merken erst kurz vor der Prüfung, was ihnen noch fehlt und versuchen dann, den Stoff in wenigen Wochen nachzuholen. Nachhaltig ist das selten und ein Grossteil des Wissens geht rasch wieder verloren. Zudem setzt Frustration ein und die Motivation sinkt, wenn man mitten im Semester Schlüsselkonzepte verpasst und abgehängt wird.

Kochmann und sein Team setzen deshalb auf ein anderes Prinzip: kontinuierliches Lernen. Dafür haben sie ein Lehrkonzept entwickelt, das auch in sehr grossen Vorlesungen funktioniert. Es kombiniert wöchentliche Online-Aufgaben mit interaktiven und computergestützten Übungen in Kleingruppen. So beschäftigen sich die Studierenden über das ganze Semester hinweg regelmässig mit den Inhalten der Vorlesung und erhalten kontinuierlich Feedback.

„Wenn ich es schaffe, dass sich die Studierenden ein bis zwei Stunden pro Woche selbständig mit den Konzepten auseinandersetzen, habe ich erreicht, was ich will“, sagt Dennis Kochmann, Professor für Mechanik und Materialforschung.

Punkte, die motivieren

Ein zusätzlicher Anreiz hilft dabei: Wer die wöchentlichen Online-Aufgaben bearbeitet, sammelt Punkte. Diese bringen einen kleinen Bonus auf die Endnote. „Dieser geringe Anreiz reicht bereits aus, um mehr als 98 Prozent der Studierenden in meiner Vorlesung zu bewegen, bis zum Ende dranzubleiben und weit mehr Aufgaben zu bearbeiten als nötig“, sagt Kochmann. Dass man auch einmal Fehler machen darf und mehrere Lösungsmöglichkeiten hat, erwies sich zudem als förderlich, um die Motivation und Partizipation zu erhöhen.

Während die Studierenden die Online-Aufgaben meist allein lösen, sind sie in den dazu vorbereitenden Übungen in Gruppen von 20 bis 30 Personen eingeteilt, betreut von je einer Hilfsassistentin oder einem Hilfsassistenten. „In diesem persönlicheren Lernraum können die Studierenden selber rechnen, ausprobieren und diskutieren“, sagt Kochmann. „Die Hilfsassistierenden unterstützen und moderieren.“

Als weitere Besonderheit gibt es für jede Übungseinheit ein Jupyter-Notebook (ein interaktiver Code). Dies fördert nicht nur die Interaktion unter anderem durch Umfragen, sondern enthält auch Animationen, mit Hilfe derer die Studierenden die Konzepte der Dynamik besser veranschaulichen und erleben können.





Ein einfaches Konzept überzeugt

Das Prinzip dahinter sei eigentlich erstaunlich einfach, sagt Kochmann, und genau deshalb habe ihn die Nominierung für den KITE-Award überrascht. Sein Ansatz ist bewusst minimalistisch. „Wenn ich es schaffe, dass sich die Studierenden ein bis zwei Stunden pro Woche selbständig mit den Konzepten auseinandersetzen, habe ich erreicht, was ich will.“ Da dies ohne händisches Korrigieren und grossen personellen Aufwand umsetzbar ist, ist der Ansatz auch in grossen Vorlesungen ideal einsetzbar. Heute sind solche Konzepte vermehrt im Einsatz, aber als Kochmann und sein Team am Ende der Corona-Pandemie damit begannen, betraten sie Neuland.

Vielleicht liegt gerade in dieser Einfachheit das Erfolgsgeheimnis. Die hohe Akzeptanz des Lehrkonzepts sorgt tendenziell für bessere studentische Leistungen und zeigt sich auch daran, dass sich manche Studierende zum Beispiel freiwillig zu wöchentlichen „Dynamics Partys“ treffen, um die Aufgaben gemeinsam anzugehen.

Lehre ist für Kochmann mehr als Pflicht. Auch als Departementsvorsteher unterrichtet er weiterhin über tausend Studierende pro Jahr. „Ich lerne selbst unglaublich viel durch die Lehre“, sagt er. „Nicht nur fachlich, sondern auch darüber, wie Studierende denken und lernen.“

Über die Jahre hat er zahlreiche Formate erprobt: vom Flipped Classroom (also Input zuhause, Anwendung im Unterricht) über Peer Instruction (Studierende erklären sich Konzepte gegenseitig) bis hin zu Videoformaten mit dem Lightboard, einer durchsichtigen Schreibtafel für Lehrvideos, bei der Dozierende beim Erklären in die Kamera schauen und gleichzeitig schreiben. Aktuell testen Kochmann und sein Team unter anderem einen virtuellen Hilfsassistenten in Form eines Chatbots, der auch beim Korrigieren hilft. „Es ist spannend zu sehen, was funktioniert und was nicht.“

„Gute Lehre bedeutet, dass Studierende etwas mitnehmen, das sie ein Leben lang behalten können“, sagt Dennis Kochmann.

Was bleibt, was sich verändert

Für Kochmann ist gute Lehre vor allem eines: nachhaltig. Studierende sollen etwas mitnehmen, das über die Prüfung hinaus Bestand hat. Ein tiefes Verständnis der Konzepte ist ihm wichtiger als kurzfristiges Faktenwissen. Fakten liefert auch die KI. Ein tiefes Verständnis und Problemlösungsfähigkeiten sollte man im Studium erhalten.

Mit Blick nach vorne sagt er: „Die Zukunft der Lehre wird individueller.“ Studierende lernen unterschiedlich, sei es zeitlich, räumlich oder methodisch. Künftig sollten Lehrformate noch stärker darauf eingehen.

Auch digitale Tools verändern das Lernen grundlegend. Videos, Online-Erklärungen und KI sind jederzeit verfügbar. Die klassische Vorlesung verliert dadurch in ihrer bisherigen Form eventuell an Bedeutung. Gleichzeitig betont Kochmann: Persönliche Interaktion bleibt zentral. Die gemeinsame Zeit im Hörsaal will er beibehalten und dabei künftig noch stärker für Vertiefung, Austausch und Interaktion nutzen.

Für ihn liegt die Zukunft der Lehre deshalb in der Balance zwischen digitalen Möglichkeiten und menschlicher Interaktion, zwischen Flexibilität und fachlicher Tiefe. Oder, wie Kochmann es formuliert: Gute Lehre muss sich verändern, ohne ihren Kern zu verlieren.

Innovation in Learning and Teaching Fair 2026

Die Preisverleihung des KITE-Awards findet im Rahmen der Innovation in Learning and Teaching Fair am 6. Mai 2026 statt. Bei dem Anlass tauschen sich ETH-Dozierende bei einer grossen Ausstellung in der Haupthalle im ETH-Hauptgebäude in Zürich über innovative Lehrprojekte und -ideen aus.

Der KITE-Award zeichnet Lehrprojekte aus, die zugleich innovativ, wirksam und nachhaltig sind, also die Kompetenzen nachhaltig festigen. Sie sollen sich aber auch potenziell auf andere Fächer und Gebiete übertragen lassen. Der KITE-Award 2026 fokussierte auf Lehrformate, die Studierende besonders aktiviert und ihr Engagement im Unterricht fördert.

 

Quelle: ETH Zürich
Bildquelle: ETH Zürich

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