Die Aktienmärkte sind auf der Suche nach positiven Argumenten

Aktienmärkte bewerten nicht nur die gegenwärtige Wirtschaftslage, sondern vor allem die erwartete Entwicklung von Unternehmensgewinnen, Zinsen und Risiken. In einem widersprüchlichen Umfeld reichen einzelne erfreuliche Zahlen deshalb selten für einen dauerhaften Aufwärtstrend. Gesucht werden Argumente, die sich gegenseitig stützen.

Im Herbst 2026 trifft eine weiterhin wachsende Weltwirtschaft auf hohe Energiepreise, geopolitische Unsicherheit und anspruchsvolle Bewertungen in Teilen des Technologiesektors. Die Ausgangslage ist weder eindeutig positiv noch grundsätzlich negativ. Entscheidend ist, ob Inflation, Geldpolitik und Unternehmensgewinne gleichzeitig genügend Stabilität erkennen lassen.

Warum gute Nachrichten allein nicht genügen

Eine sinkende Inflationsrate, ein überraschend guter Quartalsabschluss oder ein freundlicher Konjunkturindikator können kurzfristig für steigende Kurse sorgen. Nachhaltiger wird eine Bewegung jedoch erst, wenn mehrere Signale zusammenpassen. Eine nachlassende Inflation hilft wenig, falls sie hauptsächlich auf eine einbrechende Nachfrage zurückgeht und damit die Gewinne der Unternehmen belastet.

Umgekehrt kann ein solides Wirtschaftswachstum die Märkte verunsichern, wenn es neue Inflationssorgen auslöst. Anleger müssen dann mit länger hohen oder sogar steigenden Zinsen rechnen. Die gleiche Konjunkturzahl kann deshalb zuerst positiv und wenige Stunden später negativ interpretiert werden.

Der entscheidende Unterschied liegt zwischen einer guten Zahl und einem tragfähigen Argument. Ein solches Argument verändert die erwarteten Gewinne, Finanzierungskosten oder Risikoprämien über mehr als einen einzelnen Handelstag hinweg.



Die Inflation bleibt ein zentraler Kurstreiber

Für Aktien wäre ein kontrollierter Rückgang des Preisauftriebs grundsätzlich günstig. Er würde den Zentralbanken mehr Spielraum geben und könnte die Finanzierungskosten von Unternehmen entlasten. Dabei zählt nicht allein die Gesamtinflation. Energie- und Lebensmittelpreise schwanken stark und können das kurzfristige Bild verzerren.

Wichtiger ist, ob auch der zugrunde liegende Preisdruck nachlässt. Dazu gehören Löhne, Dienstleistungen und Preise in Bereichen, in denen Veränderungen häufig länger anhalten. Bleibt diese Kernentwicklung hartnäckig, können Zentralbanken trotz schwächerer Gesamtinflation vorsichtig bleiben.

Die Schweizerische Nationalbank beliess ihren Leitzins im September 2026 bei 0 Prozent. Sie erwartet für die Schweiz weiterhin eine Inflation innerhalb des Bereichs, den sie mit Preisstabilität gleichsetzt. Gleichzeitig verweist sie auf Energiepreise, die Weltwirtschaft, den Handel und den Wechselkurs als bedeutende Unsicherheitsfaktoren.


Schon kleine Veränderungen der langfristigen Renditeerwartungen können bei hoch bewerteten Aktien deutliche Kursbewegungen auslösen.

Die Zinsfrage reicht weit über den Leitzins hinaus

Für die Bewertung von Aktien sind nicht nur die offiziellen Leitzinsen wichtig. Unternehmen finanzieren sich über Bankkredite und Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten. Steigen deren Renditen, werden neue Investitionen teurer und künftige Gewinne in heutigen Geldwerten niedriger bewertet.

Besonders empfindlich reagieren Unternehmen, deren erwartete Gewinne weit in der Zukunft liegen. Dies betrifft häufig Wachstums- und Technologiewerte. Etablierte Unternehmen mit stetigem Cashflow, geringer Verschuldung und belastbarer Preissetzungsmacht können ein höheres Zinsniveau meist besser verkraften.

Ein positives Argument für den Gesamtmarkt entstünde, wenn die langfristigen Zinsen stabil blieben, ohne dass gleichzeitig eine schwere Konjunkturabkühlung erwartet würde. Ein solches Umfeld würde auf nachlassenden Preisdruck bei weiterhin tragfähiger Nachfrage hindeuten.



Unternehmensgewinne müssen die Bewertungen rechtfertigen

Aktienkurse können eine Zeit lang schneller steigen als die Gewinne. Dauerhaft benötigt eine solche Entwicklung jedoch eine wirtschaftliche Grundlage. Unternehmen müssen zeigen, dass Umsatzwachstum, Margen und Cashflow mit den Erwartungen Schritt halten.

Dabei ist nicht nur der ausgewiesene Quartalsgewinn relevant. Hinweise auf den Auftragseingang, die Nachfrage, Lagerbestände, Investitionen und Finanzierungskosten sagen häufig mehr über die kommenden Monate aus. Auch die Qualität eines Gewinns zählt: Ein Ergebnis aus dem laufenden Geschäft ist anders zu beurteilen als ein Gewinn, der durch Verkäufe, Buchungseffekte oder starke Kostensenkungen entstanden ist.

Ein freundlicher Ausblick kann die Börse stärker bewegen als ein gutes zurückliegendes Quartal. Umgekehrt verlieren überzeugende Zahlen an Wirkung, wenn das Management vor schwächerer Nachfrage oder sinkenden Margen warnt.


Hohe Erwartungen werden belastbarer, wenn aus technischer Leistungsfähigkeit nachvollziehbare wirtschaftliche Vorteile entstehen.

Künstliche Intelligenz bleibt Hoffnungsträger und Konzentrationsrisiko

Investitionen in künstliche Intelligenz, Halbleiter und Rechenzentren stützen die Nachfrage in mehreren Branchen. Sie können langfristig die Produktivität erhöhen und neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Der Internationale Währungsfonds nennt stärkere KI-Investitionen und daraus entstehende Produktivitätsgewinne als mögliche positive Faktoren für die Weltwirtschaft.

Gleichzeitig konzentrieren sich grosse Teile der Markterwartungen auf eine begrenzte Zahl von Unternehmen. Das erhöht die Abhängigkeit wichtiger Indizes von deren Ergebnissen. Werden hohe Investitionen nicht durch steigende Umsätze und Cashflows bestätigt, kann aus dem bisherigen Kurstreiber ein Belastungsfaktor werden.

Für die Märkte wäre es deshalb positiv, wenn sich das Wachstum verbreiterte. Zusätzliche Kursimpulse aus Industrie, Gesundheit, Finanzdienstleistungen, Infrastruktur oder konsumnahen Branchen würden die Abhängigkeit von wenigen Technologietiteln verringern.


Währungsbewegungen können die operative Entwicklung international tätiger Schweizer Unternehmen verstärken oder abschwächen.

Der Franken verändert die Perspektive der Schweizer Börse

Für Schweizer Unternehmen ist der Wechselkurs ein wichtiger Teil der Gewinnrechnung. Viele Konzerne erzielen einen grossen Anteil ihrer Umsätze im Ausland. Ein stärkerer Franken vermindert den Wert dieser Einnahmen bei der Umrechnung, sofern der Effekt nicht durch höhere Preise, Kosten in derselben Währung oder Absicherungsgeschäfte ausgeglichen wird.

Ein schwächerer Franken kann umgekehrt die ausgewiesenen Ergebnisse exportorientierter Unternehmen stützen. Er ist aber kein uneingeschränkt positives Signal. Importierte Energie, Rohstoffe und Vorprodukte können teurer werden und den inländischen Preisdruck erhöhen.

Der Beitrag „Der Euro und das Vertrauen“ aus dem Jahr 2024 zeigt, wie politische Unsicherheit und die Wahrnehmung staatlicher Risiken den Wechselkurs zum Franken beeinflussen können. Für die Aktienbewertung zählt daher nicht nur die Richtung einer Währung, sondern auch die Ursache ihrer Bewegung.

Geopolitik und Energiepreise begrenzen den Optimismus

Der IWF erwartet für 2026 ein globales Wachstum von 3,1 Prozent und für 2027 eine Beschleunigung auf 3,4 Prozent. Das spricht gegen die Annahme eines bereits eingetretenen weltweiten Konjunktureinbruchs. Die Entwicklung bleibt jedoch ungleich verteilt und gegenüber neuen Schocks empfindlich.

Steigende Energiepreise wirken gleichzeitig auf Inflation, Kaufkraft und Unternehmensmargen. Energieintensive Betriebe werden direkt belastet, während Konsumenten weniger Geld für andere Ausgaben zur Verfügung haben. Zentralbanken erhalten dadurch ein unangenehmes Signal: höherer Preisdruck bei möglicherweise schwächerem Wachstum.

Auch neue Handelsbeschränkungen können Lieferketten verteuern und geplante Investitionen verzögern. Positive Marktargumente werden deshalb überzeugender, wenn geopolitische Spannungen nicht weiter eskalieren und Unternehmen ihre Lieferfähigkeit ohne stark steigende Kosten sichern können.


Eine breite Risikoverteilung ersetzt keine Prüfung der Anlagen, kann aber sektorale, regionale und unternehmensbezogene Rückschläge abfedern.

Positive Argumente entstehen selten gleichzeitig

Die Börse wartet nicht, bis sämtliche Unsicherheiten verschwunden sind. Kurse beginnen häufig bereits dann zu steigen, wenn sich die Geschwindigkeit einer Verschlechterung verlangsamt. Umgekehrt können sie trotz guter Wirtschaftsdaten fallen, wenn die Erwartungen zuvor noch optimistischer waren.

Deshalb ist zwischen Datenlage und Marktreaktion zu unterscheiden. Eine negative Nachricht kann steigende Kurse auslösen, wenn ein deutlich schlechteres Ergebnis erwartet worden war. Eine positive Meldung kann wirkungslos bleiben, wenn sie bereits vollständig in den Kursen enthalten ist.

Hilfreich ist die Beobachtung mehrerer Ebenen: Entwickeln sich Inflation und Zinsen in eine verträgliche Richtung? Bleiben Auftragseingänge und Gewinnmargen stabil? Verbreitert sich die Marktbewegung über mehr Unternehmen und Branchen? Entspannen sich Kreditaufschläge und Währungsrisiken? Erst die Kombination liefert ein belastbareres Gesamtbild.

Nüchterne Einordnung statt Suche nach dem Wendepunkt

Stimmungswechsel gehören zu den Aktienmärkten. Der Beitrag „Die Angst vor Unbekanntem bewegt die Märkte“ aus dem Jahr 2022 verdeutlicht, weshalb unbekannte Risiken zunächst besonders starke Reaktionen auslösen können. Sobald ihre wirtschaftlichen Folgen besser abschätzbar werden, verändert sich häufig auch die Bewertung.

Im aktuellen Umfeld bestehen durchaus positive Argumente: Die Weltwirtschaft wächst weiter, die Schweizer Geldpolitik bleibt unterstützend und Investitionen in Technologie sowie Infrastruktur schaffen Nachfrage. Dem stehen hohe Bewertungen, Energiepreisrisiken, Handelskonflikte und eine starke Konzentration in einzelnen Marktsegmenten gegenüber.

Eine stabile Aufwärtsbewegung benötigt daher mehr als Hoffnung auf die nächste Zinssenkung. Überzeugender wäre eine Verbindung aus moderatem Wachstum, nachlassendem Preisdruck, tragfähigen Unternehmensgewinnen und einer breiter abgestützten Kursentwicklung. Solange diese Signale nur teilweise zusammenfinden, dürfte die Suche nach positiven Argumenten mit erhöhten Schwankungen verbunden bleiben. Allgemeine Marktbeobachtungen ersetzen dabei keine auf Ziele, Zeithorizont und Verlusttragfähigkeit abgestimmte Anlageberatung.

 

Bildquellen: Titelbild: Shutterstock/Daenin; Bild 1: Shutterstock/umaruchan4678; Bild 2: Shutterstock/MUNGKHOOD STUDIO; Bild 3: Shutterstock/Vlad Ispas; Bild 4: Shutterstock/Jack_the_sparow

Publireportagen

Empfehlungen