Die Woche der Zinswahrheit

Schlag auf Schlag folgen sich am Mittwoch und am Donnerstag die geldpolitischen Entscheide der Fed, der SNB, der Bank of England und zum Abschluss der EZB. Von allen wird ein weiterer Zinsschritt nach oben erwartet. Da hört die Einigkeit aber auch schon auf. Bei der Frage, wie stark die Zinsen noch angehoben und welche Signale für die Zukunft ausgesandt werden, gehen die Einschätzungen weit auseinander. Von deutlich höheren Zinsen bis hin zu vor der Tür stehenden Zinssenkungen ist alles vertreten.

Die Ausgangslage der verschiedenen Zentralbanken ist unterschiedlich. Die Fed hat in diesem Jahr den Leitzins in mehreren im historischen Vergleich grossen Schritten von jeweils 0.75% bereits um 4% erhöht. Im letzten Zinserhöhungszyklus hatte sie für eine Erhöhung von 2.25% drei Jahre gebraucht. Die Zinsen in den USA befinden sich nun über dem konjunkturneutralen Wert und wirken damit bremsend auf die Wirtschaft. Eine Abnahme des Tempos und ein absehbarer Stopp zusätzlicher Erhöhungen im nächsten Frühjahr macht daher Sinn.

Inflation noch nicht besiegt

Die Bank of England und die EZB sind beide mit zweistelligen Inflationsraten in ihren Währungsräumen konfrontiert. Gleichzeitig leiden ihre Volkswirtschaften stark unter den gestiegenen Gas- und Strompreisen. Dennoch werden sie signalisieren müssen, dass sie noch restriktiver werden, um den hohen Inflationsdruck und die drohende Lohn-/Preisspirale zu bändigen. Die SNB befindet sich trotz der Zinserhöhung von 0.75% im September immer noch im expansiven Zinsbereich. Der aktuelle Zinssatz von 0.50% beeindruckt niemanden. Da die Inflation in der Schweiz mit 3.0% vergleichsweise tief ist, steht die SNB weniger unter Druck. Aber auch sie muss verhindern, dass sich die Inflation im Verhalten der Konsumenten und Unternehmen verfestigt, wenn sie die Preisstabilität in den nächsten Jahren sicherstellen will. Weitere Zinserhöhungen sind daher notwendig.

Die Inflation ist alles andere als besiegt. Dass die Inflationsraten wieder etwas sinken, hat vor allem mit dem tieferen Ölpreis zu tun. Zudem beginnt der Basiseffekt zu wirken. Der Preisschub bei vielen Produkten von Ende 2021 und Anfang 2022 fällt langsam aus der Inflationsrechnung heraus. Die Kernrate der Inflation ohne die stark schwankenden Energie- und Nahrungsmittelpreise verharrt dagegen überall auf einem zu hohen Niveau. Diese widerspiegelt den grundlegenden Inflationsdruck in der Wirtschaft und wird zu einem grossen Teil durch die steigenden Personalkosten getrieben. Dies kann und wird den Zentralbanken nicht gefallen.

Nicht die letzten Zinserhöhungen

Bleibt die Frage, ob die bisherigen Zinserhöhungen nicht schon zu viel waren und die Konjunktur sich zu stark abschwächt. Die vorausschauenden Wirtschaftsindikatoren zeigen eine zu erwartende deutliche Konjunkturbaisse über den Winter an, aber keinen massiven Einbruch der Wirtschaft. Ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit ist bisher ebenfalls nicht festzustellen. Der Druck auf den Löhnen bleibt somit erhalten. Einen Grund für rasche Zinssenkungen im nächsten Jahr, wie es an den Kapitalmärkten erwartet wird, gibt es für die Zentralbanken nicht.

Die Zinserhöhungen in dieser Woche werden nicht die letzten sein. Im ersten Halbjahr des nächsten Jahres werden weitere folgen, bevor das Top von knapp über 5% bei der Fed und von 2% bei der SNB erreicht wird. Danach macht es Sinn, die Zinsen über eine längere Zeit konstant zu halten. Bis die höheren Zinsen ihre Wirkung in der Wirtschaft entfaltet haben, dauert es seine Zeit. Eine fundierte Beurteilung, welchen Effekt sie auf die Inflation und die Konjunktur haben, wird somit erst im Sommer und Herbst möglich sein.

 

Artikelbild: Symbolbild © A_stockphoto – shutterstock.com

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Mehr zu Dr. Thomas Stucki

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Herr Stucki hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Er führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 30 Mitarbeitenden. Er ist verantwortlich für die Verwaltung von Kundenmandaten und Anlagefonds im Umfang von CHF 4,4 Milliarden. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.

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