Das Wort "Rezession" wird überschätzt

Am Dienstag werden die Daten zum Wirtschaftswachstum in der Schweiz für das dritte Quartal veröffentlicht. Die Konsensschätzung gemäss Bloomberg erwartet eine reale Zunahme des BIP von 0.3%. Im Jahresvergleich bedeutet das ein Rückgang des Wachstums von 2.8% im zweiten Quartal auf 1.0%. Der Aufholeffekt nach der Coronapandemie ist endgültig vorbei und die Realität des Winters kommt näher. Die Warnungen vor einer Rezession werden zunehmen.

Die Unternehmen beurteilen ihre aktuelle Geschäftslage mehrheitlich immer noch als gut. Die Produktion ist ausgelastet und die Nachfrage nach den Produkten und Dienstleistungen hoch. Es gelingt vielen von ihnen auch, die höheren Kosten über Preissteigerungen weiterzugeben. Wenn es um die Einschätzung der Zukunft geht, sieht es jedoch anders aus. Das Einholen neuer Aufträge ist schwieriger geworden. Die Stimmung ist nicht nur bei den Konsumenten, sondern auch bei den Firmen deshalb auf einen tiefen Stand gesunken.

Rückgang des Wirtschaftswachstums

Die konjunkturelle Abschwächung hat bereits eingesetzt, insbesondere in den USA und Grossbritannien, aber auch im umliegenden Ausland. Wenn die deutsche Industrie lahmt, bekommen das auch die Zulieferer in der Schweiz zu spüren. Die Geldpolitik der SNB wird sich mit der Zeit ebenfalls bremsend auf die Konjunktur auswirken. Beim aktuellen Stand des Leitzinses von 0.5% ist dies noch nicht der Fall. Aber bereits die Erwartung, dass die Zinsen noch weiter steigen werden, hat einen Einfluss, beispielsweise auf die Bautätigkeit. Diese negativen Faktoren werden in den nächsten Quartalen das BIP-Wachstum auch in der Schweiz spürbar belasten, insbesondere über den Winter und im nächsten Frühjahr.

Dabei ist gut möglich, dass das reale BIP im ersten und im zweiten Quartal 2023 leicht schrumpfen wird. Per Definition wäre die Schweizer Wirtschaft dann in einer Rezession. Ich erwarte aber höchstens einen Einbruch von jeweils 0.1% oder 0.2% pro Quartal. Das wird von den meisten Leuten nicht als Rezession empfunden. Ein solch kleines Minuswachstum liegt im Bereich der statistischen Ungenauigkeit und könnte sich in einer späteren Revision sogar als kleines Wachstum entpuppen. Vor allem ist es kein Vergleich mit den Einbrüchen des BIP von mehr als 8% im ersten Corona-Halbjahr oder von 5% nach der Finanzkrise 2008.

Erholung im zweiten Semester 2023

Wichtiger ist, was danach im zweiten Halbjahr geschieht. Da auch bei einer leichten Rezession die Arbeitslosigkeit nicht stark steigen wird, werden die Leute ihr Einkommen nicht verlieren. Ein Anstieg der Löhne und ein langsames Abnehmen des Inflationsdrucks werden sich positiv auf die Stimmung der Konsumenten auswirken, weshalb der private Konsum stabilisierend wirkt. Die Zentralbanken werden bis im nächsten Sommer mit den Zinserhöhungen durch sein, was die Angst vor höheren Zinsen dämpft. Die Unternehmen werden in Erwartung einer wieder steigenden Nachfrage mehr investieren. Aufgrund all dieser Faktoren erwarte ich im Gleichschritt zu den meisten anderen Industrieländern eine konjunkturelle Erholung im zweiten Halbjahr 2023. Für das Gesamtjahr wird in der Schweiz dadurch ein positives Wachstum von 0.8% resultieren. Das ist zwar weniger als im historischen Trend, aber verkraftbar.

 

Artikelbild: Symbolbild © Pixels Hunter – shutterstock.com

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Mehr zu Dr. Thomas Stucki

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Herr Stucki hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Er führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 30 Mitarbeitenden. Er ist verantwortlich für die Verwaltung von Kundenmandaten und Anlagefonds im Umfang von CHF 4,4 Milliarden. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.

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