Zinserhöhungen: Nicht das „wann“ ist entscheidend, sondern das „wie“

01.11.2021 |  Von  |  Finanzen, News

Fed-Präsident Jerome Powell wird am Mittwoch den Start für das sogenannte „Tapering“ bekanntgeben. Damit ist die sukzessive Reduktion der monatlichen Käufe von US-Treasuries und US-Hypothekenanleihen gemeint. Mitte 2022 wird das Kaufprogramm beendet sein und niemand wird es vermissen.

Die Finanzmärkte werden sich spätestens dann der Frage zuwenden, wann die Fed beginnen wird, ihren Leitzins zu erhöhen. Aktuell liegt dieser bei 0.00%-0.25%. Die Fed-Watcher und die Finanzkommentatoren werden rätseln, ob die erste Zinserhöhung noch 2022 erfolgen wird oder doch erst 2023.

Die Hektischeren werden lautstark das Ende des billigen Geldes ausrufen und die Anlegerinnen und Anleger nervös machen. Ob der Start der Zinserhöhungen zwei oder drei Monate früher oder später erfolgt, ist nicht entscheidend. Viel wichtiger wird die Schnelligkeit und das Ausmass der darauffolgenden Zinsschritte nach oben sein.

Der beste Anhaltspunkt, wie dieser Pfad aussehen wird, gibt die Fed mit ihren quartalsweisen Einschätzungen der Mitglieder des Entscheidungsgremiums FOMC betreffend der Veränderung der Leitzinsen über die nächsten Jahre und im langfristigen Durchschnitt. Naturgemäss gehen innerhalb der Fed bei dieser Frage die Meinungen weit auseinander. Während ein Mitglied des FOMC den Zins Ende 2023 immer noch bei 0% sieht, sehen andere ihn bei 1.50%. Zuverlässiger für die Einschätzung der Fed-Meinung ist daher der Median der Rückmeldungen. Dieser sieht eine Zinserhöhung von 0.25% im nächsten Jahr und zwei weitere Zinsanpassungen 2023 vor.

Wenig Einfluss der höheren Inflation

Ende 2024 liegt der Zins in den USA bei 1.625%. Damit wäre erst die Zinssenkung der Fed nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 kompensiert. Das Niveau von 2019, als der Leitzins am Ende des letzten Zinserhöhungszyklus bei 2.375% lag, wäre noch in weiter Ferne. Interessant ist, dass die FOMC-Mitglieder trotz der stark gestiegenen Inflationsraten ihre langfristigen Zinserwartungen nicht angehoben haben. Sie gehen weiterhin davon aus, dass über den Zyklus hinweg der durchschnittliche Leitzins bei 2.50% liegen wird.

Die Fed ist trotz den hohen Inflationsraten, den steigenden Energiepreisen und den verbreiteten Produktions- und Transportproblemen, welche den Preisdruck zusätzlich erhöhen, nicht allzu stark beunruhigt. Sie sieht eine Anpassung der Geldpolitik hin zu restriktiveren Bedingungen im ähnlichen Rahmen wie zwischen 2016 und 2019. Damit wird die Wirtschaft in den USA und werden die Finanzmärkte umgehen können.

Anhaltende Konjunkturerholung

Die Erholung der Konjunktur wird sich über die nächsten Jahre fortsetzen. Das wird den Unternehmen ermöglichen, solide Gewinnsteigerungen zu präsentieren, was wiederum den Aktienmärkten eine gute Basis und eine Stütze gegen unten bieten wird. Die Finanzierungskosten der Unternehmen werden parallel zu den Zinsen am Kapitalmarkt steigen. Die Rendite der 10-jährigen US-Treasury Note wird den Höchststand von 2019, als sie 3.25% erreichte, aber nicht massiv übersteigen. Damit werden die gesunden Firmen, und das sind die meisten, keine Probleme bekommen.

Gefährlich wird es erst, wenn die Fed wie in den 1970er- und 1980er-Jahren ihren Leitzins innert kurzer Zeit um mehrere Prozentpunkte anhebt. Das würde die Konjunktur abwürgen und die Aktienmärkte arg belasten. Davon gehe ich nicht aus, da die Inflationsrate im nächsten Jahr zwar höher als vor Corona bleibt, aber gegenüber heute wieder sinken wird. Zudem hat die Fed aus ihren Fehlern während der letzten Zeit mit hohen Inflationsraten gelernt.

 

Titelbild: Maxx-Studio – shutterstock.com

About Dr. Thomas Stucki

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Herr Stucki hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Er führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 30 Mitarbeitenden. Er ist verantwortlich für die Verwaltung von Kunden-mandaten und Anlagefonds im Umfang von CHF 4,4 Milliarden. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.


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