Die Schweizer Wirtschaft beweist ihre Flexibilität

07.12.2020 |  Von  |  News

Der Lockdown im März und April war ein einschneidendes Erlebnis. Die Bilder der leeren Innenstädte nach dem Schliessen der Schulen und Geschäfte werden in Erinnerung bleiben. Der wirtschaftliche Einbruch im ersten Halbjahr von knapp 9% des BIP fiel entsprechend dramatisch aus.

Ebenso eindrücklich ist der wirtschaftliche Rebound nach den Lockerungen der Corona-Massnahmen.

Die Wirtschaftsleistung in der Schweiz legte im dritten Quartal um 7.2% zu. Im Vergleich zum Vorjahr war das BIP Ende September nur noch 1.6% im Minus. Das ist nicht mehr als in normalen zyklischen Rezessionen. Die Schweiz steht im Vergleich mit anderen Industrieländern gut da. In Deutschland ist das BIP nach dem dritten Quartal 4% tiefer als im Vorjahr, in der gesamten Eurozone 4.4%, in den USA 2.9% und in Grossbritannien gar 9.6%. Die neuen Massnahmen als Folge der zweiten Corona-Welle werden die Wirtschaft zwar erneut belasten. Der Schaden wird aber deutlich kleiner sein als im Frühling.

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Einen wichtigen Beitrag dazu leisteten die raschen Hilfsmassnahmen des Bundes, die über bestehende Strukturen wie die Kurzarbeitsentschädigung und das Bankensystem rasch umgesetzt werden konnten. Damit gelang es, die wirtschaftliche Struktur und die Kaufkraft der Konsumenten über den Lockdown zu retten.

Dass davon nicht alle im gleichen Ausmass profitierten und es teilweise zu unlauteren Bezügen der Gelder kam, war bei einer so grossen Aktion unvermeidlich. Insgesamt wurde das Ziel aber erreicht. Genauso wichtig waren der Wille und die Kreativität, sich an die neue Lage anzupassen. Das zeigte sich im Kleinen an den Restaurants, die an ihrer Tür Essen als Take Away verkauften oder an den Bäckereien, die einen Lieferservice für ihr Brot aufbauten. Aber auch die grösseren Unternehmen passten sich an. In kurzer Zeit wurden die technischen Voraussetzungen geschaffen, damit die Angestellten im Home Office arbeiten und den Betrieb aufrecht erhalten konnten.

Strukturelle Veränderungen bleiben

Die Corona-Pandemie ist noch nicht ausgestanden, weder medizinisch noch wirtschaftlich. Sie wird strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft hinterlassen. Bis der internationale Tourismus wieder das alte Niveau erreicht, wird es lange dauern. Ob die Geschäftsreisetätigkeit im alten Stil fortgesetzt wird, ist mehr als fraglich. Viele Leute haben sich an die Bequemlichkeit des Online-Shoppings gewöhnt und werden nicht mehr darauf verzichten wollen. Home Office wird zumindest teilweise als Arbeitskultur erhalten bleiben und den Bedarf an Büroräumlichkeiten und den mit ihnen verbundenen Unterhalts-Services reduzieren.

Das wird zu Betriebsaufgaben und zu einem Abbau von Arbeitsplätzen führen. Betroffen davon wird in erster Linie das Gewerbe und das Segment der KMUs sein. Die grossen, international ausgerichteten Firmen dürften weniger stark tan- giert sein. Sie werden aber die Corona-Rezession nutzen, um ihre Strukturen an Veränderungen in ihrem Umfeld, die unabhängig von Corona erfolgen, anzupassen. Das alles wird dazu führen, dass die Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr ansteigen wird.

Schweizer Anpassungsfähigkeit

Die Schweizer Wirtschaft hat in der Vergangenheit schon oft bewiesen, dass sie sich an strukturelle Veränderungen rasch anpassen kann, beispielsweise nach der Finanzkrise 2008 oder nach der Aufhebung des Euromindestkurses 2015. Diese Flexibilität wird auch in den nächsten Jahren gefragt sein. Die Erfahrungen in diesem Sommer haben gezeigt, dass die Wirtschaft sich dieser Aufgabe stellt. Die Chancen stehen deshalb gut, dass die Schweiz die Corona-Krise insgesamt gut überstehen wird und die Gelegenheit nutzt, damit ihre Strukturen den neuen Anforderungen und den neuen Bedürfnissen entsprechen.

 

Titelbild: Tatoh – shutterstock.com

About Dr. Thomas Stucki

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Herr Stucki hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Er führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 30 Mitarbeitenden. Er ist verantwortlich für die Verwaltung von Kunden-mandaten und Anlagefonds im Umfang von CHF 4,4 Milliarden. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.


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