Inflation: Von der Bildfläche verschwunden – nicht an Relevanz eingebüsst

01.09.2020 |  Von  |  Finanzen, News

US-Notenbankpräsident Jerome Powell sprach wegen der Corona-Pandemie virtuell zu Notenbankern und Interessierten aus aller Welt, die sich sonst Jahr für Jahr in Jackson Hole treffen. Dabei sagte er, dass die Fed in Sachen Inflation eine neue Strategie verfolgen werde.

Seine etwas kryptisch anmutenden Aussagen sind insbesondere im aktuellen Umfeld von ultra-expansiver Geldpolitik und sinkender Inflation höchst interessant.

Bisher galt das Inflationsziel von 2% als sakrosankt. Neu ist die Fed bereit, einen Anstieg über diese 2% zu tolerieren solange die durchschnittliche Inflationsrate bei 2% liege. Das heisst, dass selbst bei steigender Inflation die Fed die Zinsen weiter tief halten wird, sofern dem Anstieg eine Phase tiefer Inflation vorausgegangen ist. Neu wolle sich die Fed auch an der gegenwärtigen Inflation orientieren. Bisher hat sich die Fed vor allem an den Inflationserwartungen orientiert.

Mit der angepassten Inflationsstrategie vergrössert die Fed ihren Handlungsspielraum. Sie hat nun die Möglichkeit, die Geldpolitik auch in Phasen steigender Inflationsraten stimulierend zu gestalten. Die Konsequenz: Die Tiefzinspolitik wird noch über eine lange Zeit Bestand haben. Auch für die EZB und die SNB hat der Entscheid Folgen. Sie werden ihren Inflationsbegriff ebenfalls überdenken und wohl auch anpassen müssen. Sie geben sich so mehr Freiheit, werden ein Überschiessen der Inflation eher zulassen und können die Zinsen tief halten.

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Kommt die Inflation zurück?

Vielleicht bringt diese Anpassung mittelfristig eine höhere Inflation, aber das alleine ändert die Rahmenbedingungen nicht. Bis zur Finanzkrise 2008 stieg die Inflation an, wenn die Geldmenge ausgeweitet wurde. Seit der Finanzkrise aber hat sich die Inflation in der Realwirtschaft von der Entwicklung der Geldmenge abgekoppelt. Während die Geldmenge stark stieg, sanken die Preise in der Realwirtschaft.

Die QE-Programme der Notenbanken flossen mehrheitlich nicht in die Realwirtschaft, sondern blieben im Finanzsystem hängen. Das ist ein Grund dafür, weshalb vor allem die Aktienpreise stark stiegen. Die Preise realwirtschaftlicher Güter – ausgenommen Immobilien – stiegen wegen einer gemischten Konjunkturentwicklung aber nicht. Hinzu kommt, dass im gleichen Zeitraum kein Angebotsengpass entstanden ist. Güter gab es in den Industrieländern stets genug. Auch die Psychologie hat nicht für steigende Preise in der Realwirtschaft gesprochen. Und jetzt hat die Corona-Pandemie mit dem Lockdown einen Nachfrageschock gebracht und dies noch verstärkt. Von einem starken Nachfragedruck geht niemand aus, weshalb in der Realwirtschaft wenig Potenzial für steigende Preise vorhanden ist.

Misstrauen und Erwartungshaltung

Eine hohe Inflation zeigt sich häufig in Ländern mit einem instabilen politischen System. Ein Beispiel dafür ist Simbabwe oder auch Italien vor der Einführung des Euros. In einem solchen System hat die Politik ein Interesse an einer Entwertung des Geldes, um etwa die Staatsausgaben zu finanzieren oder um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes über eine schwache Währung zu fördern. In einem solchen Umfeld ist vor allem das fehlende Vertrauen für die steigenden Preise verantwortlich und nicht der Wirtschaftsgang.

In einem solchen Umfeld wirkt jede Geldmengenerhöhung auch in der Realwirtschaft inflationstreibend. Ein solches Szenario schliesse ich für die Fed, die EZB und die SNB aus. Es sind drei politisch unabhängige Institutionen, welche die Preisstabilität hochhalten. Wenn sie auch danach handeln, bleibt das Vertrauen in die Währung stabil und damit auch das Preisniveau. Die Inflation ist also nicht Geschichte, aber das Vertrauen und die gemischten Konjunkturaussichten halten sie in Schach.

 

Titelbild: Paul Brady Photography – shutterstock.com

Über Caroline Hilb Paraskevopoulos

Caroline Hilb Paraskevopoulos ist Leiterin Anlagestrategie und Analyse der St.Galler Kantonalbank. Sie ist verantwortlich für die globale Konjunkturanalyse sowie der Situation der Finanzmärkte. Ihre Analysen dienen als Grundlage für die Entscheide im Rahmen des Anlageprozesses. Sie ist hauptverantwortlich für die interne und externe Kommunikation der monatlichen Anlagepolitik. Sie hat an der Universität Bern Volkswirtschaft studiert.


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