Die Zinsen haben an Bedeutung verloren

17.08.2020 |  Von  |  Finanzen, News

Der eine oder andere wird beim Lesen des Titels ein Stirnrunzeln nicht verkneifen können. Die Zinsen sind doch der Preis des Geldes und damit ein zentrales Element im finanziellen Handeln. Ein Gespräch über finanzielle Transaktionen ist ohne das Thema Zins undenkbar, gerade im aktuellen Tiefzinsumfeld.

Legt man Geld an, beklagt man den fehlenden Ertrag. Nimmt man Kredite auf, freut man sich über die tiefen Zinskosten. Dennoch haben die Zinsen als zentrales Steuerungselement an Bedeutung verloren.

Am deutlichsten zeigt sich das in der Geldpolitik der Zentralbanken: Vor der Veröffentlichung der geldpolitischen Entscheide der grossen Zentralbanken gibt es keine Diskussionen und Spekulationen mehr, ob an der Zinsschraube gedreht wird und was das für Folgen für die Wirtschaft und die Finanzmärkte hat.

Im März hat die Fed das in den letzten Jahren schrittweise aufgebautes Zinspotenzial mit zwei starken Zinssenkungen innert zwei Wochen verspielt, ohne eine spürbare Wirkung zu erzielen. Seither ist sie bei Nullzinsen gefangen. Negativzinsen will sie nicht. Zinserhöhungen stehen gemäss eigenen Aussagen erst wieder zur Debatte, wenn die Arbeitslosenrate in den USA in die Region von 5% absinkt, also frühestens in fünf bis sechs Jahren.

Empfehlung

BGW Treuhand AG

Tiefenackerstrasse 49

CH-9450 Altstätten

+41 (0)71 757 50 20 (Tel.)

+41 (0)71 757 50 21 (Fax)

info@bgw-treuhand.ch (Mail)

www.rheintal-treuhand.ch (Web)

Geldspritzen statt Zinsen

Als Ersatz für die Zinsen zur Steuerung der Wirtschaft dienen der Fed die Geldspritzen, die sie in immer grösseren Beträgen an einen immer grösseren Kreis von Begünstigten verteilt. Früher profitierte nur das Treasury von Käufen von Anleihen durch die Fed. Nach der Finanzkrise kamen die staatlichen und quasistaatlichen Verbriefer von Hypotheken hinzu. Nun sind es auch private
Unternehmen, die ihre Anleihen der Fed verkaufen können. Es wird sogar darüber spekuliert, wann die Fed direkt am Aktienmarkt eingreifen wird.

Die Leitzinsen der EZB und der SNB sind schon lange im negativen Bereich. Durch zusätzliche Zinssenkungen werden keine zusätzlichen Kredite für Investitionen nachgefragt und damit die Konjunktur stimuliert. Die Zinskosten sind kein kritischer Faktor mehr beim Investitionsentscheid. Das Argument, dass mit einer Zinssenkung zumindest ein wirksames Signal an die Wirtschaft und die Finanzmärkte gegeben werden kann, hat sich spätestens seit den Erfahrungen der Fed im März auch verflüchtigt. Zinserhöhungen auf der anderen Seite sind ohne die Vorreiterrolle der Fed für die EZB und die SNB unwahrscheinlich und damit für die nächsten fünf bis sechs Jahre kein Thema. Mangels zinspolitischer Munition versucht es die EZB analog zur Fed mit Geldspritzen und dem Kauf von Anleihen verschiedenster Art und Qualität. Im Unterschied zum US-Markt hat die EZB aber das Problem, dass ihr in der Eurozone das kauffähige Material an Anleihen ausgeht.

Der Kauf von Anleihen ist für die SNB kein Thema. Was soll sie im kleinen und illiquiden Markt für Frankenanleihen auch kaufen? Vielmehr hat bei der SNB der Franken den Zins als Steuerungselement abgelöst. Statt Zinspolitik wird nun Währungspolitik betrieben.

Sorgloser Umgang der Anleger mit Risiken

Die ausserordentlichen Massnahmen der Zentralbanken sind im aktuellen Krisenumfeld richtig und für den Erhalt der wirtschaftlichen Infrastruktur über die Krise hinweg notwendig. Sie können aber kein Dauerzustand sein. Durch die Ausbreitung der Geldspritzen und Interventionen an den Finanzmärkten wird die Auswahl der Empfänger immer weniger nachvollziehbar und auch willkürlicher. Zudem setzt sich bei den Anlegern das Gefühl fest, dass die Zentralbank bei Problemen immer als Retter einspringen wird, was einen zu sorglosen Umgang mit Risiken zur Folge hat. Geld muss wieder etwas „kosten“, damit es auch in die effizientesten und erfolgsträchtigen Investitionsprojekte fliesst. Die Fed sollte deshalb mit ersten Zinserhöhungen nicht zuwarten, bis wieder Vollbeschäftigung herrscht. Die EZB und die SNB sollten dann das Signal höherer Zinsen der Fed, anders als nach der Finanzkrise, als Gelegenheit nutzen, ihrerseits ihre Leitzinsen rasch anzuheben.

 

Titelbild: eamesBot – shutterstock.com

Über Dr. Thomas Stucki

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Herr Stucki hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Er führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 30 Mitarbeitenden. Er ist verantwortlich für die Verwaltung von Kunden-mandaten und Anlagefonds im Umfang von CHF 4,4 Milliarden. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.


Ihr Kommentar zu:

Die Zinsen haben an Bedeutung verloren

Für die Kommentare gilt die Netiquette! Erwünscht sind weder diskriminierende bzw. beleidigende Kommentare noch solche, die zur Platzierung von Werbelinks dienen. Die Agentur belmedia GmbH behält sich vor, Kommentare ggf. nicht zu veröffentlichen.