Wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie: Inflation oder Deflation?

18.05.2020 |  Von  |  Finanzen, News

Unter den vielen Schreckgespenstern, die rund um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie an die Wand gemalt werden, nehmen die Deflation und die Inflation viel Raum ein. Dabei wird je nach Autor das Eine oder das Andere als unvermeidlich dargestellt.

Da sie sich gegenseitig ausschliessen, muss zumindest die eine Hälfte der Autorenschaft daneben liegen.

Die Anhänger der Deflation zitieren gerne die Folgen der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre, als die Konsumentenpreise in der Schweiz zwei Jahre in Folge um jeweils mehr als 7% gefallen sind. Die Warner vor der Inflation bemühen neben der neuerlichen Geldschwemme der Zentralbanken oft das Ende der globalen Lieferketten als Auslöser.

Für beide Seiten, sowohl Deflation als auch Inflation, gibt es gute Gründe. Kurzfristig sind die deflationären Tendenzen stärker. Der abrupte Einbruch der Konsumnachfrage durch den Corona-Lockdown sowie die massiv tieferen Rohstoffpreise drücken auf die Preise. Hinzu kommt ein stärkerer Franken, der die Preise der Importgüter zusätzlich senkt. Die Inflationsrate in der Schweiz ist im April auf -1.1% gefallen. Das ist der tiefste Wert seit 2015, als die Aufwertung des Frankens nach der Aufhebung des Euromindestkurses die Konsumentenpreise in der Schweiz purzeln liess. In den anderen Industrieländern sind die Inflationsraten ebenfalls gesunken, wenn auch nicht in den negativen Bereich. Der Druck auf die Preise wird anhalten, insbesondere wenn es im Sommer zu einer grossen Rabattschlacht kommen sollte. Von einer Deflation wie in den 30er-Jahren sind wir aber weit entfernt, sowohl was die Preissenkungen als auch was die Dauer der negativen Inflationsraten betrifft.

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Inflationsbeschleunigung 2021?

Die Argumente der Inflations-Befürworter kommen dagegen erst in ein paar Monaten oder im nächsten Jahr zum Tragen. Die Inflationsgefahr liegt nicht in erster Linie in der massiven Ausweitung der Geldmenge. Eine solche gab es schon nach der Finanzkrise 2008, ohne dass sie eine inflationäre Wirkung entfaltete. Vielmehr ist die Quelle für den Preisanstieg eine schnelle Rückkehr der Konsumnachfrage nach dem Tiefpunkt der Rezession. Dank den staatlichen Hilfen werden die Einkommen und Vermögen der Haushalte mehrheitlich über die Pandemie gerettet werden können. Das nötige Geld steht dann zur Verfügung. Die zusätzliche Nachfrage nach Produkten kann jedoch nicht befriedigt werden, da die Lieferketten noch nicht wiederhergestellt sind. Der daraus folgende Angebotsengpass lässt die Preise steigen. Verstärkt wird der Preisdruck durch die Stärkung der lokalen Produktion und der dadurch entstehenden höheren Kosten, die auf die Preise überwälzt werden. Das tönt logisch, basiert aber auf reichlich vielen Annahmen, die sich zuerst erfüllen müssen.

Wirksame Instrumente der Zentralbanken

Die Inflationsraten werden in den Industrieländern im Zuge der Erholung der Konjunktur steigen. Es ist gut möglich, dass sie stärker steigen als nach der Finanzkrise, da die staatlichen Konjunkturprogramme, die momentan in Ausarbeitung sind und noch folgen werden, erst mit der üblichen Verzögerung wirken und den Preisdruck zusätzlich erhöhen. Die Inflationsraten werden aber nicht auf Niveaus steigen, die im täglichen Leben deutlich spürbar sind. Eine Inflationsrate von 5%, die wir in der Schweiz zuletzt Anfang der 90er-Jahre hatten, wird nicht annähernd erreicht werden. Ziemlich schnell wird die internationale Konkurrenz wieder preisdämpfend wirken. Zudem haben die Zentralbanken in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass sie über das nötige Instrumentarium verfügen und dieses auch anzuwenden wissen, um die Inflation in einem verträglichen Ausmass zu halten.

 

Titelbild: ffikretow@hotmail.com – shutterstock.com

Über Dr. Thomas Stucki

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Herr Stucki hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Er führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 30 Mitarbeitenden. Er ist verantwortlich für die Verwaltung von Kunden-mandaten und Anlagefonds im Umfang von CHF 4,4 Milliarden. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.


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