Presserecht: Wiedergabe von Zitaten bei Recherchegesprächen

05.10.2015 |  Von  |  News
Keine Beiträge mehr verpassen? Hier zum Newsletter anmelden!
Presserecht: Wiedergabe von Zitaten bei Recherchegesprächen
Jetzt bewerten!

Wenn ein Journalist mit einem Gesprächspartner zu tun hat, muss er dann sein Einverständnis für Zitate einholen? Die Sachlage ist nicht so eindeutig, wie sie scheint.

Im März 2015 übernahm „Le Matin Dimanche“ in gekürzter Form eine umfangreiche Recherche der „Weltwoche“ über die therapeutische Betreuung des Mörders der jungen Adeline M., die im Jahr 2013 während eines begleiteten Ausgangs getötet worden war. Während der Vorbereitung der Publikation unterhielt sich der Journalist des „Le Matin Dimanche“ mehrmals mit seinem Deutschschweizer Kollegen, um den Rahmen der Übernahme festzulegen und den Kontext des Artikels zu besprechen.

Für den Deutschschweizer Journalist war klar, dass der Austausch den kollegialen Rahmen nicht überschritt. Zumindest macht er dies in seiner Beschwerde geltend, die er beim Presserat eingereicht hat, nachdem er festgestellt hatte, dass er zitiert worden war. Für „Le Matin Dimanche“ hingegen war es offensichtlich, dass Teile der Unterhaltung zitiert würden, auch wenn die Absicht nicht explizit erwähnt wurde.

Nach der zur „Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten“ gehörenden Richtlinie 4.6 muss ein Zitat aus einem Recherchegespräch vor der Veröffentlichung dann zur Genehmigung unterbreitet werden, wenn die befragte Person dies verlangt. Allerdings muss die betroffene Person Kenntnis davon haben, dass sie zitiert wird, hält der Presserat fest. Im vorliegenden Fall hätte „Le Matin Dimanche“ seine Absicht explizit erwähnen müssen.

Zudem hat der Presserat in früheren Stellungnahmen entschieden, dass Journalisten bei längeren Recherchegesprächen – vorbehältlich einer abweichenden Vereinbarung – verpflichtet sind, ihren Gesprächspartnern sämtliche zur Publikation vorgesehenen Aussagen zu unterbreiten. „Le Matin Dimanche“ hätte demnach dem Journalisten der „Weltwoche“ die Zitate von sich aus vorlegen müssen.



Der Presserat kommt zum Schluss, dass „Le Matin Dimanche“ Ziffer 4 der „Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten“ unter diesen zwei Gesichtspunkten verletzt hat.

 

Artikel von:  Schweizer Presserat
Artikelbild: © SpeedKingz – shutterstock.com

Über Samuel Nies

Als gelernter Informatikkaufmann war für mich schon schnell klar, dass die Administration von verschiedenen Systemen zu meinem Gebiet werden sollte. Um aber auch einen kreativen Anteil in meinen Arbeitsalltag zu integrieren, verschlug es mich in die Welt des Web Content Management.



Ihr Kommentar zu:

Presserecht: Wiedergabe von Zitaten bei Recherchegesprächen

Für die Kommentare gilt die Netiquette! Erwünscht sind weder diskriminierende bzw. beleidigende Kommentare noch solche, die zur Platzierung von Werbelinks dienen. Die Agentur belmedia GmbH behält sich vor, Kommentare ggf. nicht zu veröffentlichen.