Dem kleinen Mann in die Brieftasche geschaut

13.05.2014 |  Von  |  Finanzen
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Dem kleinen Mann in die Brieftasche geschaut
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Die Mehrzahl der Schweizer sind abhängig beschäftigte Arbeiter. Tag für Tag, Monat für Monat und Jahr für Jahr leisten sie ihren Beitrag zum Gelingen einer wirtschaftlichen Kompetenz, die weit über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt ist. Hier geht es weniger um Klischees, sondern vielmehr um echte Spitzenprodukte, die im grossen oder im kleinen Rahmen einen weltweit guten Ruf geniessen. Auch wenn die Schweiz für viele, besonders ausländische Arbeitnehmer als äusserst lukrativ gilt, lohnt sich auch hier der Blick in die Brieftaschen der einfachen Arbeitnehmer.

Hohe Löhne, hohe Preise



Nach einer Studie der Schweizerischen Eidgenossenschaft beträgt das durchschnittliche Einkommen der Privathaushalte in der Schweiz pro Kopf etwa 74’000 Franken im Jahr. Schon aus der Einlassung auf das durchschnittliche Gesamteinkommen wird klar, dass nicht jeder Arbeitnehmer über ein solches Einkommen verfügen kann. In einigen Branchen liegen die Einkommen höher, in anderen wieder niedriger.

Angegeben ist dabei das Bruttoeinkommen, so dass hier noch etwa 13 bis 20 % für Sozialabgaben abzüglich gemacht werden müssen. Eingerechnet sind hier aber auch Einkommensbestandteile beispielsweise aus Zinsen oder Leistungen aus Versicherungsverträgen.

Massgeblich für das Gesamteinkommen eines normalen Schweizer Arbeitnehmers sind die Art der Beschäftigung, die Qualifikation, die Branche, das Lebensalter und das Berufsalter sowie Regelungen nach den Gesamtarbeitsverträgen oder einzelvertragliche Regelungen, aus denen sich letztlich der Lohn ergibt.

Für Ausländer dürfte interessant sein, dass damit letztlich das verfügbare Einkommen eines durchschnittlichen Schweizer Arbeitnehmers derzeit netto bei etwa 50’000 Euro im Jahr liegen dürfte.



Das klingt zunächst recht attraktiv, relativiert sich aber wieder bei der Betrachtung des Preisniveaus in der Schweiz. Die Schweiz gilt zwar europaweit als ein Land der höchsten Löhne, zugleich aber auch als Land der hohen Preise.

Besonders die normalen Lebenshaltungskosten wie die für Nahrungsmittel, Mieten und notwendige Versicherungen sind sehr hoch. So bleibt vom scheinbar hohen Verdienst in den meisten Fällen nicht viel übrig.



Initiative für Mindestlohn nicht ohne Grund

Am 18. Mai stimmt das Schweizer Wahlvolk wieder einmal ab. Dieses Mal geht es unter anderem auch um einen Mindestlohn, der monatlich um die 4000 Franken betragen soll. In einigen wenigen Branchen gibt es den Mindestlohn schon, in anderen ist er zumindest von den Arbeitnehmern sehr ersehnt. Umstritten bleibt der Mindestlohn dennoch.



Die Initiative zum Mindestlohn kam allerdings nicht ohne Grund zustande. Immer mehr Schweizer Arbeitnehmer kommen mit dem Lohn nicht wirklich zurecht, da die Preisentwicklung keine Rücksicht auf die nachhinkende Lohnentwicklung genommen hat.

Schaut man in die Brieftaschen der weniger gut bezahlten Arbeitnehmer, dann herrscht dort nach Abzug aller erforderlichen Kosten eine weitgreifend gähnende Leere. Die kommt nicht daher, dass der Schweizer nicht mit Geld umgehen könnte. Vielmehr sind es die überdurchschnittlich hohen Preise, die so manchen vergleichsweise hohen Lohn auch schnell wieder auffressen.

Die Mehrzahl der Schweizer Unternehmen erwartet von ihren Arbeitnehmern echte Höchstleistungen. (Bild: ratch / Shutterstock.com)

Die Mehrzahl der Schweizer Unternehmen erwartet von ihren Arbeitnehmern echte Höchstleistungen. (Bild: ratch / Shutterstock.com)

Arbeitgeber in der Pflicht

Die Mehrzahl der Schweizer Unternehmen erwartet von ihren Arbeitnehmern echte Höchstleistungen. Und das in jeder Arbeitsstunde. Durchweg besser bezahlt sind die Abgänger von Universitäten und ähnlich hochqualifizierte Fachkräfte. Auch die Branchenunterschiede sind erheblich. Allerdings werden in der normalen Produktion nicht nur Führungskader oder Spezialisten gebraucht. Auch ganz normale Arbeiter bestimmen den Wert der Arbeit und sollten entsprechend so bezahlt werden, dass sie auch ein anständiges Leben weit oberhalb der Armutsgrenze führen können.

Ausserdem können nicht alle Arbeitnehmer in der Pharmaindustrie oder bei den Versicherungen beschäftigt sein. In allen Branchen muss gearbeitet werden. Hier sind die Arbeitgeber in der Pflicht. Vor allem diesbezüglich, dass sich die künftige Lohnzahlung nicht einfach nur am zu erwartenden Mindestlohn orientiert. Vielmehr sollten auch einfache Arbeitnehmer so gestellt sein, dass sie nicht in Richtung Sozialhilfe und anderer Transfergelder tendieren. Arbeit muss sich lohnen, egal welche.

Bedingungsloses Grundeinkommen?

Der Blick in die Brieftaschen der kleinen Arbeitnehmer zeigt also nicht nur um die 4500 Franken Monatseinkommen, sondern auch einen enorm schnellen Schwund dieses Betrages. Da erscheint die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen von 2500 Franken möglicherweise ab 2050 doch irgendwie verheissungsvoll und interessant. Damit kann sich dann sicherlich kein Schweizer in die soziale Hängematte legen, aber vielleicht mit weniger Sorgen um das tägliche Auskommen seine Arbeit leisten.

Interessanterweise gehört zu den bislang über 125’000 Unterzeichnern und Initiatoren der Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen auch der Gründer der Drogeriekette dm. Damit scheinen auch Unternehmer zu wissen, woran es dem kleinen Schweizer Arbeitnehmer mangelt.

Letztlich soll Arbeit nicht dazu da sein zu überleben, sondern man soll leben, um auch arbeiten zu können. Diese Logik scheint nachvollziehbar, wenn man im Land der hohen Löhne auch das Land der hohen Lebenskosten sieht. Dann nämlich fällt der Blick in die Brieftaschen vieler fleissiger, aber eben unterbezahlter Schweizer doch eher ernüchternd aus.



 

Oberstes Bild: © Champion studio – Shutterstock.com

Über Olaf Hoffmann

Olaf Hoffmann ist der kreative und führende Kopf hinter dem Unternehmen Geradeaus…die Berater.

Neben der Beratertätigkeit für kleine und mittlere Unternehmen und Privatpersonen in Veränderungssituationen ist Olaf Hoffmann aktiv in der Fort- und Weiterbildung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.

Als Autor für zahlreiche Blogs und Webauftritte brilliert er mit einer oftmals bestechenden Klarheit oder einer verspielt ironisch bis sarkastischen Ader. Ob Sachtext, Blogbeitrag oder beschreibender Inhalt – die Arbeiten des Autors Olaf Hoffmann bereichern seit 2008 in vielfältigen Formen das deutschsprachige Internet.



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