Brexit: Risiken für die Schweizer Wirtschaft

24.06.2016 |  Von  |  Finanzen, News
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Brexit: Risiken für die Schweizer Wirtschaft
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Die Briten haben für einen Austritt aus der EU gestimmt. Welche Verwerfungen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht dies mit sich bringt, ist noch nicht vollständig abzuschätzen. Fest steht jedoch, dass die Folgen des Brexit nicht spurlos an der Schweiz vorrübergehen werden.

Kurzfristig ist von einer Verschlechterung der Wachstumsaussichten auszugehen. Aber auch langfristig wird die Schweiz aufgrund eines strukturell geschwächten Europas betroffen sein.

BAKBASEL hat die fünf wichtigsten Wirkungsfelder identifiziert.

1. Unsicherheit über zukünftigen Status Grossbritanniens drückt auf Investitionen und Handel

Grossbritannien hat nach dem Brexit laut EU-Vertrag zwei Jahre Zeit, die Abspaltung von der EU zu organisieren. Zwei Jahre, um 40 Jahre Mitgliedschaft zurückzudrehen, die sämtliche Aspekte der britischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft betreffen – von Milchpreisen über Umwelt- und Verbraucherschutz bis hin zu Aufenthaltsrechten sowie Produktions- und Exportbedingungen.

Während auf der einen Seite das Herauslösen aus der EU im Sinne einer institutionellen Entflechtung ansteht, muss auf der anderen Seite eine neue Form der Handelsintegration gefunden werden (Freihandelsabkommen, Bilaterale Verträge, EWR/EFTA). Weder die Richtung, noch der Zeitraum noch das Ergebnis stehen fest.

Sicher ist jedoch, dass die Unsicherheiten über die zukünftige Zusammenarbeit die konjunkturelle Dynamik dämpfen (Investitionszurückhaltung). Sowohl die EU insgesamt wie auch UK sind wichtige Handelspartner der Schweiz. Eine Dämpfung der Nachfrage bei diesen Handelspartnern wird sich in der Schweiz bemerkbar machen (zumal bei der Nachfrage nach Investitionsgütern, einer der wichtigeren Schweizer Exportbranchen).

2. Reaktionen der Finanzmärkte bereits eingepreist? Zukunft des Finanzplatzes London unklar

Wie gross die Unsicherheit an den Finanzmärkten ist, haben bereits die Entwicklungen der Märkte in den letzten Wochen vor der Abstimmung gezeigt (der Euro Stoxx verlor zwische Ende Mai und Mitte Juni fast 10%, das britische Pfund wertete im selben Zeitraum um fast 4 Prozent zum Euro ab).

Das sich Verwerfungen an den Finanzmärkten auch von einzelnen Märkten her sehr schnell global ausbreiten können und auch die Realwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen, wurde uns spätestens 2008 schmerzlich vor Augen geführt. Die Schweiz könnte sich dem kaum entziehen. Allerdings ist davon auszugehen, dass es sich hierbei eher um ein vorübergehendes Problem handelt, zumal die wichtigen Notenbanken der Welt einmal mehr bereitstehen werden, negative Entwicklungen abzufangen.

Profitieren könnte die Schweiz vom Einfluss- und Ansehensverlust des Londonder Finanzplatzes. Es ist davon auszugehen, dass viele Banken zumindest Teile ihres Geschäfts auf den Kontinent verlagern werden. Dies stärkt wohl primär den Finanzplatz Frankfurt und andere EURO-Finanzmärkte. Es wäre wünschenswert, wenn auch die Schweiz davon profitieren würde.

3. Franken als „sicherer Hafen“ unter Aufwertungsdruck

Der Schweizer Franken dürfte in Zeiten der Unsicherheit wieder stärker gefragt werden, was ihn erneut unter verstärkten Aufwertungsdruck stellen wird. Dies war auch bereits im Vorfeld der Abstimmung sichtbar, als der Franken von rund 1.11 auf 1.08 CHF/Euro aufwertete. Es besteht die Gefahr, dass angesichts des hohen Drucks, unter dem viele Schweizer Exporteure bereits jetzt stehen, selbst eine vorübergehende Aufwertung dauerhafte Schäden in der Wirtschaft verursacht.

Einem Aufwertungsdruck auf den Franken dürfte sich die SNB entgegenstellen, insbesondere durch Eingriffe am Devisenmarkt. Damit sollte es gelingen, allzu grosse spekulative Ausschläge in den ersten Tagen und Wochen abfedern zu können. Einem länger währenden Aufwertungsdruck bei anhaltenden Unsicherheiten wird sie sich aber angesichts ihrer bereits sehr grossen Bilanzsumme nicht wirklich entgegenstellen. Insgesamt geht von einem – mit dem BREXIT wohl wahrscheinlichen – Aufwertungsdrucks auf den Franken die wohl grösste Gefahr für die Schweizer Wirtschaft einher, zumal dieser Aufwertungsdruck über Monate oder Jahre anhalten kann.

4. Verhandlungsspielraum mit der EU in Bezug auf die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative reduziert

Eine weitere Konsequenz des BREXIT dürfte sich in den Verhandlungen zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative zeigen. Es ist wohl davon auszugehen, dass es nun wirklich nicht mehr möglich sein wird, in der von der Schweiz selbstgesetzten Frist zu einer einvernehmlichen Lösung mit der EU zu kommen.

Bei einer wesentlich längerfristigen Sichtweise besteht jedoch auch die Chance, dass sich durch die Britischen Verhandlungen über die künftige Ausgestaltung ihrer Zuwanderungsregelungen inhaltlich sogar noch neue Perspektiven im Sinne der Schweiz ergeben.



5. Langfristig geschwächtes Europa ist schlecht für die Schweiz

Auf der zeitlichen Achse manifestiert sich mit dem BREXIT längerfristig ein weiteres Risiko für die Schweizer Wirtschaft. Die Schweiz ist mit Europa eng verbunden, nicht nur wirtschaftlich – rund 50% der Schweizer Expote gehen in den Euroraum, mehr als 6.5% nach Grossbritannien – sondern auch gesellschaftlich, politisch und wissenschaftlich. Löst der BREXIT eine europäische Kettenreaktion aus, die zu einer Aushöhlung der EU führt und Europa nachhaltig schwächt, hat dies unweigerlich vielfältige Rückwirkungen auf die Schweiz. Angesichts der engen und vielfältigen Verflechtungen ist davon auszugehen, dass ein schwaches Europa längerfristig auch schlecht für die Schweiz ist.

 

Artikel von: BAKBASEL
Artikelbild: © worradirek – shutterstock.com

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