Zukunft auf Eis – Irrtümer über das Social Freezing

29.10.2014 |  Von  |  Organisation
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Zukunft auf Eis – Irrtümer über das Social Freezing
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Social Freezing macht die Runde. Überall dort, wo es geht und mehr oder minder sinnvoll erscheint, lassen Frauen aus unterschiedlichem Antrieb ihre Eizellen einfrieren. Meist vorgeschobener Grund ist die berufliche Karriere.

Nur selten werden andere Gründe in Erwägung gezogen. Die Tendenz zum Social Freezing bringt scheinbare Vorteile für die Karriere, freut aber vor allem die Chefs.

Dass mit dem Social Freezing die Zukunft gewissermassen auf Eis gelegt wird, könnte auf den ersten Blick eine praktische Lösung sein, erweist sich aber in der konkreten Betrachtung oftmals als Irrweg. Während vor allem die daran gut verdienenden Institute und die interessierten Unternehmen die scheinbaren Vorteile des Social Freezings hoch loben, betrachte ich hier die Kehrseiten der Medaille.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Männer und Frauen haben heute den gleichen Anspruch auf eine gelingende berufliche Entwicklung. So der Ausgangspunkt. Kinder in der Familie werden hier manchmal zum Hindernis oder erschweren eine gleichermassen positive berufliche Karriere, vor allem für Frauen im gebärfähigen Alter. Hier scheint das Social Freezing die optimale Lösung zu sein. Die Eizellen werden eingefroren und so lange auf Eis gelegt, bis die Frau und der Partner bereit sind, Kinder zu bekommen. Dass dabei oftmals die beste Zeit versäumt wird, liegt wahrhaftig in der Natur der Sache. Frauen können eben nur über einen begrenzten Zeitraum hinweg Kinder bekommen. Die natürliche Uhr tickt also genauso wie die Uhr der beruflichen Karriere. Diese Interessensüberschneidung lässt sich aber nicht wirklich sinnvoll ausschliessen.

Wann ist denn nun der beste Zeitpunkt für Kinder? Vor der Ausbildung? Direkt danach? Dann, wenn die ersten Karriereschritte erfolgreich bewältigt sind? Oder vielleicht erst dann, wenn Frau auf dem beruflichen Höhepunkt angekommen ist? Die Antwort auf solche Fragen kann durchaus unterschiedlich ausfallen. Fest steht, die eigene Entscheidung der Frau für Kinder lässt sich nicht am beruflichen Status festmachen.

Erfahrungen haben gezeigt, dass besonders jüngere Mütter meist wesentlich besser organisiert sind und im Zusammenleben mit dem richtigen Partner auch die Herausforderungen von Familie, Beruf und Karriere gut unter einen Hut bringen können. Trotz erheblicher Mehrbelastungen.

Sind ältere Mütter besser?

Wird mittels Social Freezings der Zeitpunkt einer Schwangerschaft auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben, kommt es in aller Regel zu vermehrten Geburten nicht vor dem dreissigsten Lebensjahr der Frau. Oftmals werden jetzt sogar sehr späte Schwangerschaften prognostiziert, die letztlich für die Kinder auch ältere Eltern bedeuten. Diese haben sich dann oftmals in ein Leben eingefunden, in dem für Kinder bisher weder Raum, Platz noch Zeit war. Der plötzliche Wechsel nach vielen Jahrzehnten in den Elternstatus bereitet hier oftmals unerwartete Probleme. Ganze Lebenskonzepte müssen umgestellt werden.


Besonders jüngere Mütter sind meist wesentlich besser organisiert. (Bild: © mama 77SG - fotolia.com)

Besonders jüngere Mütter sind meist wesentlich besser organisiert. (Bild: © mama 77SG – fotolia.com)


Darüber hinaus sind ältere Eltern für Kinder nicht unbedingt die erste Wahl, wenn sie denn eine hätten. Oftmals wirken kleinere Kinder für Eltern mit mehr Lebenserfahrung eher störend, weil hier der Altersabstand doch recht gross ist und ein bereits vorgefertigtes Familienleben völlig aus der Bahn geworfen wird. Ob es dann letztlich für Teenager schön ist, Eltern im Pensionsalter zu haben, wirft weitere Fragen auf.

Wann ist die Karrierespitze erreicht

Ein dringlicher Wunsch für viele Mütter, die sich für das Social Freezing entscheiden, ist der Vorrang der Karriere. Erst sollen die beruflichen Ziele erreicht werden, dann kann über den Kinderwunsch nachgedacht werden. Wann aber ist der Höhepunkt der beruflichen Entwicklung erreicht? Und ist Frau dann wirklich bereit, an dieser Stelle ihr Berufsleben zu unterbrechen oder gar zu beenden? Ich glaube, eher nicht. Die Gewöhnung an einen gewissen Berufsstatus und Lebensstandard wird in einer solchen Phase nur selten aufgegeben werden. Und auch der Mann hat hier immer noch ein gutes Wörtchen mitzureden. Auch aus natürlicher Sicht. Immerhin verbessert sich die Qualität des männlichen Erbmaterials nicht automatisch mit zunehmendem Alter. Im Gegenteil.

Wie Karriere auch mit Kindern gelingt

Wie bereits erwähnt, sind junge Mütter oftmals besser aufgestellt als ihre gleichaltrigen kinderlosen Freundinnen und Kolleginnen. Das liegt in erster Linie daran, dass junge Mütter frühzeitig lernen, verschiedene Ansprüche unter einen Hut zu bringen. Sicherlich müssen hier an unterschiedlichen Stellen immer wieder Abstriche hingenommen werden, schaden tut das indes nicht. Wenn Frauen beispielsweise bereits mit 20 bis 25 ihre Kinder bekommen, sind diese mit knapp 40 vielleicht schon aus dem Haus. Zwischenzeitlich werden die Kinder zunehmend selbstständiger, Zeit und Raum für die berufliche Karriere werden also weiter. Werden Kinder jedoch erst mit 40 geboren, ist vielleicht die berufliche Karriere der Mütter gerade auf dem Höhepunkt, stören würden dann Kinder immer noch. Vom schon erwähnten immensen Altersunterschied einmal abgesehen.



Besser als die moderne Debatte über das Social Freezing erscheinen mir Überlegungen, wie seitens der Wirtschaft Kinderwunsch, Familie und Beruf noch besser vereinbar werden. Hier sind Betriebskindergärten und andere flexible Betreuungsangebote sicherlich im Vergleich zum Social Freezing die bessere Lösung. Daneben gibt es noch viele andere Wege, wie Frauen und Familien auch mit Kindern eine glänzende und zufriedenstellende Karriere hinlegen können. Auch im Sinne der Kinder. Fast peinlich ist es da, dass bereits grosse Unternehmen wie Facebook oder Apple ihren Mitarbeitern das Social Freezing zum Nulltarif anbieten, natürlich mit dem Versprechen verbunden, dass die Karrierefrauen dem Unternehmen uneingeschränkt treu bleiben.

 

Oberstes Bild: © Marco2811 – fotolia.com

Über Olaf Hoffmann

Olaf Hoffmann ist der kreative und führende Kopf hinter dem Unternehmen Geradeaus...die Berater.
Neben der Beratertätigkeit für kleine und mittlere Unternehmen und Privatpersonen in Veränderungssituationen ist Olaf Hoffmann aktiv in der Fort- und Weiterbildung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.
Als Autor für zahlreiche Blogs und Webauftritte brilliert er mit einer oftmals bestechenden Klarheit oder einer verspielt ironisch bis sarkastischen Ader. Ob Sachtext, Blogbeitrag oder beschreibender Inhalt - die Arbeiten des Autors Olaf Hoffmann bereichern seit 2008 in vielfältigen Formen das deutschsprachige Internet.


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