Fair gründen – welche Konzepte verfolgen soziale Unternehmen?

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Soziales Unternehmertum spielt in der öffentlichen Diskussion nur eine untergeordnete Rolle, sofern es dabei um einen messbaren Beitrag zur Wirtschaftsleistung geht. Die meisten Menschen verbinden den Begriff nur mit sozialem Engagement und Charity, jedoch nicht mit „echter“ unternehmerischer Leistung und der Absicht zur Gewinnerzielung.

Felix Oldenburg, Deutschland-Chef der internationalen Non-Profit-Organisation Ashoka, die weltweit „Social Entrepeneurship“ fördert, hat auf soziale Unternehmen einen völlig anderen Blick. Im Interview mit „Spiegel Online“ sprach er darüber, warum das Charity-Vorurteil nicht stimmt und was soziale Unternehmen von anderen Firmen unterscheidet. Auch die derzeit sieben durch Ashoka geförderten Projekte in der Schweiz zeigen im Übrigen eindrucksvoll, wie sich ökonomische Expertise und ein sozialer Ansatz zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell verbinden lassen.



Der Name Ashoka (Sanskrit: Ohne Sorge) leitet sich von einem indischen Fürsten her, der sich im 3. Jahrhundert v.Chr. nach langen Jahren kriegerischer Turbulenzen auf dem Subkontinent für Freiheit, Toleranz und wirtschaftlichen Fortschritt engagierte. Die Organisation Ashoka wurde 1980 durch den US-amerikanischen Unternehmer Bill Drayton in Washington D. C. gegründet. Heute fördert sie in etwa 70 Ländern soziale Unternehmer, also Menschen, deren Geschäftsidee nicht nur auf Profitabilität, sondern auch auf einen nachhaltig positiven Wandel der Gesellschaft zielt.

Ashoka – Unterstützung für innovative Ideen und ihre gesellschaftlichen Potenziale

Vor der Bestätigung als Ashoka-Mitglied (Fellow) durchlaufen die potentiellen Stipendiaten ein mehrstufiges Auswahlverfahren, in dem die wirtschaftliche Tragfähigkeit ihres Projektes ebenso wie dessen soziale Wirksamkeit geprüft wird. Pro Jahr nimmt Ashoka etwa 200 neue Fellows auf, die sie mit finanziellen Leistungen, Beratung sowie dem Anschluss an sozial orientierte Netzwerke in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft unterstützt.

Die Chance, Ashoka-Fellow zu werden, hat ein Unternehmer immer dann, wenn er innovative Ideen und das Potenzial zur Lösung gesellschaftlicher Probleme mitbringt. Zudem sollten die Konzepte sich an möglichst viele Menschen wenden und deren Lebensumstände positiv verändern. Mit Ashoka gründeten bisher rund 2’000 soziale Unternehmer ihre Firmen. Einige von ihnen arbeiten heute profitabel, reinvestieren ihre Gewinne jedoch wieder für soziale Zwecke, andere benötigen aufgrund eines echten Non-Profit-Arbeitsfeldes dauerhaft Sponsoren.



Der bekannteste von ihnen ist der Friedensnobelpreisträger Mohamed Yunus, der über die von ihm gegründete Grameen-Bank in Bangladesch lokale Kleinunternehmer, die keine Einkommenssicherheiten bieten können, mit Mikrokrediten fördert.

Unternehmertum ist nicht identisch mit Gewinnerzielung

Ashoka-Manager Oldenburg, der zuvor unter anderem bei McKinsey, als selbstständiger Unternehmer sowie als Berater an der Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft tätig war, sieht keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen konventionellen und sozialen Unternehmen. Der gedankliche Fehler besteht darin, dass die öffentliche Meinung Unternehmertum fast immer mit sofortiger Gewinnerzielung gleichsetzt.



In der Praxis schreiben jedoch die meisten Unternehmen – darunter auch heutige Giganten wie Apple oder Facebook – anfangs rote Zahlen. Echtes Unternehmertum bedeutet, dass ein Gründer an einer Stelle einen Markt sieht, der von anderen noch gar nicht wahrgenommen wird. Hier liegt einer der Stärken von sozialen Unternehmern – in einem Marktumfeld, das besonders schwierig ist, da ihre Produkte und Dienstleistungen nicht nur auf Gewinn, sondern auf die Lösung gesellschaftlicher Probleme zielen.

Soziale Unternehmen fördern Innovationen. (Bild: art4all / Shutterstock.com)

Soziale Unternehmen fördern Innovationen. (Bild: art4all / Shutterstock.com)

Soziale Unternehmen fördern Innovationen und erschliessen neue Märkte



Viele der Ashoka-Fellows haben eher ungewöhnliche Lebensläufe – allen gemeinsam ist, dass sie ebenso wie die besten Unternehmer in der Wirtschaft für ihre Projekte brennen. Den gesellschaftlichen Umgang mit sozialen Projekten sieht Oldenburg in diesem Kontext recht kritisch: Viele der „Social Entrepeneurs“ sind mindestens in der Startphase auf Spenden und Sponsoren angewiesen, einige von ihnen brauchen den Zuschuss für längere Zeit oder sogar dauerhaft. Gemeinnützige aufgestellte soziale Unternehmen, die auch von Spenden leben, erhalten zumindest in Deutschland keine staatliche Gründerförderung, obwohl sie langfristig neue Märkte aufbauen und oft echte Innovationen zu bieten haben.

Oldenburg geht davon aus, dass das zunehmende Interesse privater Investoren diese Situation künftig nachhaltig verändern wird. Ebenso ist er sich sicher, dass es an den Universitäten in absehbarer Zukunft auch das Fach „Social Finance“ geben wird. Die Finanzierung sozialer Innovation sei letztlich eine „Investition in zukünftige Märkte“. Investoren und alle anderen Marktakteure müssen also lernen, wie soziale Veränderungen auf privatwirtschaftlicher Basis finanzierbar werden können.

„Social Entrepeneurship“ – mehr als eine Modewelle

Innovationen werden von der breiten Masse und auch von potentiellen Investoren bisher vor allem als technologische Neuerung verstanden. Aus Sicht von Oldenburg ist mit einer sozialen Idee wie dem Carsharing, das Anfang der 1980er Jahre von Sozialunternehmern in Amsterdam erfunden wurde, jedoch ein viel grösseres innovatives Potential verbunden. Für die Konzerne können soziale Innovationen durchaus zur wirtschaftlichen Bedrohung werden. Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wertewandel, der den Sozialunternehmen zuarbeitet und mehr als eine Praktik der grossen Unternehmen obsolet macht – ein gutes Beispiel hierfür sind unter anderem die Fair-Trade-Debatte und Aktionen oder Boykotte gegenüber Marken, die in diesem Bereich selbst elementare Standards nicht beachten.

Oldenburg beschreibt noch eine andere wesentliche Seite: Soziale Unternehmen nehmen in ihrer Relation zu den Konzernen manchmal fast die Rolle von vorgelagerten Forschungs- und Entwicklungsabteilungen ein. Beispielsweise sei es für Pharmaunternehmen wichtig, die künftige Rolle von Patientennetzwerken zu verstehen.

Das Argument, dass „Social Entrepeneurship“ vor allem eine Modewelle und mit der Generation Y verbunden ist, lässt er nicht gelten. Die interessantesten Sozialunternehmer gehören bisher den älteren Generationen an. Neu bei der Generation Y ist, dass sie historisch gesehen erstmals Unternehmertum, Karriere sowie soziale Aspekte zusammen denkt und entsprechende Konzepte leben will. Oldenburg selbst war im vergangenen Jahr übrigens recht erstaunt, dass McKinsey seine eigene Karriere bei einer Rekrutierungsveranstaltung als Erfolgsgeschichte präsentierte und also offenbar davon ausgeht, dass diese auf junge High Potentials motivierend wirkt.



 

Oberstes Bild: © campincool / Shutterstock.com



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