Crowd Funding: Social-Business-Finanzierung 2.0

04.03.2014 |  Von  |  Allgemein, Finanzen

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Überraschend viele Menschen haben inzwischen von der faszinierenden Strategie gehört, die notwendige Finanzierung eines Projektes über zahlreiche (Privat-)Investoren zu realisieren, die jeweils kleinere Summen einbringen und auf unterschiedliche Weisen am finalisierten Projekt beteiligt werden.

Bekannt wurde das entsprechend benannte Crowd Funding aus dem künstlerischen Umfeld: Bands produzieren ihre Alben so ohne den Umweg über Plattenfirmen, Dokumentarfilm-Regisseure realisieren auf diesem Weg Filme, die für grosse Produktionsfirmen zu kontrovers wären, Journalisten und Autoren lassen sich bei Reportagen und Büchern unterstützen, für die die Redaktionen der Mainstream-Medien längst keine Budgets mehr haben.



Umgesetzt werden diese Finanzierungen auf Online-Plattformen, die entweder die Anlage sämtlicher Projektprofile zu bestimmten Bedingungen zulassen oder sich auf bestimmte Themengebiete und Zielgruppen spezialisiert haben.

Zunehmend etablieren sich nun auch Anbieter für die „Schwarmfinanzierung“ von Micro- und Social Business Gründungen. Gerade für soziale Unternehmer bietet das Online-Crowd Funding eine Reihe von einzigartigen Vorteilen, die über die reine Finanzierung der Businessidee weit hinaus gehen. Im Folgenden geben wir einen Überblick über die wichtigsten Eigenschaften des Crowd Fundings im Hinblick auf Social Businesses.

  • Beim Crowdfunding involvieren sich die Investoren durch Bewertungen und Vorschläge aktiv und kontinuierlich in alle Phasen der Produktentwicklung und des Produktlaunches (die meisten Plattformen vereinfachen diesen Austausch durch verschiedenste Dialogfunktionen). Dieses Crowd Feedback fördert den iterativen Prozess auf organische Weise über den gesamten Gründungsprozess hinweg – und nicht erst bei Markteintritt, was finanziell oft viel schmerzhafter und schlimmstenfalls existenzbedrohend sein kann.
  • Interessant gemachte und erfolgreiche Crowd Funding Kampagnen mit gegebenenfalls multimedialem und viralem Content können zu Social Media Selbstläufern werden und den entsprechenden Marketing- und Kommunikationsbedarf beim tatsächlichen Markteintritt (sowie die damit verbundenen Kosten) deutlich reduzieren.
  • Ähnliches gilt für die Medienarbeit: Aufgrund eines kontinuierlich steigenden medialen Interesses an neuen Investmentmodellen sowie Alternativen zum Zinseszins orientierten Banking genauso wie dem nie aus der Mode kommenden „Selfmade-Mythos“ im neuen Gewand kann eine innovative Funding-Phase aufwendige PR-Arbeit beim Launch fast überflüssig machen.
  • Auch das Reputationsmanagement eines jungen sozialen Unternehmens kann von einer offenen Fundingplattform enorm profitieren. Eine Schlüsselanforderung bei dem Gemeinwohl verpflichteten Gründungsideen ist immer die Herkunftstransparenz der verwendeten Mittel. Fundingplattformen publiziert hier sämtliche Zahlen nicht nur auf Aufforderung, sondern zeitgleich mit ihrer Verfügungstellung und einem genauen Profil der Quelle.
  • Häufig können soziale Unternehmer nicht voraussehen, wie viel Kapital tatsächlich nötig sein wird, um ihre Ideen wirksam Wirklichkeit werden zu lassen. Für traditionelle Investoren stellt dies ein Problem dar. Besonders Banken bauen ihre Risikoevaluierung darauf auf, dass das einmal eingeworbene Kapital für den Marktlaunch und die kritische erste Phase bis zur Gewinnerwirtschaftung reicht. Beim Crowdfunding herrscht weitaus mehr Flexibilität. Hier können die verschiedenen Gründungsphasen sukzessive finanziert werden. Häufig stellt sich auch heraus, dass eine Idee derartig erfolgreich ist, dass entweder Markt oder Zielgruppe relativ bald nach Gründung ausgedehnt werden können. In diesem Fall ist ein (gut begründeter) Aufruf zur Anschlussfinanzierung über dieselbe Plattform jederzeit möglich.
  • Crowd Funding macht Start-Ups auch für Gründer möglich, die ihr Unternehmen aus ethischen Erwägungen nicht auf den Krediten etablierter Banken aufbauen wollen.
  • Die Entscheidungsfindungsprozesse bei Crowd Fundern unterscheiden sich wesentlich von denen traditioneller Investoren. Sie gestatten den „Mind Sets“ von sozialen Unternehmern deutlich mehr Freiheit in der Gestaltung ihrer Finanzierungsstrategien. Diese würden sich normalerweise in trockenen Business- und Rentabilitätsplänen erschöpfen, die das wahre Potenzial des zu gründenden Unternehmens – Leidenschaft, Kreativität und Altruismus – oft nicht erschliessen. Auf Crowdfunding Plattformen stehen völlig andere Kommunikationsmöglichkeiten offen: Wer etwa (reales Beispiel) eine Klopapiermarke auf den Markt bringen will, die wiederum die Einrichtung von Sanitäranlagen in Schwellenländern finanzieren soll, setzt sich eben so lang vor laufender Webcam aufs Klo, bis das notwendige Kapital zusammengesammelt ist. Unwahrscheinlich, dass sich irgendein Banker dieser Welt von einer Liveübertragung aus dem stillen Örtchen überzeugen lassen würde; im Web sind so die notwendigen 50.000 $ Grundkapital generiert worden.
  • Soziale Unternehmer haben inzwischen eine breite Auswahl an möglichen Funding Plattformen – von thematisch spezialisierten bis zu Anbietern, die keinerlei inhaltliche Schwerpunkte setzen. Natürlich ist die Auswahl entscheidend für den Erfolg der Kampagne; allerdings wird diese von den Plattformen selbst leicht gemacht, indem die dahinter stehenden Anbieter ihre eigenen Netzwerke und Interesse grösstenteils offen legen. Bei Banken ist dies anders. Deren Investment in Projekte, die denen des sozialen Unternehmens grundsätzlich zuwiderlaufen (Landgrabbing-Fonds und Lebensmittelspekulationen sind nur zwei Beispiele) sind oft undurchsichtig und für den Gründer nicht eindeutig auszuschliessen.
  • Crowdfunding macht es möglich, einen bestimmten Investorenkreis von vornherein auszuschliessen oder individuelle Fundgeber abzulehnen. Natürlich sollte diese Option nicht ausgereizt werden, aber sie gestattet es sozialen Gründern gegenüber anderen Investoren, ihrer Zielgruppe und potenziellen Geschäftspartnern ethisch konsequent zu bleiben.




  • Je nach Investitionsmodell und Vertragsgestaltungen sind auch soziale Unternehmen vor feindlichen Übernahmen nicht geschützt. Dies hat in den letzten zehn Jahren nicht selten zum unrühmlichen Ende hoffnungsvoller Social Businesses geführt. Crowd Funding macht diese Form des Kontrollverlustes wesentlich unwahrscheinlicher – oder, wenn der Gründer es intelligent angeht, unmöglich. Es bedarf dazu natürlich zusätzlich eine gewisse Resilienz gegenüber der Versuchung, professionelle Investoren zu akzeptieren, wenn sie plötzlich auf den Crowdfunding Zug aufspringen wollen. Auch dies ist kein seltenes Phänomen, auf das soziale Gründer sich mit einer entsprechenden Strategie vorbereiten sollten.

 

Oberes Bild: Crowd Funding als eine faszinierende Strategie der Social-Business-Finanzierung (Bild: © igor kisselev – Fotolia.com)



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