Nachhaltig prosperieren: Wie sich Familienunternehmen zukunftsfit machen

19.02.2014 |  Von  |  Selbstmanagement
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Nachhaltig prosperieren: Wie sich Familienunternehmen zukunftsfit machen
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2,1 Prozent Wachstum: Die Jahresprognose der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich für 2014 stimmt die Mehrheit der Familienunternehmer weiter optimistisch. Auch in Deutschland ergab im Dezember eine Umfrage unter 461 Familienbetrieben, dass 63 Prozent für das kommende Jahr mit wachsendem operativen Geschäft rechnen. Was macht moderne Familienunternehmen fit für die Zukunft?

Zwar kritisiert Lutz Goebel, Präsident von Die Familienunternehmer, die Energiewende sowie Rückschritte bei arbeitsrechtlicher Flexibilisierung und mahnt, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nicht durch die Verteuerung der Faktoren Energie und Arbeit zu gefährden. Trotzdem blicken deutsche Familienunternehmen auf erfolgreiche Jahre zurück: Drei Viertel der befragten 461 Firmen steigerten ihre Umsätze bzw. Anlage- und Umlaufvermögen von 2008 bis 2013 teils erheblich und stellten im gleichen Zeitraum 63 % neue Mitarbeiter ein.



Nur 16 % verzeichneten Einbussen. Wer die nächste Generation früh an der Führung beteiligt, für externe Entscheider offen ist und seine Geschäftsaktivitäten internationalisiert, scheint die Nase vorn zu haben. Ungeachtet aller Turbulenzen gingen Patriarchen, die ihr Geschäft solide weiterentwickelten, gestärkt aus der Krise hervor. Denn Familienunternehmen geniessen eine Freiheit, die Publikumsgesellschaften fehlt: Mittel- bis langfristige Strategien erlauben auch Durststrecken, flache Hierarchien und kurze Entscheidungswege machen höchst flexibel – übrigens auch in der Schweiz ein Erfolgsrezept.

Global aufgestellt: Wachstum braucht Wandel

Seit 2006 leistet sich die Schweiz dazu eine eigene Fakultät, das Zentrum für Familienunternehmen der Universität St. Gallen. Wer mehr über Schweizer Familienunternehmen, deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) geschätzte 60 Prozent beträgt, erfahren möchte, den lädt das A-Z-Nachschlagewerk „Schweizer Standards – aus bester Familie“ zu einer Reise durch die Geschichte zahlreicher Familienbetriebe ein, von denen einige bereits in fünfter Generation geführt werden. Ganze 88 Prozent aller Schweizer Firmen sind kleine und mittlere Familienbetriebe und 37 Prozent der börsennotierten Unternehmen ebenfalls in Familienhand – und laut Credit Suisse bei internationalen Käufern heiss begehrt.

Was machen florierende Schweizer und deutsche Unternehmen besser als andere? Sie haben erkannt, dass es ohne Wandel kein Wachstum gibt. Alles blickt auf die Enkelgeneration, die sich in Deutschland in dritter Generation zu 44 % global aufstellt, wie eine Untersuchung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC und des Wittener Instituts für Familienunternehmen (WIFU) mit Unterstützung der INTES Akademie für Familienunternehmen ergab. 2012 erzielte fast jedes dritte Familienunternehmen über 60 Prozent seiner Erlöse im Ausland und 80 Prozent waren im Ausland aktiv – sechs von zehn sogar in über 20 Ländern. Über zwei Drittel investieren in China, das damit den USA den Rang abgelaufen hat. Knapp jeder fünfte Familienbetrieb ist sogar ausschliesslich dort präsent. Der Grund, weshalb sich die Nachfolger – anders als ihre Väter – dort statt in den USA bewähren müssen, bevor man ihnen Führungsverantwortung überträgt: Im Asien- und Südamerikageschäft aktive Familienunternehmen verzeichneten das schnellste Wachstum. 40 Prozent wuchsen durch Akquisitionen, aber ein Drittel gibt sich bei Auslandsübernahmen vorsichtig, während ein Viertel auf organisches Wachstum in Deutschland vertraut.



Eigentümergeführte: Sich solide am Markt behaupten

Eigentümerstruktur und Wachstumsperspektive sind eng verknüpft. Es liegt im Trend, Unternehmensanteile aus Gründen der Erbschaftssteuer eher zu übergeben als früher. Dazu bringen laut genannter Studie familienfremde Geschäftsführer, die ihren Posten möglichst kurzzeitig bekleiden, frischen Wachstumswind. Wobei WIFU-Chef Tom Rüsen einräumt, dass es die optimale Zahl an Familiengesellschaftern nicht gäbe: Schliesslich seien Unternehmen wie Merck und Freudenberg trotz ihrer Zahl von 200 und mehr Gesellschaftern entscheidungstechnisch effizient organisiert.

Wann spricht man in Deutschland und der Schweiz von Familienunternehmen? Sobald 20 Prozent des Aktienbesitzes in Familienhand sind – in der Schweiz stellen Familienunternehmen gut die Hälfte der börsennotierten Firmen. In Deutschland hält mehr als jeder zweite Chef 40 Prozent der Anteile und in Gründerfamilien der Pharmaindustrie wie Roche ist es keine Ausnahme, wie die Erben von Fritz Hoffmann-La Roche über die Stimmrechtsmehrheit zu verfügen. Anlagestrategien, die Qualität und Solidität ins Zentrum stellen, sind attraktiv, wie ein aktueller Vergleich annualisierter Renditen belegt. Auch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Familienunternehmen weisen tendenziell bessere operative Rentabilitätswerte sowie langfristig stabilere Gewinne aus, was auf Börsenkurse nicht ohne Effekt bleibt.



Aktienindizes, die eigentümergeführte Gesellschaften abbilden, notieren besser als der Gesamtmarkt. So übertraf der CS-Family-Index aus 40 US-amerikanischen und europäischen Familienfirmen den MSCI-World-Index in den letzten zehn Jahren um über 6 Prozent pro Jahr. Mit Stärkung der globalen Konjunktur legt auch der Schweizer Aussenhandel 2014 bei gleichzeitig solidem Binnenkonsum weiter zu, wobei Eigentümergeführte, weltweit Marktführer in speziellen Nischen, besonders profitieren. Weil langfristig fokussiert, überstanden Familienunternehmen die Krise überwiegend gut, während sie managergeführte Firmen zwang, auf Fremdkapital zurückzugreifen sowie Kapazitäten und Mitarbeiter abzubauen. Eigentümergeführte Firmen konnten dank überdurchschnittlicher Eigenkapitalbasis neue Märkte antizyklisch erschliessen, um dort innovative Produkte und Dienstleistungen zu lancieren.

Fortschrittskonzepte: Wertorientierung lenkt Entscheidungsprozesse

Manchmal behindern sich Familien durch interne (Nachfolge-)Krisen gegenseitig, wie beim Schlachthofriesen Tönnies, wo Onkel Clemens und Neffe Robert vor Gericht um die Geschäftsanteile streiten. Jeder hält 50 Prozent, aber der Neffe verlangt einen fünfprozentigen Firmenanteil, den er 2008 seinem Onkel übergab, jetzt zurück. Die Begründung: Verwirkung der Schenkung durch Förderung konkurrierender Unternehmen. Dr. Tom Rüsen, geschäftsführender Direktor des WIFU, deren Träger über 60 Familienunternehmen sind, ist überzeugt: Wachstum ist kein Selbstzweck, sondern das Ergebnis gemeinsamer Entscheidungen der Gesellschafterfamilie. Nur wer Entscheidungsprozesse so gestaltet, dass die typische Wertorientierung nicht zugunsten von Wettbewerbszwängen geopfert wird, kann langfristig als Familienbetrieb erfolgreich sein.





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Jedes Familienunternehmen brauche ein eigenes Fortschrittskonzept. (Bild: Silke Kaiser / pixelio.de)

Entsprechend sind Forschung und Lehre an der Wirtschaftsfakultät der Universität Witten-Herdecke auf die generationenübergreifende Zukunftsfähigkeit von Familienunternehmen in den Bereichen Betriebswirtschaftslehre, Psychologie/Soziologie und Rechtswissenschaften fokussiert. „Neuland“ hiess das Motto des Familienunternehmer-Kongresses in Witten-Herdecke: Vor 270 Teilnehmern setzte sich Schirmherrin Susanne Klatten, Quandt-Erbin und BMW-Aufsichtsrätin, für Innovationsfreude als Basis nachhaltigen Wachstums ein. Klatten, die auf Ökologie in der Ökonomie setzt, glaubt an Wachstumsgrenzen. Jedes Familienunternehmen brauche ein eigenes Fortschrittskonzept – blosse Bestandssicherung sei kein Kernziel von Familienunternehmen.

Wertesysteme hoch gewichten = prosperieren

Noch in den 1970ern war es salonfähig, Grösse mit Effizienz und Fortschritt in einem Atemzug zu nennen. 2014 sind viele dieser Grosskolosse, die den Anschluss an die Marktverhältnisse verpassten, Geschichte. Dagegen behaupten sich Familienunternehmen – immer wieder als innovationsfeindlich kritisiert – besser denn je. Die Februarausgabe des Schweizer Monats feiert sie gar als Zeichen vitaler Wirtschaft, denn das Unternehmensziel der Entrepreneurs lautet: Langfristige Prosperität im Verbund mit nichtmonetären Zielen wie Wahrung der Unabhängigkeit.

So macht die hohe Gewichtung identitätsstiftender Wertesysteme Familienunternehmen nicht zuletzt zu attraktiven, weil verlässlichen Arbeitgebern – in der Schweiz sind sie im Family Business Network Deutsche Schweiz organisiert. Als traditionelles Rückgrat der Schweizer Volkswirtschaft haben sie sich die Wertschätzung der Mitarbeitenden und Kontinuität im Spannungsfeld globaler Wirtschaft und währungspolitischer Unsicherheit auf die Fahnen geschrieben. Regional verankert und in Nähe zu den Universitäten, begreift man Familie als den von Vertrauen, Toleranz, Respekt und Verantwortung geprägten Kern der Gesellschaft. Und kämpft zuweilen, denn auch in der Schweiz ist familieninterne Nachfolge rückläufig, wo Individualisierung des Arbeitslebens und die Bereitschaft, die Heimat zu verlassen, ihren Tribut fordern.

Und wie lautet der neue Geheimcode deutscher Familienunternehmen? NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin verriet ihn auf dem Familienunternehmer-Kongresses: Er heisst natürlich „enkelfähig“. Entsprechend warb Verfahrenstechniker Michael Braungart von der Erasmus Universität dafür, einen positiven ökologischen Fussabdruck durch wertschöpfende Innovationen zu hinterlassen – dafür, dass Familienunternehmen ihren Enkeln erklärten, womit sie ihr Geld verdienten, sei es nie früh genug.



 

Oberstes Bild: © Calado – Fotolia.com


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