Digitale Arbeitswelten 1: Die Zukunft gehört der Crowd – aber: Die Schwachen könnten untergehen

17.02.2014 |  Von  |  Kommunikation, Organisation, Web
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Digitale Arbeitswelten 1: Die Zukunft gehört der Crowd – aber: Die Schwachen könnten untergehen
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Der Berliner Organisations- und Zukunftsforscher Ayad Al-Ani ist der Meinung, dass klassische Hierarchien in Unternehmen und Politik ihren Höhepunkt erreicht oder vielleicht bereits überschritten haben. Sie werden durch neue individualisierte Kooperationsformen ergänzt oder ersetzt. In seinem aktuellen Buch „Widerstand in Organisationen. Organisationen im Widerstand“ beschreibt er, wie digitale Technologien und die Globalisierung konventionelle Arbeitsformen in neue „netzwerkartige Organisationsformen“ transformieren. Damit stehen zwangsläufig auch gängige Organisations- und Managementansätze auf dem Prüfstand. Al-Ani ist überzeugt, dass die Arbeitswelt der Zukunft sich als digitale Crowd formieren wird. Für die „Schwachen“ berge die digitale Leistungsgesellschaft jedoch auch existentielle Gefahren.

Al-Ani sieht die Verlagerung von Arbeit in die Crowd keineswegs nur als ein Resultat von Kostendruck und Rationalisierungen auf Unternehmensseite. Im Gegenteil: Das Bedürfnis danach geht nicht zuletzt von den (noch angestellten) Mitarbeitern aus. Viele Arbeitnehmer fühlen sich in ihren Jobs weder motiviert noch wertgeschätzt. Da sie in ihren Jobs keine Erfüllung finden, suchen sie in ihrer Freizeit neue Kollaborationsräume für ihre Kreativität und ihre Talente. Solche Projekte realisieren sich seit langem oft im Internet und in globalem Massstab. Auf virtuellen Plattformen entstehen Softwareanwendungen, Dienstleistungen und Produkte, die der Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Konventionellen Unternehmen erwächst hieraus eine immer stärkere Konkurrenz. Sie können entweder versuchen, um ihre Exklusivität zu kämpfen oder die Arbeit solcher freien Produzenten in ihrem Interesse kommerzialisieren.



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Viele Arbeitnehmer fühlen sich in ihren Jobs weder motiviert noch wertgeschätzt. Da sie in ihren Jobs keine Erfüllung finden, suchen sie in ihrer Freizeit neue Kollaborationsräume für ihre Kreativität und ihre Talente. (Bild: Jorma Bork / pixelio.de)

Unternehmen profitieren von der Kreativität der Crowd

Ein prominentes Beispiel für die Kreativität der Crowd ist das freie Betriebssystem Linux, das Anbietern wie Microsoft inzwischen spürbar Konkurrenz macht. Andere Unternehmen nutzen „die Produktivität der Masse“: Amazon vermarktet die Rezensionen seiner Kunden. In den Online-Ausgaben etablierter Medien sind Kommentare und Leser-Artikel inzwischen gang und gäbe. Unternehmen nutzen Blogs und Social-Media-Plattformen als interaktives Marketing-Instrument, bei denen auch die User wichtige inhaltliche Funktionen übernehmen. Auch Hotelbewertungsplattformen wie Tripadvisor leben nicht zuletzt vom den Erfahrungen ihrer Nutzer. An der Schnittstelle zwischen den Peers respektive freien, nichtkommerziellen Produzenten und den Unternehmen etablieren sich Dienstleister, welche die Fähigkeiten der Crowd – tausender Kreativer – für Aufgabenstellungen in Unternehmen bündeln. Auf virtuellen Serviceplattformen treffen virtuelle Business-Kunden sowohl auf Profis als auch auf Amateure. Für die Führungsarbeit in Unternehmen bleibt dieses Phänomen nicht folgenlos.



Hyperwettbewerb und Wechsel von der „Push- zur Pull-Ökonomie“



Al-Ani ist der Meinung, dass eine der Schlüsselfragen für Manager in Zukunft lauten wird, wie die Innovationsfähigkeit der Crowd gesteuert werden kann. Anders gesagt: Wie kann ein Unternehmen die freien Produzenten dazu bringen, etwas zu entwickeln, das zu seinen Bedürfnissen massgeschneidert passt. Führungsarbeit überschreitet damit die Unternehmensgrenzen. Die „Manager von morgen“ müssen in den Internet-Communities vernetzt sein. Sie müssen wissen, wo sie Experten für ihre Themen finden, die Externen motivieren und die virtuelle Kommunikation exzellent beherrschen.

In seinem Buch beschreibt der Wissenschaftler die aktuelle Transformation als Übergang von einer „Push- zu einer Pull-Ökonomie“. Hinter dieser Formulierung verbirgt sich die Annahme eines „Hyperwettbewerbs“, der keinen Raum für langfristige Wettbewerbsvorteile bietet. Stattdessen kommt es darauf, Fähigkeiten immer schneller zu identifizieren und neu zu kombinieren. Die notwendigen Ressourcen dafür kommen notwendigerweise künftig immer stärker aus der Crowd – die allerdings autonom produziert und von den Unternehmen nur bedingt direkt beeinflusst werden kann. Für die Firmen ergeben sich daraus durchaus Pros und Contras – nicht immer bringt das Outsourcing das gewünschte Resultat. Die Crux dabei: Viele Firmen sind bereits heute so verschlankt, dass ihre Mitarbeiter es nicht oder nicht mehr in vollem Umfang schaffen, Produkte, Dienstleistungen und Innovationen vorrangig intern zu entwickeln.



Arbeitnehmerfokussierte Strukturen lösen sich sukzessive auf

Gleichzeitig kommerzialisieren auch die Peers selbst sowie die Dienstleister, die sukzessive diesen Markt besetzen, die freien Angebote immer stärker. Al-Ani geht davon aus, das es künftig deutlich mehr Selbstständige und weniger festangestellte Mitarbeiter geben wird. Die Unternehmen profitieren von der neuen Flexibilität und suchen sich das Personal, das sie gerade brauchen. Beschäftigungssicherheit ist damit jedoch immer weniger gegeben. In den USA ist dieser Prozess bereits in vollem Gange und auch hierzulande bereits in grösserem Masse angekommen. Andererseits arbeiten inzwischen viele Menschen freiwillig und gerne als digitale Freiberufler – mit dem Gefühl, dass sie auf konventionellen Arbeitsplätzen ebenfalls jederzeit gefeuert werden können und durch die neuen Arbeitsformen ihre Tätigkeit zumindest als selbstbestimmt erleben. Die (Berufs-) Biografien werden künftig jedoch brüchiger und komplizierter werden. Durch die Arbeit in der Crowd werden auch arbeitnehmerfokussierte soziale Absicherungssysteme in Teilen obsolet. Der Druck auf den Einzelnen wird sich aus Al-Anis Sicht immens verstärken. Die neuen Selbstständigen sind beispielsweise zu ständiger Produktivität sowie zu lebenslanger Weiterbildung – oft auf virtueller Basis und in einem globalen Kontext/Wettbewerb – gezwungen. Zudem konstituiert sich Wissen in Zukunft deutlich projektbezogener als bisher.

Die grosse Frage an diese neue Arbeitswelt wird heissen: Was geschieht mit denen, die diese Produktivität nicht oder nicht mehr leisten können? Wenn hier keine Absicherungsmassnahmen greifen, sieht Al-Ani eine „brutale Leistungsgesellschaft“ kommen, in der „die Schwachen untergehen“. Als positiven Ansatz, der sich vielleicht künftig durchsetzt, betrachtet der Wissenschaftler beispielsweise die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Jeder gewänne hierdurch die Freiheit, seine Talente und Neigungen mit sinnvoller – und auch kommerzieller – Tätigkeit zu kombinieren.



 

Oberstes Bild: @ Mimi Potter – Fotolia.com


1 Kommentar


  1. Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Aber ich denke auch wenn viel an externe oder die Crowd ausgelagert wird, so sind wohl echte Mitarbeiter auch in der Zukunft noch gefragt. Schließlich hat man beim Wechsel des „Mitarbeiters“ dann keinen Know-How-Verlust. Bei uns sind Fachkräfte mittlerweile schon so knapp, dass wir alles versuchen um unsere bestehenden Mitarbeiter zu halten. Dabei sind z.B. Mitarbeiterbefragungen (http://www.askitright.com/ch/bestellung/) sehr wichtig. Aber natürlich versuchen wir auch unsere Arbeitsplätze so attraktiv wie möglich zu machen, um neue Mitarbeiter zu gewinnen!

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