Schweizer Wirtschaft durch Plebiszit in Gefahr?

14.02.2014 |  Von  |  News
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Schweizer Wirtschaft durch Plebiszit in Gefahr?
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Ist die Schweiz noch zu retten? Diese Frage stellen sich mittlerweile nicht nur viele Schweizer selbst, sondern auch die europäischen Nachbarländer. Grund für solche Bedenken liefert der Volksentschied zur Masseneinwanderung vom 09.02.2014. Mit knapper Mehrheit haben sich die Schweizer für eine Begrenzung der Zuwanderung und damit auch gegen einen weitgehend liberalisierten Arbeitsmarkt entschieden. Die möglichen Folgen sind ebenso breit gestreut wie die Chancen des Zutreffens negativer Szenarien.

Jetzt gilt es, die Nachteile und Vorteile gut abzuwägen und daraus eine gesetzliche Situation zu schaffen, die den Erhalt des Wirtschaftsstandortes Schweiz mit den boomenden Unternehmenszweigen nicht gefährdet.



Hohe Ausländerquote in vielen Unternehmen

Bislang war die Schweiz für viele Arbeitnehmer aus dem europäischen Ausland ein begehrtes Ziel. Eine vergleichsweise stabile wirtschaftliche und politische Lage hat die Schweiz ebenso zum Einwanderungsland gemacht wie die liberale Grundgesinnung und die aussenpolitische und militärische Neutralität. Damit könnte bald Schluss sein. Die knappe aber dennoch gültige Volksentscheidung gegen die Masseneinwanderung kann für die Schweizer Wirtschaft eine Weichenstellung mit noch unbekannter Wirkung sein. So häufen sich aus vielen Branchen die Ressentiments gegen eine Begrenzung der Einwanderung. Beispielsweise in der Pharma- und Biotech-Industrie sind knapp die Hälfte der Beschäftigten Menschen mit ausländischen Wurzeln. Dabei trifft es hier eine der exportstärksten Branchen der Schweizer Wirtschaft überhaupt. Nicht nur in den Führungsetagen von Novartis und Co. sitzen hochqualifizierte Kräfte zum Beispiel aus Deutschland. Auch ein beträchtlicher Teil der Arbeitskräfte stammt aus EU-Ländern und zeichnet sich durch hervorragende Ausbildungen und eine zuverlässige Arbeit aus. Sollte hier ein Einschnitt geplant sein, stellt das viele Unternehmen vor eine Überlebensfrage, die dann nicht mehr in der Schweiz beantwortet werden kann. Neben der Pharmaindustrie schauen aber auch viele andere Unternehmen wie beispielsweise Google mit Besorgnis auf die weitere Entwicklung. Wird die Zuwanderung gestoppt, fehlen in absehbarer Zeit schnell viele qualifizierte Fachkräfte und die Schweiz gerät als lukrativer Wirtschaftsstandort in Gefahr. Betroffen sind hier auch Tourismusbetriebe wie Hotels und Pensionen oder Krankenhäuser und Altenheime, in denen viele Servicekräfte und Pflegekräfte auch aus der EU kommen.

Die Schweiz lebt vom Export

Wird die Masseneinwanderung nach dem Plebiszit vom 09. Februar 2014 nicht auf eine intelligente Art reguliert, droht auch im Export ein empfindlicher Einbruch. Zur Zeit lebt in der Schweiz jeder dritte Arbeitsplatz vom europäischen Handel. Der Volksentscheid könnte jedoch dazu führen, dass die EU die handelsrechtlichen Beziehungen zur Schweiz verschärft. Das kompliziert dann auch die Lage der exportierenden Wirtschaft mit derzeit unabsehbaren Folgen. Nicht nur als Transitland ist die Schweiz vielen Europäern bekannt, sondern eben auch als Land der Schweizer Präzision von der Uhr bis zum Taschenmesser. Wünschenswert bleibt, dass eine solche Präzision auch im Hinblick auf die Umsetzung des Volksentscheides in spätestens drei Jahren die Oberhand behält. Hier ist der Bundesrat nicht nur gefragt, sondern in der Pflicht. Werden die Absichten zur Verhinderung der Masseneinwanderung allzu restriktiv durchgesetzt, drohen der Schweiz empfindliche Reaktionen aus dem europäischen Umfeld. Und das nicht nur in politischer, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht.



Ausländerpolitik ausgewogen und klug entscheiden



Die Gründe für das Ergebnis der Volksbefragung zur Masseneinwanderung in die Schweiz scheinen recht vielfältig zu sein. Hauptsächlich entstehen Bedenken gegen zu viele Einwanderer aus der Tatsache, dass sich der Schweizer im eigenen Land als Arbeitnehmer nicht mehr gefragt fühlt. Schuld daran ist vielleicht auch eine fehlerhafte Ausbildungspolitik in den Unternehmen, die lieber auf ausländische Spezialisten zurückgegriffen haben, statt selbst für ausreichend Nachwuchs in der Wirtschaft zu sorgen. Immerhin sind viele Führungspositionen in Schweizer Unternehmen fest in deutscher Hand. Fürchten die Schweizer hier eine schleichende Übernahme ihrer Wirtschaft oder gibt es auch in der Schweiz, ähnlich wie in den Ballungszentren Deutschlands, grosse Probleme mit der Integration der Ausländer? Diese Fragen lassen sich hier nicht beantworten. Klar hingegen scheint, dass ein Wechsel in der Ausländerpolitik so oder so erforderlich scheint. Die Ressentiments eines großen Teils der Bevölkerung gegenüber Ausländern hat viele Ursachen. Daraus der eigenen Wirtschaft einen Strick zu drehen ist und bleibt gefährlich.

Reaktionen auf den Schweizer Volksentscheid

Was Unternehmen jetzt tun oder lassen sollten

Die Wahrnehmungen in der Schweizer Wirtschaft sind nach dem Plebiszit sehr vielschichtig. Während die einen verhalten vorsichtig agieren, erklären andere, dass sie nicht gewillt sind, an der bisherigen Beschäftigungspolitik etwas zu ändern. Auf der einen Seite mit Hoffen, auf der anderen Seite mit Bangen wird auf die Bundesrats-Entscheidung zur Umsetzung des Volksentscheides gewartet. Dabei gehen viele Betriebe mit hohem Ausländeranteil davon aus, dass einer Einwanderung dann nichts im Wege steht, wenn die Einwanderer in der Schweiz dauerhaft in Lohn und Brot stehen. Andere Unternehmen halten sich vorsichtig zurück und entwickeln schon jetzt betriebsinterne Szenarien, wie bei einer wie immer gearteten veränderten Einwanderungsgesetzgebung reagiert werden kann.

Fest steht jedoch, dass auch die Begrenzung der Masseneinwanderung eine legitime demokratische Entscheidung des Schweizer Volkes ist. Dafür kann kein anderer demokratischer Staat die Schweiz unter Druck setzen oder irgendwie anders reglementieren. Eine Einmischung in innerstaatliche Angelegenheiten verbietet sich schon deshalb, weil die Schweiz kein Mitgliedsstaat der EU ist und auch bezüglich der Einwanderungspolitik ihre Angelegenheiten souverän und eigenständig entscheiden wird! Bleibt zu hoffen, dass diese Entscheidung weitsichtig und klug auch im Sinne der eigenen Wirtschaft getroffen wird.



 

Oberstes Bild: @ WoGi – Fotolia.com

Über Olaf Hoffmann

Olaf Hoffmann ist der kreative und führende Kopf hinter dem Unternehmen Geradeaus...die Berater.
Neben der Beratertätigkeit für kleine und mittlere Unternehmen und Privatpersonen in Veränderungssituationen ist Olaf Hoffmann aktiv in der Fort- und Weiterbildung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.
Als Autor für zahlreiche Blogs und Webauftritte brilliert er mit einer oftmals bestechenden Klarheit oder einer verspielt ironisch bis sarkastischen Ader. Ob Sachtext, Blogbeitrag oder beschreibender Inhalt - die Arbeiten des Autors Olaf Hoffmann bereichern seit 2008 in vielfältigen Formen das deutschsprachige Internet.


1 Kommentar


  1. Die Vorbehalte lassen sich erst abbauen wenn verlässliche Daten zu den Auswirkungen vorliegen. Hauptursache könnte jedoch, wie angesprochen, ein Stück weit die fehlende Wertschätzung der eigenen Bürger sein. Anstelle diese für die zukünftigen Herausforderungen auszubilden wird lieber auf Fachkräfte aus anderen Regionen gesetzt. Daher ist das Zeichen der Schweizer weiterhin zwar diskussionswürdig unter diesem Blickwinkel aber auch beachtenswert.

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